DIE RABENSCHWARZE SEITE

Montag, 15. August 2011

Erzählung von Herrmann Kant - DDR

Die Erzählung „Bronzezeit“, von Kant seinem Kollegen Stephan Hermlin gewidmet.

"Auch hier begegnen wir dem Buchhalter Farßmann, diesmal eine wichtige Figur im „Volkseigenen Betrieb Orden und Ehrenzeichen“, kurz ausgedrückt „VEB Ordunez“. Die Firma dient dem staatlichen Sektor „Ruhm und Ehre“ und fertigt vor allem „Ode-an-die-Freude-Orden“ und „Freunde-an-der-Oder-Medaillen“. Die jedoch sind nur auf dem Binnenmarkt gefragt, und der Betriebsleiter möchte unbedingt auch Orden für Länder mit harter Währung produzieren. Dazu soll eine Bronzestatue des „Großen Reiters“ verhelfen, die einst auf dem „Platz der guten Taten“ prangte, in der antipreußischen Propagandaphase dann abgeräumt und auf dem Firmengelände verbuddelt wurde. Jetzt, in einer Zeit der „Neuen Unbefangenheit“, könnte der Bronzevorrat helfen, die Deviseneinnahmen zu steigern. Farßmann aber warnt vor der Neubewertung des Preußentums. Bald darauf wird der Preußenreiter wieder aufgestellt und Farßmann als Ehrengast zur „Wiederbemannung des Sockels am Platz der guten Taten“ geladen. Will man ihn etwa zum Funktionär befördern? Er entzieht sich der unerwünschten Ehre, indem er die Begrüßungsriten zwischen kommunistischen Parteichefs übertreibend imitiert: Er küsst den „Höchsten Vertreter des Höchsten Bereichs“ auf die linke Wange, auf die rechte Wange und schließlich auf den Mund. Das Ergebnis: „Ich hatte mich aus der Gefahr, ein Prinz zu werden, zurück auf meinen Platz als Frosch geküsst.“