DIE RABENSCHWARZE SEITE

Montag, 15. August 2011

Erzählung von Herrmann Kant - DDR

Die Erzählung „Bronzezeit“, von Kant seinem Kollegen Stephan Hermlin gewidmet.

"Auch hier begegnen wir dem Buchhalter Farßmann, diesmal eine wichtige Figur im „Volkseigenen Betrieb Orden und Ehrenzeichen“, kurz ausgedrückt „VEB Ordunez“. Die Firma dient dem staatlichen Sektor „Ruhm und Ehre“ und fertigt vor allem „Ode-an-die-Freude-Orden“ und „Freunde-an-der-Oder-Medaillen“. Die jedoch sind nur auf dem Binnenmarkt gefragt, und der Betriebsleiter möchte unbedingt auch Orden für Länder mit harter Währung produzieren. Dazu soll eine Bronzestatue des „Großen Reiters“ verhelfen, die einst auf dem „Platz der guten Taten“ prangte, in der antipreußischen Propagandaphase dann abgeräumt und auf dem Firmengelände verbuddelt wurde. Jetzt, in einer Zeit der „Neuen Unbefangenheit“, könnte der Bronzevorrat helfen, die Deviseneinnahmen zu steigern. Farßmann aber warnt vor der Neubewertung des Preußentums. Bald darauf wird der Preußenreiter wieder aufgestellt und Farßmann als Ehrengast zur „Wiederbemannung des Sockels am Platz der guten Taten“ geladen. Will man ihn etwa zum Funktionär befördern? Er entzieht sich der unerwünschten Ehre, indem er die Begrüßungsriten zwischen kommunistischen Parteichefs übertreibend imitiert: Er küsst den „Höchsten Vertreter des Höchsten Bereichs“ auf die linke Wange, auf die rechte Wange und schließlich auf den Mund. Das Ergebnis: „Ich hatte mich aus der Gefahr, ein Prinz zu werden, zurück auf meinen Platz als Frosch geküsst.“

Sonntag, 14. August 2011

Erinnerungen eines französischen Adligen im 18.Jahrhundert

Nachhaltige Erziehungsmethoden
"Mit dreizehn Jahren führte man ihn dreimal die Woche in die Pariser Theater, um ihn für den Rest seines Lebens von übermäßigen Theaterbesuchen abzuhalten."

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Kirchenfürsten lebten nicht wie der Heilige Franziskus:

"Am 15. Oktober 1742 speiste Croÿ beim Kurfürsten von Köln, „an einem dieser kunstvollen Tische, die zum Wechsel der Gänge versenkt werden und in deren Mitte sich ein kleines Loch befindet, Postillon genannt, wo ein Papier parat liegt, worauf man schreibt, was man sich wünscht: Man muss der Vorrichtung nur einen leichten Stoß versetzen, sie senkt sich, und das Begehrte steigt alsbald herauf. Auf diese Weise speist man ohne Personal.“"

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Der französische König gehörte nicht zu den erstrangisten Monarchen Europas:

"Komplizierte Protokollfragen eröffneten sich, wenn ein höherrangiger Monarch wie Kaiser Joseph II. empfangen werden musste. Schon der Besuch normaler Könige, wie etwa der Christians VII. von Dänemark, bot gewisse Schwierigkeiten. Ludwig XV. reichte ihm die Hand, redete ihn mit Sire oder Eure Majestät an, was man noch nie erlebt hatte, und nur einmal nannte er ihn Monsieur, entschuldigte sich aber schnell: „Verzeihen Sie bitte, meistens bin ich hier der einzige König!“
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Auch das Ehebett war öffentlich:

"Der Herzog wird mehrfach Zeuge der Hochzeiten französischer Kronprinzen und der damit verbundenen Zeremonien: „Nachdem beide ins Bett geschlüpft waren, wurden die Vorhänge wieder geöffnet, und alle Anwesenden betrachteten das Paar eine Weile: ein arg peinsames Ritual, das alles Unbehagliche am Gepränge der Könige und Großen vor Augen führt.“