DIE RABENSCHWARZE SEITE

Freitag, 20. Mai 2011

Die richtige Fußball-Mannschaft?

Von Georg M. Oswald
aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.05.2011 Seite C1

Schon wieder Fußball!“ stöhnte May, nachdem er aufgelegt hatte. Bohr, ein Mann, der sich Entrepreneur nannte, wenn er nach seinem Beruf gefragt wurde, empfand eine wirklich allzu kindliche Freude an diesem Spiel. Doch May war nicht in der Position, ihm das zu sagen. Er war überhaupt nicht in der Position, ihm irgendetwas zu sagen, wenn er nicht von ihm gefragt wurde. Und er wurde nur einmal im Jahr von ihm etwas gefragt, nämlich, ob er zum Saisonfinale in dessen V.I.P.-Lounge in der Arena mitkomme. Und eigentlich war es auch gar keine Frage, denn May hatte keine Wahl. Die Firma, für die er arbeitete, war auf Bohrs Aufträge angewiesen.

Man könne ja nebenbei die Preise fürs nächste Geschäftsjahr besprechen, stellte Bohr in Aussicht. „Besprechen“ hieß, Bohr sagte, was er zu zahlen bereit war, May und seine Kollegen in der Geschäftsführung nahmen das Angebot unverändert an. Bohr war ein Roter. In diesem Jahr spielten die Roten im letzten Spiel gegen die Blauen. Während alle, die sich für erfolgreich, überlegen und extraklasse hielten, Fans der Roten waren, hielten sie alle Blauen für Versager, Underperformer und Minderleister. May schmerzte das, denn in seiner Kindheit hatte er den Blauen die Daumen gehalten. Bohr durfte das natürlich niemals erfahren.

„Man muss Masochist sein, wenn man für die Blauen ist“, pflegte er zu sagen. Was die Roten und er gemeinsam hatten, war sein Lieblingsthema. Während des Spiels erklärte er May gerne die Bedeutung der Adjektive „erfolgreich“, „überlegen“ und „extraklasse“. Er wies May auf die Bandenwerbung hin, die er, wie er sagte, „gestaltet“ habe. „Erfolgreich, überlegen, extraklasse – Bohr.“

„Großartig!“ sagte May, dessen Wangenmuskeln vom devoten Dauerlächeln bereits schmerzten. Das Spiel zum Saisonfinale war eigentlich Nebensache. Die Roten waren nicht Meister geworden. Aber das war Bohr egal. „Wir sind immer die Besten. Aber müssen wir deshalb am letzten Spieltag die Flaschen gewinnen lassen?“ May zwang sich, weiter zu lächeln. Der Humor des Mannes war wirklich filigran.

Auf dem Spielfeld stand es lange unentschieden. Als in der letzten Minute der Ball auf das Tor der Roten zuflog, der Torwart sich weiter und weiter streckte, aber keine Chance mehr hatte, den Schuss zu halten, sprang May auf, riss die Arme in die Höhe und rief: „Too ...“ Noch bevor ihm das „r“ über die Lippen kam, fürchtete er, einen bösen Fehler gemacht zu haben. Bohrs zähnefletschendes Lächeln bestätigte ihm seinen Verdacht.

Wenige Tage später erhielten May und seine Kollegen einen Brief Bohrs, in dem er die Verhandlungen für gescheitert erklärte.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.