DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 6. Februar 2011

Da ward ihm schwindlig

Wie war dein Tag, Schatz?

Von Georg M. Oswald

Hier war es also! Kerz war zumute, als betrete er den Spiegelsaal von Versailles. Sein erstes eigenes Büro! Gut, die Wände waren aus Kunststoff, nicht aus Ziegel, es war gut und deutlich zu hören, wenn im Nebenzimmer jemand sprach, also würde umgekehrt im Nebenzimmer auch zu hören sein, wenn er sprach, aber man musste ja nicht immer sprechen. Man konnte ja auch einfach mal nur Gesichter machen. Oder die Schuhe ausziehen. Beides diente unzweifelhaft der Entspannung und sorgte an einem geteilten Arbeitsplatz für Probleme. Hier nicht. Denn dies war Kerzens erstes eigenes Büro.

Eines ohne Fenster zwar, aber das war nicht so schlecht, denn wo man nicht hinaussehen konnte, konnte man auch nicht hineinsehen. Man hätte in dieses Zimmer einen zweiten Schreibtisch stellen können, und man hatte es nicht getan, und so war es ein Zimmer, in dem er ungestört und für sich bleiben konnte. Dies, so dachte Kerz hochzufrieden, war ein eindeutiger und sogar mehrfacher Vertrauensbeweis seines Arbeitgebers. Ein Mitarbeiter, der ein eigenes, von außen nicht einsehbares Büro bekam, war erstens so wichtig, dass er seine Arbeit nur ungestört und in Ruhe verrichten konnte, und zweitens so vertrauenswürdig, dass er diesen Freiraum niemals ausnützen würde, um irgendwelchen Unsinn zu treiben.

„Freiraum!“, hauchte Kerz und setzte sich auf den Drehstuhl hinter dem Schreibtisch. Er schloss die Augen, wiederholte das Wort „Freiraum!“, hob die Beine an und zog sich an der Tischkante im Uhrzeigersinn. Schnell nahm er Fahrt auf und wirbelte, wirbelte um die eigene Achse wie ein Eiskunstläufer, ein Meister der Tanzfläche! Immer heftiger stieß er sich von der Schreibtischkante ab, die Augen noch immer geschlossen. Was war das für ein grandioses Gefühl! Freiraum!

Ein unsäglicher Schreck fuhr ihm in die Glieder, als er ein Räuspern vernahm, das definitiv nicht von ihm selbst kam.
„Sind Sie Herr Kerz?“ Kerz bremste ab. Als er zum Stehen kam, war ihm schwindlig. Die Leute würden lernen müssen, vorher anzuklopfen. Der Mann, gekleidet wie jemand vom Facility Management, wiederholte seine Frage: „Sind Sie Herr Kerz?“ „Gewiss“, antwortete Kerz, etwas außer Atem und doch um Würde bemüht. „Gut, dann kommt hier noch ein zweiter Schreibtisch rein“, sagte der Facility Manager und schob sich sein blaues Käppi aus der Stirn. „Nein, das ist ein Irrtum, dieses Büro ist für mich allein“, protestierte Kerz. „Nicht mehr. Dieses und die anderen sind jetzt doch immer für zwei. Der Chef sagt: ‚Das ist wie bei den Kanarienvögeln. Man muss sie mindestens paarweise halten, sonst drehen sie durch!‘“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.01.2011 Seite C1