DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 26. Dezember 2010

Man muss sich steigern, in jeder Hinsicht!

Wie war dein Tag, Schatz?
Von Georg M. Oswald

Jedes Jahr das Gleiche! Als würde pünktlich zu Weihnachten die Welt untergehen!“ Nick sah mit Sorge, wie die Stimmung in seinem Geschäftsbereich immer angespannter wurde. Immer häufiger hörte er nun den gequälten Aufschrei: „Muss das denn wirklich noch vor Weihnachten sein?“ Ja, es musste. Es war sogar unabdingbar. Es galt: Jetzt oder nie! Die weitaus meisten Mitarbeiter hatten das verstanden und kämpften mit größter Verbissenheit darum, es noch zu schaffen: Bestellungen, die eigentlich keine Chance mehr hatten, rechtzeitig zu kommen, wurden durch gutes Zureden, Telefonflirts, wilde Versprechungen doch noch möglich gemacht. Die entscheidende Präsentation, der Auftritt, von dem alle noch zu Beginn des neuen Jahres reden würden, mussten jetzt vorbereitet und zu Ende geführt werden.

Wichtig war bei all dem weniger die Konkurrenz außer Haus. Es waren die anderen Geschäftsbereiche, denen der scheele Seitenblick, die zusammengebissenen Zähne galten. Natürlich gab es Zahlen, die schon jetzt unbestechlich Auskunft darüber gaben, wer am Ende des Jahres die Nase vorn haben würde, aber Zahlen waren eben nicht alles. Es gab auch eine Form des Zusammenhalts, die darüber hinaus ging, und die zu demonstrieren vor allem den Zweck hatte, den anderen zu zeigen, was bei ihnen fehlte.

Früher hatte man sich an Weihnachten einfach zu einem Becher Glühwein zusammengesetzt und so das Jahr ausklingen lassen. Aber davon konnte heute längst keine Rede mehr sein. Gut, wer kundzutun beabsichtigte, seine Abteilung sei praktisch kurz vor dem Auseinanderbrechen, würde es sich mit einem Häuflein Verbliebener und ein paar Litern Tetrapack-„Glühzauber“ in der Teeküche bequem machen. Wem es nichts ausmachte, sich als Hauptakteur eines derart würdelosen Schauspiels zu präsentieren, konnte das tun. Wer aber vor hatte, zusammen mit seinen Leuten in diesem Unternehmen noch eine Rolle zu spielen, der musste auch bei der Weihnachtsfeier zeigen, wer die Nase vorn hatte.

Nick betrachtete im Spiegel seinen weißen Bart und das maßgeschneiderte Weihnachtsmannkostüm, das ihm wirklich unverschämt gut stand. Die Tüllröckchen für das Schneeflockenballett, das seine Mitarbeiterinnen aufführen wollten, konnten kaum besser aussehen. Die Bühnenshow, die neben einer Powerpoint-Präsentation auch Pyrotechnik zum Einsatz bringen würde, konnte getrost als Meilenstein in der Geschichte der Betriebsweihnachtsfeiern betrachtet werden. Nick war ganz sicher: Dafür war auch jenen, die sich jetzt noch beklagten, am Ende kein Preis zu hoch.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18.12.2010 Seite C1