DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 5. Dezember 2010

Hink hatte Kutlturwissenschaften studiert...

Wie war dein Tag, Schatz?

Von Georg M. Oswald

Es war nicht leicht zu erklären, was Hink eigentlich gefehlt hatte. Was letztlich zu jenem unvermeidlichen und für ihn unrühmlichen Ende führte, das sich niemand gewünscht haben konnte. Denn darin waren sich alle einig, das, was Hink passiert war, konnte sich niemand gewünscht haben.

Dabei war er anfangs als einer der aussichtsreichsten Aspiranten erschienen in diesem hier im Unternehmen völlig neuartigen Trainee-Programm, in dem man, seit langem einmal wieder, Geisteswissenschaftler mit harten wirtschaftlichen Themen konfrontierte. Vor rund zehn Jahren hatte man schon einmal so ein Projekt gestartet, gegen den Willen einiger alter Hasen, die der Ansicht waren, so ein Schöngeist wäre niemals in der Lage, nüchtern und zielstrebig zu Arbeiten und dabei die Zahlen im Auge zu behalten.

Wessen Idee war es eigentlich gewesen, ausgerechnet diesen Hink ebendiesen alten Hasen zur Ausbildung zu überlassen? Schon auf den ersten Blick erkannte man, dass hier überhaupt nichts passte. Die alten Hasen waren alle eher stämmig, trugen graue einreihige Anzüge, die an ihnen keine Spur elegant erschienen, eher wie Kampfanzüge. Den obersten Kragenknopf trugen sie hinter dem breiten Krawattenknoten geöffnet. Hink hingegen, einen Kopf größer als sie, betonte seine Größe noch durch seinen Kreidestreifenanzug. Mit seinem zurückgekämmten schwarzen Haar, seiner schlanken Statur und seiner geraden Haltung hielt ihn jeder für den Chef der Abteilung, dabei war er noch nichteinmal Teil der Hierarchie und damit der Unterste von allen!

Fachlich machte sich Hink übrigens ausgezeichnet. Er war wissbegierig, hatte eine gute Auffassungsgabe, machte so gut wie keine Fehler, entwickelte schnell eigene Ideen, verlangte stets nach Arbeit. Aber bei alledem war zu beobachten oder meinten einige zu beobachten, dass es bei ihm da einen Vorbehalt gab. Er sagte nie etwas dergleichen, aber manch einer von den alten Hasen konnte sich auch nicht helfen und hatte so ganz im Hintergrund das Gefühl, Hink könnte sich für zu gut für diese Arbeit halten. Könnte sie für unbedeutenden Kleinkram halten. Pipifax.

Was hatte er studiert? Kulturwissenschaften? War das nicht ein anderer Ausdruck für Nichtstun? Nichtstun und dabei unverständliches Zeug reden? Na, man wollte nicht ungerecht sein. Vielleicht konnte er in seinem Fach ja noch was werden, aber es war gut, dass sein Vertrag hier nicht verlängert wurde. Wenn also hin wieder einmal die Rede darauf kam, warum es mit Hink nicht gutgegangen war, einigte man sich auf die Formulierung: Er hatte nicht den richtigen Stallgeruch.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.11.2010 Seite C1