DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 6. November 2010

Wie war dein Tag, Schatz?

Von Georg M. Oswald

Ping war ein Mann der schnellen Entschlüsse und der noch schnelleren Umsetzung dieser Entschlüsse. Jetzt ging es darum in einer Abteilung, die zwar effizient arbeitete, aus der man aber noch mehr herausholen wollte, die Schlagzahl zu erhöhen. Ping wurde geholt. Viele Troubleshooter, Problemlöser, Coaches und so weiter arbeiteten mit drei, mit fünf, mit sieben oder mit zehn goldenen Regeln, deren Beachtung zwangsläufig zum Erfolg führen musste. Ping kannte nur eine einzige Regel, und die hieß: Sofort reagieren!

Kam Ping in eine neue Abteilung, wo seine Hilfe gebraucht wurde, jagte er zuerst einmal eine knackige Motivationsmail durchs Netzwerk: natürlich eine mit rotem Rufzeichen und Lesebestätigungsanforderung. Einziger Text in der Betreffzeile: „Der frühe Vogel ...“ Wichtig war ihm nicht allein die Botschaft, sondern vor allem, nach welcher Reaktionszeit die Mitarbeiter die Bestätigungsmail zurückschickten, welche Mitarbeiter dies unterließen und welche vielleicht sogar aufgeweckt genug waren, zurückzuschreiben: „... fängt den Wurm!“

In einer Abteilung wie dieser, die als passabler Durchschnitt gelten konnte, erwartete er etwa 10 Prozent gewitzte Sofortreagierer, 30 Prozent, die zügig antworteten, 50 Prozent, die sich im Lauf des Tages meldeten, und 10 Prozent, die gar keine Antwort gaben. Er hatte schon erlebt, dass er in seinen Annahmen zu optimistisch gewesen war, doch mit einem so niederschmetternden Ergebnis wie diesmal war er bisher noch nie konfrontiert. Nicht einmal sein Assistent hatte es für nötig befunden, ihm zu antworten. Was war das? Eine Rebellion?

Ping beschloss, sich nichts anmerken, sich vor allem nicht aus der Reserve locken zu lassen. Offenbar hatte er es hier mit Verkrustungen zu tun, die weit ernster waren, als angenommen. Seltsam nur, dass sich die Mitarbeiter eigentlich ganz normal verhielten. Falls sie ihm gegenüber feindselig eingestellt waren, versteckten sie es gut. Ping schickte eine zweite Mail und eine dritte. Jedes Mal ein rotes Rufzeichen, eine Lesebestätigungsanforderung – und keine Reaktion.

Nach einigen Tagen hielt er es nicht mehr aus. Er musste ganz von vorne beginnen und von ganz unten. Er fragte seinen Assistenten, warum er auf seine Mails nicht geantwortet habe. Nach einer Weile kamen sie darauf, dass Ping sie mit einem roten Rufzeichen versehen hatte. „Dann ist alles klar“, sagte sein Assistent, „Ihre Mails sind alle im Spamfilter gelandet. Wurde von den Systemadministratoren so eingerichtet. Was mit rotem Rufzeichen kommt, ist sowieso meistens Schrott!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.10.2010 Seite C1