DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 13. November 2010

Frau Brand hatte alles unter Kontrolle

Wie war dein Tag, Schatz?  FAZ 6.11.2010
Von Georg M. Oswald

Brands Büro war das erste im Flur. Es gab keinen anderen Weg aus der Abteilung hinaus und niemand kam ungesehen an Brand vorbei, wenn sie es nicht wollte, und zumeist wollte sie es nicht. Brand war unumschränkte Herrscherin – auch über die zwei Türen ihres Zimmers. Die eine ging zu ihrem Vorzimmer hinaus, die andere direkt zum Gang. Während es für die Mitarbeiter so gut wie aussichtslos war, über das Vorzimmer zu Brand zu gelangen, mussten sie jederzeit damit rechnen, dass plötzlich die Tür aufflog, wenn sie draußen vorbei gingen und Brand ihren Namen aussprach. Sie tat das immer mit einer ganz bestimmten, unheilverkündenden Intonation, die allen sofort anzeigte: Es war wieder so weit.

Brands besondere Leidenschaft bestand darin, Mitarbeiter vor anderen zusammenzustauchen. Sie suchte dabei niemals direkt die Öffentlichkeit. Hinrichtungen auf dem Dorfplatz waren nicht ihre Sache. Aber die quasi zufällige Halböffentlichkeit des Flurs war ideales Terrain. Niemand konnte ihr vorwerfen, sie habe Publikum oder auch nur vereinzelte Zuhörer gesucht, und doch kam es ihr vor, als verstärkten die angstvoll gespitzten Ohren hinter den angelehnten Türen jedes ihrer Worte. Auf diese Weise machte es ihr einfach zehnmal mehr Spaß, jemanden zu fragen „Wo ist eigentlich? Was haben Sie? Finden Sie nicht auch, dass? Was glauben Sie eigentlich? Könnten Sie mir mal erklären?“

Ihre Mitarbeiter fanden die Aussicht, jederzeit vor den anderen einen Kopf kürzer gemacht werden zu können, natürlich weniger begeisternd. Keiner hatte noch große Lust, an Brands Tür zum Flur vorbeizugehen, die genau in diesem Moment auffliegen konnte, und schon ging es los. Sie suchten nach anderen Lösungen, und sie gaben Brand Spitznamen. Baba Jaga hieß sie bei denen, die Mussorgski kannten, Thekla bei denen, die es eher mit der Biene Maja hielten.

Eines Abends saß Brand hinter ihrer Tür und lauschte. Es war schon nach sieben, und niemand war gegangen. Brand freute sich, sie hatte ihre Leute offensichtlich auf Linie gebracht. Als sie um acht und um neun aber immer noch niemanden hatte gehen hören, kam ihr die Sache komisch vor. Sie verließ ihr Büro und ging durch die Abteilung. Der ganze Flur, alle Zimmer waren leer. Kein einziger Mitarbeiter war an ihrem Büro vorbeigegangen und doch waren sie alle weg. Sie mussten entkommen sein, ohne dass sie es bemerkt hatte. Aber wie? Da entdeckte sie, hinter einem Winkel, der ihr noch nie aufgefallen war, eine Tür mit dem Aufkleber: „Ausgang nur im Notfall benutzen“. Jemand hatte das „Not“ mit Filzstift durchgestrichen und „Brand“ darüber geschrieben.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.11.2010 Seite C1