DIE RABENSCHWARZE SEITE

Dienstag, 30. November 2010

Heiler und Exorzist


Literaturen (Deutschland), 29.11.2010

Bild zum ArtikelAuf dem Titel, als wäre es die Weihnachtsausgabe desSpiegel: kein Geringerer als Jesus Christus. Im Gesprächdazu der Theologe Gerd Lüdemann, der den Herrn freilich gehörig herunterputzt. 95 Prozent der Jesusworte aus dem Neuen Testament hält er für Mumbo-Jumbo, die Judenfeindlichkeit der Evangelien kritisiert er und fasst seine für gläubige Christen etwas ernüchternde Botschaft so zusammen: "Alles spricht dafür, dass Jesus in erster Linie ein Heiler und Exorzist gewesen ist. Und das hängt miteinander zusammen, weil Krankheiten im Verständnis der Zeit nichts anderes waren als die Besessenheit von Dämonen. Beim ältesten in den Evangelien überlieferten Wunder handelt es sich um eine Dämonenaustreibung, und die allermeisten Theologen halten diese Exorzismen für historisch verbürgt. Dabei muss man nicht an Zauberei glauben. Ich gehe davon aus, dass Jesus ein psychosomatisches Einfühlungsvermögen gehabt hat, eine besondere heilerische Fähigkeit, die ihm und seinen Zeitgenossen als magische Eigenschaft erschienen ist."

Montag, 15. November 2010

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Blamage im neuseeländischen Parlament

Minister hält zwei Jahre alte Rede

Wellington (RPO). Ein neuseeländischer Minister hat im Parlament die zwei Jahre alte Rede eines Kollegen verlesen. Erst gegen Ende des Beitrags bemerkte er, dass ihm sein Mitarbeiter eine falsche Rede überreicht hatte.

Zehn Minuten lang redete Einwanderungsminister Jonathan Coleman am Dienstagabend (Ortszeit) über die Vorteile der Steuerpolitik der Regierung, während die Abgeordneten der oppositionellen Labour Partei verwundert zuhörten.

Erst nach dem Ende seinem Redebeitrag merkte Coleman, dass er eine Rede von Finanzminister Peter Dunne aus dem Jahr 2008 gehalten hatte, die ihm ein Mitarbeiter versehentlich in die Hand gedrückt hatte.
Coleman sagte nach der Blamage, er habe durchaus bemerkt, dass mit der Rede etwas nicht stimme. Er habe aber entschieden, die Sache durchzuziehen. Dunne, von dem die Rede stammte, gestand am Mittwoch ein, dass der Auftritt "kein gutes Bild" von Politikern abgebe. "Das hätte nicht passieren sollen und es wird nicht mehr passieren", fügte Dunne hinzu.


Samstag, 13. November 2010

Alice Cooper - Gruselrocker

"Showeinlagen mit Kunstblut, Galgen.

"Nach einer Viertelstunde ist in der Berliner Max-Schmeling-Halle das erste Opfer zu beklagen. Alice Cooper bringt einen maskierten Eindringling zur Strecke, mit dem Gehstock. Und weil Strafe sein muss, auch bei Selbstjustiz, verbringt der Sänger seinen nächsten Song in einer Zwangsjacke, danach wird er enthauptet. Früher fuhr die Guillotine zum Finale jedes Alice-Cooper-Gastspiels auf die Bühne. Heute ist die Hinrichtungsmaschine nur noch ein letales Requisit von vielen. Es gibt Giftspritzen und Galgen, um verwirkte Leben auszulöschen, Eiserne Jungfrauen und gehörnte Zyklopen. Jedem Tod folgt eine Wiederauferstehung, und das meint der 62-jährige persönlich aber auch gesamtgesellschaftlich."




Mein privates Leben ist total anders. Ich habe nie meine Frau betrogen, ich gehe jeden Sonntag in die Kirche, gebe manchmal Bibelstunden und spiele jeden Tag Golf."

Frau Brand hatte alles unter Kontrolle

Wie war dein Tag, Schatz?  FAZ 6.11.2010
Von Georg M. Oswald

Brands Büro war das erste im Flur. Es gab keinen anderen Weg aus der Abteilung hinaus und niemand kam ungesehen an Brand vorbei, wenn sie es nicht wollte, und zumeist wollte sie es nicht. Brand war unumschränkte Herrscherin – auch über die zwei Türen ihres Zimmers. Die eine ging zu ihrem Vorzimmer hinaus, die andere direkt zum Gang. Während es für die Mitarbeiter so gut wie aussichtslos war, über das Vorzimmer zu Brand zu gelangen, mussten sie jederzeit damit rechnen, dass plötzlich die Tür aufflog, wenn sie draußen vorbei gingen und Brand ihren Namen aussprach. Sie tat das immer mit einer ganz bestimmten, unheilverkündenden Intonation, die allen sofort anzeigte: Es war wieder so weit.

Brands besondere Leidenschaft bestand darin, Mitarbeiter vor anderen zusammenzustauchen. Sie suchte dabei niemals direkt die Öffentlichkeit. Hinrichtungen auf dem Dorfplatz waren nicht ihre Sache. Aber die quasi zufällige Halböffentlichkeit des Flurs war ideales Terrain. Niemand konnte ihr vorwerfen, sie habe Publikum oder auch nur vereinzelte Zuhörer gesucht, und doch kam es ihr vor, als verstärkten die angstvoll gespitzten Ohren hinter den angelehnten Türen jedes ihrer Worte. Auf diese Weise machte es ihr einfach zehnmal mehr Spaß, jemanden zu fragen „Wo ist eigentlich? Was haben Sie? Finden Sie nicht auch, dass? Was glauben Sie eigentlich? Könnten Sie mir mal erklären?“

Ihre Mitarbeiter fanden die Aussicht, jederzeit vor den anderen einen Kopf kürzer gemacht werden zu können, natürlich weniger begeisternd. Keiner hatte noch große Lust, an Brands Tür zum Flur vorbeizugehen, die genau in diesem Moment auffliegen konnte, und schon ging es los. Sie suchten nach anderen Lösungen, und sie gaben Brand Spitznamen. Baba Jaga hieß sie bei denen, die Mussorgski kannten, Thekla bei denen, die es eher mit der Biene Maja hielten.

Eines Abends saß Brand hinter ihrer Tür und lauschte. Es war schon nach sieben, und niemand war gegangen. Brand freute sich, sie hatte ihre Leute offensichtlich auf Linie gebracht. Als sie um acht und um neun aber immer noch niemanden hatte gehen hören, kam ihr die Sache komisch vor. Sie verließ ihr Büro und ging durch die Abteilung. Der ganze Flur, alle Zimmer waren leer. Kein einziger Mitarbeiter war an ihrem Büro vorbeigegangen und doch waren sie alle weg. Sie mussten entkommen sein, ohne dass sie es bemerkt hatte. Aber wie? Da entdeckte sie, hinter einem Winkel, der ihr noch nie aufgefallen war, eine Tür mit dem Aufkleber: „Ausgang nur im Notfall benutzen“. Jemand hatte das „Not“ mit Filzstift durchgestrichen und „Brand“ darüber geschrieben.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 06.11.2010 Seite C1

Dienstag, 9. November 2010

Die Geheimnisse des "Gelddruckens"


Prospect (Großbritannien), 20.10.2010

Bild zum ArtikelIn die Geheimnisse des "Gelddruckens" als Wirtschaftsförderungsprinzip weiht Faisal Islam ein. Zu den interessanteren Informationen des spannenden Artikelsgehört es allerdings, dass nicht nur der Laie, sondern auch die Experten eigentlich keine wirkliche Ahnung haben, was die Methode der von ihnen so genannten "Quantitativen Entlastung" (QE) tatsächlich auf den Märkten bewirkt. Es kommen Seltsamkeiten dazu wie die Tatsache, dass die Bank von England mit dem neu gedruckten Geld ihre eigenen Staatsschulden aufkaufte: "Der Mechanismus, mit dem die Bank von England Staatsschulden erwarb, war verwickelt, und zwar aus organisatorischen wie rechtlichen Gründen. Das Büro für Schuldenmanagement (Debt Management Office, DMO), ein Arm des Finanzministeriums, verkaufte Morgen für Morgen britische Staatsanleihen im Wert von vielen Milliarden an die internationalen Märkte. Und am Nachmittag kaufte, knapp 400 Meter weiter, die Bank in einer Rückwärtsauktion Milliarden ähnlicher Staatsschulden auf. Nach EU-Gesetzgebung wäre es verboten gewesen, dass das DMO und die Bank von England miteinander Handel treiben. Also trat der Londoner Finanzmarkt dazwischen und machte mehr als ein Jahr lang seinen Profit auf beiden Seiten dieses bizarren monetären Karussellwesens."

Samstag, 6. November 2010

Wie war dein Tag, Schatz?

Von Georg M. Oswald

Ping war ein Mann der schnellen Entschlüsse und der noch schnelleren Umsetzung dieser Entschlüsse. Jetzt ging es darum in einer Abteilung, die zwar effizient arbeitete, aus der man aber noch mehr herausholen wollte, die Schlagzahl zu erhöhen. Ping wurde geholt. Viele Troubleshooter, Problemlöser, Coaches und so weiter arbeiteten mit drei, mit fünf, mit sieben oder mit zehn goldenen Regeln, deren Beachtung zwangsläufig zum Erfolg führen musste. Ping kannte nur eine einzige Regel, und die hieß: Sofort reagieren!

Kam Ping in eine neue Abteilung, wo seine Hilfe gebraucht wurde, jagte er zuerst einmal eine knackige Motivationsmail durchs Netzwerk: natürlich eine mit rotem Rufzeichen und Lesebestätigungsanforderung. Einziger Text in der Betreffzeile: „Der frühe Vogel ...“ Wichtig war ihm nicht allein die Botschaft, sondern vor allem, nach welcher Reaktionszeit die Mitarbeiter die Bestätigungsmail zurückschickten, welche Mitarbeiter dies unterließen und welche vielleicht sogar aufgeweckt genug waren, zurückzuschreiben: „... fängt den Wurm!“

In einer Abteilung wie dieser, die als passabler Durchschnitt gelten konnte, erwartete er etwa 10 Prozent gewitzte Sofortreagierer, 30 Prozent, die zügig antworteten, 50 Prozent, die sich im Lauf des Tages meldeten, und 10 Prozent, die gar keine Antwort gaben. Er hatte schon erlebt, dass er in seinen Annahmen zu optimistisch gewesen war, doch mit einem so niederschmetternden Ergebnis wie diesmal war er bisher noch nie konfrontiert. Nicht einmal sein Assistent hatte es für nötig befunden, ihm zu antworten. Was war das? Eine Rebellion?

Ping beschloss, sich nichts anmerken, sich vor allem nicht aus der Reserve locken zu lassen. Offenbar hatte er es hier mit Verkrustungen zu tun, die weit ernster waren, als angenommen. Seltsam nur, dass sich die Mitarbeiter eigentlich ganz normal verhielten. Falls sie ihm gegenüber feindselig eingestellt waren, versteckten sie es gut. Ping schickte eine zweite Mail und eine dritte. Jedes Mal ein rotes Rufzeichen, eine Lesebestätigungsanforderung – und keine Reaktion.

Nach einigen Tagen hielt er es nicht mehr aus. Er musste ganz von vorne beginnen und von ganz unten. Er fragte seinen Assistenten, warum er auf seine Mails nicht geantwortet habe. Nach einer Weile kamen sie darauf, dass Ping sie mit einem roten Rufzeichen versehen hatte. „Dann ist alles klar“, sagte sein Assistent, „Ihre Mails sind alle im Spamfilter gelandet. Wurde von den Systemadministratoren so eingerichtet. Was mit rotem Rufzeichen kommt, ist sowieso meistens Schrott!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.10.2010 Seite C1

Donnerstag, 4. November 2010

RTL: DAS MEDIUM

Der Fall Uwe Barschel: "Es war kein Selbstmord!"
01.11.2010
"Das Medium" Kim-Anne Jannes löst das Rätsel um Uwe Barschels Tod

Freya Barschel, die Witwe des verstorbenen CDU-Politikers Uwe Barschel, fragt sich seit 23 Jahren, wie und warum ihr Mann starb und was er wohl in den letzten Minuten seines Lebens gedacht und gefühlt haben mag. Sie trifft "Das Medium".

Freya Barschel bekommt endlich Gewissheit

"Es war kein Selbstmord!"


Freya Barschel bekommt endlich Antworten!
"Das Medium" Kim-Anne Jannes trifft Freya Barschel und versucht, Licht in den dunklen Fall zu bekommen. Sie beschreibt, was sich kurz vor dem Tod Uwe Barschels in seinem Zimmer 317 abgespielt hat, ob er dort allein war und wem seine letzten Gedanken galten.

Zudem liefert "Das Medium" die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Hat Uwe Barschel sich selbst umgebracht? - Die Befürchtung der 66-jährigen Witwe wird nun endlich bestätigt: Nein, es war kein Selbstmord!

Mittwoch, 3. November 2010

Große Gehirne sparen weniger !

NZZ Folio (Schweiz), 01.11.2010
Bild zum ArtikelNZZ Folio inspiziert in seiner neuen Ausgabe das Gehirn. Mathias Plüss führt uns in die Grundlagen der Intelligenzforschung ein. Hirn macht erfolgreich, musikalisch und gesund, aber nicht glücklich, erfahren wir. Hirn hat sogar echte Nachteile: "Kurzsichtigkeit ist hier noch das geringste Übel, auch wenn das Klischee für einmal stimmt: Extrem hochbegabte Schüler tragen viermal so häufig eine Brille wie durchschnittliche. Weniger harmlos ist, dass intelligente Menschen offenbar nicht gut mit Geld umgehen können. Wer einen höheren IQ hat, hat zwar auch ein höheres Einkommen, aber nicht ein höheres Vermögen. Große Gehirne sparen weniger, gehen öfter pleite und überziehen ihre Kreditkarte häufiger."

Ulrich Bahnsen hat bei einer Umfrage unter Neurowissenschaftler gelernt, dass es mit dem Hirndoping noch nicht so richtig klappt, an der Wirkung von Modasomil, Donepezil oder Ritalin muss noch gefeilt werden, erklärt ihm Kognitionsforscher Ralph Schumacher von der ETH Zürich: "'Nach der Einnahme von Neuro-Enhancern fühlen sich die meisten leistungsstark und mächtig', sagt Schumacher. Bei Tests mit Studenten habe Ritalin jedoch geradezu desaströse Effekte gezeitigt: 'Sie werden sehr impulsiv und fahrig, beginnen mit dem Lösen von Aufgaben, bevor sie alle relevanten Informationen haben.' Am Ende seien ihre Leistungen schlechter als die der Placebogruppe gewesen. 'Ritalin', folgert der ETH-Forscher, 'führt bei gesunden Menschen nicht zu einer Leistungssteigerung, sondern zu Selbstüberschätzung.'"

Weiteres: Gary Wolf porträtiert den polnischen Entwickler Piotr Wozniak, der den idealen Moment sucht, um etwas, das man gelernt hat, zu repetieren: "Der richtige Zeitpunkt ist kurz bevor man den Stoff vergisst." Reto Schneider hat erfahren, dass wir mitunter einen Computer anlügen, um seine Gefühle nicht zu verletzen. Und Luca Turin erzählt, warum seine Vorstellungen von Personen manchmal noch prägender sind als seine tatsächlichen ersten Eindrücke.