DIE RABENSCHWARZE SEITE

Donnerstag, 16. September 2010

„Pokasucha“


Das russische Wort „Pokasucha“ hat es mir angetan. Es umschreibt Situationen, in denen Menschen Dinge vorgaukeln, die so nicht existieren.Dieses „So tun, als ob“ war eine in der Sowjetunion beliebte Methode, dem eigenen Volk und der gesamten Welt das Bild eines Bilderbuchstaates vorzutäuschen, bis eben dieser Staat sich auflöste. Angeblich geht die Vorspiegelung falscher Tatsachen auf den Fürsten Potjomkin, den Favoriten der Zarin Katharina II., zurück. Potjomkin soll der Zarin mit Dorfattrappen die fortgeschrittene Besiedlung an der Wolga vorgespiegelt haben. Tatsächlich hat er die Siedlungen für den hohen Besuch wohl nur besonders herausputzen lassen.

Diese Tradition lebt. Als Präsident Medwedjew dieser Tage die Stadt Marx an der Wolga besuchte, überschlug sich die örtliche Administration. Alles, was bis dahin im Argen gelegen hatte, wurde in Windeseile repariert, Asphalt gelegt, Dächer gedeckt, sogar Bäume gestrichen, wenn auch nur von der sichtbaren Seite.

Das geht noch als komischer Übereifer von Provinzpolitikern durch. Ärgerlicher wird es, wenn uns Premier Wladimir Putin dieser Tage im Fernen Osten die Qualität des russischen Pkw Lada-Kalina vorführen will. Auf einer 2000 Kilometer langen Strecke fällt ein Fahrzeug mit Defekt aus. Das andere hält durch, aber sicherheitshalber wird ein weiteres Ersatzauto mitgeführt. Die Dutzende Begleitfahrzeuge stammten alle aus westlicher Produktion. Nur YouTube-Nutzer erfuhren davon. Da will uns jemand Nudeln über die Ohren hängen, sagen die Russen in solchen Situationen gern.