DIE RABENSCHWARZE SEITE

Mittwoch, 29. September 2010

Besser als verbrennen...


The New York Times (USA), 26.09.2010

Bild zum ArtikelIm New York Times Magazine schildert Elif Batuman den Streit um den Kafka-Nachlass, der in Max Brods Koffer 1968 in Tel Aviv gefunden wurde. Seit zwei Jahren verhandeln israelische Gerichte über die Frage, ob die Erbin Eva Hesse, die Tochter von Brods Sekretärin, den Inhalt verkaufen darf oder ob er in Israel bleiben muss. Der israelische Autor Etgar Keret, der mit Batuman sprach, nimmt es von der humorvollen Seite: "Wenn Brod sehen könnte, was jetzt passiert, wäre er 'entsetzt'. Kafka auf der anderen Seite, wäre vielleicht zufrieden. 


'Wenn man sein Zeug eigentlich verbrannt haben will, ist das Nächstbeste, es einem Mann zu geben, der es einer Frau gibt, die es ihrer Tochter gibt, die es in einem Appartement voller Katzen aufbewahrt, richtig?'"

Der Geist von Oscar


Der französische Filmregisseur Gaspard Noe hat für seinen Film "Enter the void" ganz schön was einstecken müssen. Andere Kritiker wieder halten der Film für ein Meisterwerk. Aus der Perspektive (point of view,POV) eines sterbenden Drogenhändlers fliegt Noes Kamera endlos über Tokio...

Im Interview erklärt Noe: "Einige hatten Angst, dass das Publikum nicht verstehen würde, dass der POV der Kamera der POV des Geistes von Oscar ist, obwohl ich dachte, das sei evident.



Es ist schon so oft erzählt worden, dass sich der Geist, wenn man stirbt, vom Körper löst und man über der Welt fliegt, die man verlassen hat. Ich dachte, die Zuschauer verstehen das. ...

Montag, 27. September 2010

Heinz Erhardt

Die Nase
Ob Nase spitz, ob Nase platt
   die Nas' zwei Nasenflügel hat.
   Doch hält sie nicht sehr viel vom Fliegen
   nee - das Laufen scheint ihr mehr zu liegen.
******
******
Die Zähne
Die alten Zähne wurden schlecht
   und man begann sie auszureissen..
   Die Neuen kamen grade recht-
   um mit ihnen ins Gras zu beissen!

Donnerstag, 23. September 2010

..die supergesunden Produkte aus dem Bio-Supermarkt


.

Mittwoch, 22. September 2010


Das Milchwunder vom 21. September 1995 “Milchtrinkende Götterstatuen”

Vor genau 15 Jahren, am 21. September 1995 spielten sich im Tempel eines Vorortes der indischen Hauptstadt Delhi ungewöhnliche Dinge ab, die sich in dieser Form bis heute nicht mehr wiederholt haben.
Seit Jahrtausenden finden in allen indischen Tempeln die gleichen Zeremonien statt: Man bringt auf dem Altar vor den Götterstatuen geweihte Speisen dar, einige Süßigkeiten und einen Becher Milch.
Am besagten Tag jedoch konnten die Anwesenden ihren Augen nicht mehr trauen, als sich die Milch plötzlich aus dem Löffel in nichts auflöste.
Dieses Phänomen ereignete sich dann etwa 3 Tage lang in ganz Indien und sogar in einigen anderen Ländern.
Millionen von Menschen und internationale Massenmedien konnten diese spektakulären Ereignisse mit eigenen Augen verfolgen und mussten dabei feststellen, dass sämtliche Tricks oder natürliche Erklärungen ausgeschlossen werden konnten.
Weltweit wurde in Fernsehen, Radio und Zeitungen über das Phänomen berichtet, dennoch ist es kurz danach und bis heute schnell in Vergessenheit geraten.
Bemerkenswert an der Sache ist auch, dass davor und danach nie wieder dieses sog. Milchwunder jemals aufgetreten ist.
Aus aktuellem Anlass haben wir hier einige Linkseiten mit ausführlicheren Informationen über das Thema Milchwunder zusammengestellt:
Allgemeiner Bericht über milchtrinkende Statuen
Auszug von Armin Risi über das Thema Milchwunder
6-minütiges Video mit einem Zusammenschni

Sonntag, 19. September 2010

Samstag, 18. September 2010

Murakami at Versailles

von HUH. Magazine von Jack Lowe

Versailles' latest contemporary art installation opened yesterday, and it's a show that's been knee-deep in controversy since its inception. The Takashi Murakami show features 22 works including 11 site-specific pieces which aim to create a story within a story. Curator Laurent Le Bon states, "The unique experience seeks above all to spark a reflection of the contemporary nature of our monuments and indispensable need to create out own era." Murakami ties the past to the future by placing bizarre brightly-coloured creatures in ornately decorated stately rooms. The show will be running until 12 December 2010.

Donnerstag, 16. September 2010

„Pokasucha“


Das russische Wort „Pokasucha“ hat es mir angetan. Es umschreibt Situationen, in denen Menschen Dinge vorgaukeln, die so nicht existieren.Dieses „So tun, als ob“ war eine in der Sowjetunion beliebte Methode, dem eigenen Volk und der gesamten Welt das Bild eines Bilderbuchstaates vorzutäuschen, bis eben dieser Staat sich auflöste. Angeblich geht die Vorspiegelung falscher Tatsachen auf den Fürsten Potjomkin, den Favoriten der Zarin Katharina II., zurück. Potjomkin soll der Zarin mit Dorfattrappen die fortgeschrittene Besiedlung an der Wolga vorgespiegelt haben. Tatsächlich hat er die Siedlungen für den hohen Besuch wohl nur besonders herausputzen lassen.

Diese Tradition lebt. Als Präsident Medwedjew dieser Tage die Stadt Marx an der Wolga besuchte, überschlug sich die örtliche Administration. Alles, was bis dahin im Argen gelegen hatte, wurde in Windeseile repariert, Asphalt gelegt, Dächer gedeckt, sogar Bäume gestrichen, wenn auch nur von der sichtbaren Seite.

Das geht noch als komischer Übereifer von Provinzpolitikern durch. Ärgerlicher wird es, wenn uns Premier Wladimir Putin dieser Tage im Fernen Osten die Qualität des russischen Pkw Lada-Kalina vorführen will. Auf einer 2000 Kilometer langen Strecke fällt ein Fahrzeug mit Defekt aus. Das andere hält durch, aber sicherheitshalber wird ein weiteres Ersatzauto mitgeführt. Die Dutzende Begleitfahrzeuge stammten alle aus westlicher Produktion. Nur YouTube-Nutzer erfuhren davon. Da will uns jemand Nudeln über die Ohren hängen, sagen die Russen in solchen Situationen gern.

Montag, 13. September 2010

Von Großmüttern und sonderbaren Zufällen:

DEUTSCHLAND
Großmütter fürchten die Beliebtheit der anderen

Die Konkurrenz unter vielen Großeltern ist groß. Wen besucht das Enkelkind
nun lieber? Wer macht die größeren Geschenke? Bei wem darf der Enkel fernsehen? Wer macht die tolleren Ausflüge? Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des „Senioren-Ratgebers“ fand heraus, dass jede zwölfte Oma sogar schon vor der Geburt eines Enkelkindes aufkeimende Eifersucht verspürt: 8,5 Prozent der Großmütter gaben zu, sie hätten sich bereits als werdende Omis Gedanken darüber gemacht, dass das Enkelkind die anderen Großeltern vielleicht lieber mögen könnte als sie. Jede 16. Oma in spe (6,3 Prozent) plagen gar Ängste, dass sie vom eigenen Enkelkind vielleicht abgelehnt oder nicht gemocht werden könnte.



ENGLAND
Gründungsmitglied von ELO von Heuballen getötet

Durch einen riesigen herabstürzenden Heuballen ist ein Gründungsmitglied der britischen Rockband Electric Light Orchestra (ELO), der Cellist Mike Edwards, ums Leben gekommen. Der 600 Kilogramm schwere Heuballen sei einen Steilhang
hinabgerollt, habe eine Hecke durchbrochen und sei dann auf eine Straße gerollt, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Dort sei der Heuballen
gegen den Wagen des 62-jährigen Edwards geprallt, der sofort tot gewesen sei. Der Unfall ereignete sich den Angaben zufolge in Devon im Südwesten Englands. Die Polizei identifizierte Edwards anhand von Fotos und Videos auf dem Internetportal YouTube. Der Musiker war an den ersten Platten des Electric Light Orchestra beteiligt, verließ die Rockband dann aber. ELO hat mehr als 50 Millionen Platten verkauft.

Mittwoch, 8. September 2010

Ziemlich erschüttert....

Ziemlich erschüttert berichtet Michael Lewis über die Lage in Griechenland. An der Misere, so sein Schluss, ist das Land selbst schuld: "'Unsere Leuten konnten nicht glauben, was sie sahen, sagte mir ein höherer Beamter vom IWF kurz nach seiner ersten Griechenlandmission: 'Wie sie über ihre Finanzen Buch führten - sie wussten, auf welche Ausgaben sie sich geeinigt hatten, aber es gab keine Hinweise auf ihre tatsächlichen Ausgaben. Es war nicht nicht, was man eine sich entwickelnde Ökonomie nennt. Es war eine Drittwelt-Ökonomie.' Was die Griechen tun wollten, wenn die Lichter ausgingen und sie allein im Dunkeln mit Bergen von geborgtem Geld dastünden, war, so stellte sich heraus, ihre Regierung in eine Pinata zu verwandeln, gefüllt mit fantastischen Summen, und so vielen Bürgern wie möglich einen Schlag auf sie zu gewähren. Allein in der letzten Dekade haben sich die Lohnkosten im öffentlichen Sektor verdoppelt, und zwar real, wobei diese Zahlen nicht die Schmiergelder beinhalten, die öffentliche Angestellte einsammeln. Eine Stelle im öffentlichen Dienst wird fastdreimal höher bezahlt als im privaten Sektor. Bei der staatlichen Eisenbahn stehen im Jahr 100 Millionen Euro Einnahmen gegen jährliche Gehaltskosten von 400 Millionen, plus 300 Millionen Euro andere Ausgaben. Im Durchschnitt verdient ein Bahnangestellter 65.000 Euro im Jahr."

Samstag, 4. September 2010

Fritz J. Raddatz - Tagebücher

Liebe, Gift und weiße Handschuhe
Der große Gesellschaftsroman der literarischen Republik: In seinen Tagebüchern der Jahre 1982 bis 2001 zieht der große Kritiker Fritz J. Raddatz geistreich Bilanz. Keinen, der Rang und Namen hat, lässt er ungeschoren davonkommen.

Rottach, den 21. August 1983

Bayreuth. Meistersinger. Unerheblich. Nur EIN schöner Satz: "Versungen und vertan." Merken.

Tiefpunkt der Woche: Hans Mayer in Stuttgart. Der Egoismus des Mannes hat nun endgültig krankhafte Züge angenommen, hob schon im Hotel - zwecks Abendessenverabredung - den Hörer ab mit dem Satz: "Ich sehe gerade mich im Fernsehen . . ." Nicht "Guten Abend" oder "Gute Reise gehabt?" (war immerhin seinetwegen gekommen) - ich, ich, ich. Das ging im Galopp den ganzen Abend, zu dem er nicht einmal einen Tisch bestellt hatte und nun - wo er ist, ißt, MUSS es fein sein - in einem behelfsmäßig hergerichteten Hotelsalon das von ihm direkt BEFOHLENE - "also wir essen kalt" - Essen eingenommen wurde. Gleich nach der Vorspeise platzte die Kröte - ich verfolge ihn seit Jahren, kränke ihn seit Jahren, vergleiche mich, auf ungute Weise, mit ihm, habe keine Zeile von ihm gelesen und wisse überhaupt nicht, wer er sei. Hätte ich nicht das unglaublich verwinkelt-liebe FS von Gerd bekommen (der auf diese Weise einen Eklat in der deutschen Literaturscene zu verhindern wußte! . . .), ich wäre mitten beim Tatar aufgestanden, auf Nimmerwiedersehen.

14. November 1986

"Ich lebe gerne" - diesen Aufkleber las ich dieser Tage an einem Auto; könnte ich so einen Satz sagen, so einen Aufkleber mir an den Kopf oder ans Herz kleben?

Wohl nicht. Es klingt so freudig. In meinem Leben war nichts Freudiges - war vielleicht viel Genießerisches. War auch viel Liebe - aber das ist eine andere, größere Kategorie. Man kann sehr lieben - ich habe bestimmt dreimal in meinem Leben sehr geliebt - und würde dennoch so einen Satz nie sagen. Er hat was Konsumentenhaftes. Eine Werbung heißt: "Ich rauche gern" - so was hat das.

Mindestens ebenso verständnislos stehe ich ja vor der Kultur"wende" - ich begreife viele der Texte, die produziert werden, nicht mehr (seltsamerweise NIE bei Primärtexten geht es mir so - die mag ich eventuell nicht, aber ich BEGREIFE doch Botho Strauß wie Handke wie Brigitte Kronauer oder Schütz, die ich schließlich auch alle rezensiere oder in Essays behandle). Aber der Journalismus? Ein Meinungsragout breitet sich aus, mal süß, mal sauer angerichtet. Ragout bleibt Ragout.

Man wird allmählich - oder sehr rasch - wie die alten Damen, die bespöttelt noch weiß geklöppelte Handschuhe tragen.

Habe ich weiße Klöppelhandschuhe überm Hirn?

6. Dezember 1986

Zwei schöne (etwas anstrengende) Tage im wintersonnigen Mailand, das mir - sauber, bürgerlich-solide, elegant - diesmal sehr gefallen hat. Ein wenig stolz, wie ich mich so durch die Welt tummele, saß ich beim Kaffee in der herrlichen Galleria: stolz, weil ich alles in meinem Leben aus eigener Kraft geleistet habe; keine reiche Heirat, kein Erbe, keine Eltern, keine "Beziehungen". Beeindruckt von der geschmackvollen Eleganz, die Paris in den Schatten stellt, jeder Schal, jeder Pullover, jede Krawatte sicher im Stil.

Witzige Nacht-Parties mit der unermüdlichen Inge Feltrinelli, die noch um 2 Uhr mit Scharen junger Leute im Restaurant sitzt; dar unter Sohn "Carlino", nun ein nervös blinzelnder, schweigsamer junger Mann - wie lange ist Feltrinellis Tod her? Ich kenne Carlino noch "als Flocke".

Traf Umberto Eco - überrascht, als er aus einem Saal bei einer dieser Parties "Raddatz, Raddatz!" rief. Wüßte nicht zu sagen, woher wir uns überhaupt kennen. Erstaunlich unprätentiös und nett für den Autor eines Weltbestsellers.

Hotel Ritz, Barcelona, den 25. August 1987

Begegnung mit García Márquez - finally. Beginnt mit Mißverständnis, als ich vom Element der "Vanité" in seinem Werk spreche (das Gespräch geht auf Französisch); ich meine Vergeblichkeit. Er, in weißem Seidenanzug, weißem Lack-Armband an der weißen Uhr, weißen Lederslippers, weißem Kugelschreiber, blickt verstört. Lehnt (schließlich verständigen wir uns) Vergeblichkeit, Tod als Element seiner Prosa ab, Tod ist nichts als das Nichts. Schreiben, um zu überleben.

Lehnt alle Konzepte - als europäisch - ab. Lebt(e) ohne Theorie, nie Marx, Lenin, Trotzki gelesen. Sozialist der Praxis - ohne Sozialismus. "Es gibt keinen, nicht in Moskau (wo er gerade herkommt), nicht in Kuba." Sieht in Kuba keine Menschenrechtsverletzungen: "Sonst würde ich mit Castro brechen."

"Mein Werk ist ohne Denken, ist eine Aneinanderreihung von - gelegentlich größeren - Anekdoten." Über Faulkner: "Gibt keinen - überhaupt keinen - literarischen Einfluß. Nur ähnelt sein Süden ein wenig meiner Karibik."

"Herbst der Patriarchen" sei seine "Autobiographie". Will das aber nicht erläutern. Dann: "Es ist mein einziges Buch einer Person, keine gestohlenen (erfundenen) Lebensläufe." Sein literarisches Prinzip sei die "montierte und interpretierte Wirklichkeit". "Ihr Europäer - für uns ist nicht die Sowjetunion der Feind, sondern die USA. Ihr seht und urteilt noch immer von euch aus, als sei Europa noch das Zentrum."

Januar 1988

Abends Konrad Henkel (gestern abend noch) am Telefon, im besten Chauffeurs-Kölsch: "Meine Frau is noch am Essen", und: "Ich habe vorgestern Ihre Sendung gehört, über Fracia oder so - war ja schön lang." Gemeint war mein Text über García Márquez. Diese Leute haben ein halbes Funkstudio im Auto, können dort eine Sendung mitschneiden, Telefon sowieso: aber verstehen kein Wort von dem, was sie hören, wenn es nicht über Wim Thoelke ist.

Danach Telefonat mit Thomas Brasch, der abends um 23 Uhr AUFSTAND (!!) und gerade essen gehen wollte, noch verschlafen-verkatert klang, nur unzusammenhängenden Quark von der "Verkommenheit des Kulturbetriebs" redet. Die knappe Frage "Und was machen Sie?" kam quasi schon in Hut und Mantel, und eine Antwort war auch nicht erwartet.

10. März 1989

Denkwürdig, wie Gisela Lindemann vom letzten Tag Jean Amérys erzählte, der ja mit einer "Geliebten" - einer Amerikanerin - in Salzburg war, die von seinem Selbstmordplan wußte und der er auf ihren traurigen Satz "Du wirst uns sehr fehlen" antwortete: "Ich mir auch." Das geht mir nach - nicht nur, weil er auf den ähnlichen Satz, auf die schamlose Frage eines SPIEGELmenschen "Sie schreiben so viel vom Selbstmord - wann tun Sie es?" antwortete: "Seien Sie doch nicht so ungeduldig"; sondern auch, weil ich ja gerade Abend für Abend in meinen Autographen wühle, dort die wunderschönen Briefe Amérys an mich fand - - - - wie überhaupt ganz erstaunliche Dokumente (auch meines Lebens . . .). Wußte ja nicht mehr, was alles in den Briefen von Andersch oder Böll oder Breitbach stand . . .

Nie merkt man sich Träume. Heute morgen aber erinnerte ich mich: Kohl - ausgerechnet!!! - war mein Hausgast, ich wohnte in einem sehr großen eleganten Haus, und er war überraschenderweise recht sympathisch, "einsichtig". Hinterher traf ich in einer Kneipe Augstein mit einer rothäutig-grob gewordenen Maria, deren Stimme laut-ordinär war, die mir eine Picasso-Vase für viel zuviel Geld andrehen wollte und deren Kinder hinterher bei mir zu Hause waren. Und Rudolf hatte mir noch einmal - das hat er ja vor vielen Jahren wirklich getan - einen Blankoscheck für DIE SCHÖNE URSULA von Wunderlich geboten, ich könnte jede Summe einsetzen, die ich wolle.

Nun erkläre mir jemand so einen Traum. Komplexe? Machtwahn? Derlei Potenzwahnträume hat man ja auch wachend - z. B. den: Was wäre wohl mit all den pinschernden Feinden und Gegnern, wenn man den Nobelpreis erhielte; wie würden sie kotauen, um Interviews betteln, "schon immer dein bester Freund" gewesen sein. ZU schöne Vorstellung.

Parkhotel, Frankfurt, den 12. Oktober 1989

Das vergiftete Messe-Rokoko: Während die DDR wackelt und wahrlich pathetisch-tragische Scenen im täglichen Fernsehen sind, tanzt man hier à huis clos um die Literatur; bzw. eben nicht um die Literatur, sondern um literarische Karriere-Intrigen: Einen Angriff - in den facts sicherlich berechtigt - auf den seine Autoren betrügenden Unseld im SPIEGEL startet der neue Redakteur dort ("Ich bin sehr gelobt worden") nicht DER SACHE wegen, sondern weil er weiß, daß in diesem Rattennest man Ober-Ratte wird, wenn man sich als besonders bissig erweist.

Kein Lob oder Verriß eines Buches gilt im Grunde diesem Buch, sondern immer ist das munitioniert von irgendeinem "dem werd ich's mal zeigen". Das verkommt zum Gesellschaftsspiel; so geht jener Redakteur allen Ernstes IN UNSELDS PRIVATHAUS zu einem Empfang. Niemand erwartet mehr, daß jemand mit dem, was er formuliert, IDENTISCH ist.

2. November 1989

Thomas Brasch: "Wenn alle in dieselbe Richtung marschieren, kippt die Welt um" - als Kommentar zu den Massendemonstrationen in der DDR.

12. November 1989

Herzzittern bei all den Vorgängen in der DDR, man schämt sich der Tränen nicht. Es gibt eben doch ein "deutsches" Grundgefühl - von Inge Feltrinelli, die aus Villa Deati anruft, bis zu meiner Schwester in Mexiko: Die Aufregung und tiefe Rührung ist allenthalben.

Selten hatte ich mit einem Artikel SO recht wie mit dem neulich: Nun sagt Herr Bahr: Die Wirklichkeit habe "seine Phantasie überholt". Eben. Weil er keine hatte. Fast wörtlich sagt, sich beknirschend, der Tapeziermeister Kurt Hager: Er habe sich vom Leben entfernt. Das mußten so manche mit dem Leben bezahlen.

Lief gestern den ganzen Tag durch die Stadt, "Zonis gucken", wie das selbstzynisch heißt: Es sind dieselben Menschen, Deutsche, berlinern herrlich - und sind doch ganz anders, sehen anders aus. Eine Diktatur prägt, zerquetscht auch Gesichter.

Mal von den ulkigen "funny little cars" abgesehen. Sie weinen vor den Schaufenstern, sind vollkommen überwältigt, wenn man 20 Mark schenkt ("So viel Geld"). Ich bummelte durch die Stadt und steckte jedem Trabi eine Tafel Schokolade an die Windschutzscheibe. Ist das eine koloniale Geste, Glasperlen für die Neger?

22. August 1991

Wolfgang Hildesheimer stirbt. Werde ihn vermissen, seine lustige Traurigkeit und seine lakonischen Kärtchen. Er hatte etwas Jüdisch-Tieftrauriges, was mir sehr nahe ist - und was, wie man weiß, gute und "komische" Literatur schafft. Ich liebte seine Bücher, aber ich liebte auch den Mann sehr; nun ist's wieder einer weniger: Man kann gar nicht sein Adressenbüchlein so rasch ändern, wie die Weggefährten sterben. Aufheben hätte ich die alten sollen mit den Adressen und Telefonnummern von Dutschke oder der Meinhof, Fichte oder Baldwin, Johnson oder Weiss, Böll oder Fried. Und es waren ja auch alles, so oder so, "Gesprächspartner". Älter werden heißt auch verstummen.

Und kälter und einsamer werden.

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Fortsetzung von der vorherigen Seite

Liebe, Gift und weiße Handschuhe

8. September 1991

Meinem Geburtstag nachdenkend: Eigentlich war alles eine Farce (hoffentlich werde ich das nicht eines Tages über mein ganzes Leben sagen . . .). Der "große" Abend war zwar bunt und angeblich sehr freundschaftlich - aber genau betrachtet leer; Kempowski eifersüchtig auf Grass, Rühmkorf (Geschenk: eine Broschüre mit Widmung!) einsilbig, die Begegnung Wunderlich-Grass sich beschränkend auf "Was macht die Gesundheit - danke, gut", Lettau, entweder drogiert oder vermuffelt, jedenfalls vertrotzt das Lesen seines amüsant-skurrilen Gästebeschimpfungstextes verweigernd, Kaiser früh betrunken und - auf lautes Drängen nach "einer deutschen Rede" - eine witzige Rede haltend (Grass, mehr ihm erwidernd als mich "feiernd", antwortete kurz; wenn das sein "Darf ich dir deinen 60. Geburtstag ausrichten ?" war . . .), die Mondäne für 2 müde Stunden - ohne eine Blume - durchrauschend, Monk mit einem Bändchen Heinrich Mann unterm Arm. Lieblose Legenden.

Ich muß mich schon fragen, ob ich mich, meine angebliche Lebensleistung und meine nebbich Bedeutung, nicht enorm überschätze. Was bleibt, ist offenbar der geistreiche Mann, der schnelle und zu schnellen Fehlern neigende Journalist, der gebildete Anreger.

Hôtel Le Littré, Paris, den 1. Juni 1995

Ich bin mit meinen 63 Jahren noch manchmal eine Energiebombe, rase von Rodin zu Chagall, vom Louvre zu Brancusi (im Pompidou), vom Flohmarkt zum Louvre des Antiquaires, vom Musée Marmottan zur Orangerie mit meinen geliebten Seerosen von Monet - und URTEILE auch: Brancusi fand ich enttäuschend, doch nur eine Modeerscheinung, keine Kunst. Geradezu erschütternd in seiner genialen Größe dagegen der noch-nicht-niedliche frühe Chagall der russischen Jahre: Man bekam fast einen Herzanfall vor so viel geballter Schönheit, und den "Cyklisten" von Maillol, den ich schon vor unendlichen Jahren mit einem Flirt in Kopenhagen sah, will ich gar HABEN.

Beeindruckend die Begegnung mit Arthur Miller (zur Vorbereitung meines Interviews): Dieser bald 80jährige ist jünger als mein Neffe, sprüht vor Interesse ("Was ist in Deutschland los?"), hat auch, was man ihm wahrlich wünscht, noch neue Erfolge - einen neuen Roman, Polanski will ein Stück inszenieren, sein letztes hatte Riesenerfolg am Broadway, und ein anderes wird in Hollywood verfilmt.

"Was - der lebt noch?" fragte dann gestern abend zu meinem Entsetzen ganz unverblümt die etwas zippige Frau von Adami (beide kamen zum Drink nach dem Dinner ins Restaurant - weil er zu einem mondänen Cocktail mußte, ich glaube, die Prinzessin von Monaco hatte Geburtstag, und er "lebt" ja in Monaco, d. h., er zahlt keine Steuern). Er wie immer herrlich, sprühend, übrigens ein sehr gut aussehender Mann (der angeblich ohne jede Sexualität lebt), meine Schwester, die fleischfressende Pflanze, verschlang ihn mit den Augen (und da alles, was eine Hose anhat, ihr das bißchen Gehirn vernebelt, sprühte sie nicht nur vor Charme und Witz in 3 Sprachen, sondern merkte gar nicht, wie "neutral" der Mann ist).

9. Mai 1998

Gestern Abendessen mit Kempowski, der wohlauf, keine Spuren seines Schlaganfalls, witzig-verschroben wie immer ("Bitte Salzkartoffeln mit Petersilie und keinen Wein"), der weitere Bände des ECHOLOT und einen großen Roman fertig hat, der zugleich ein abstruses Verhältnis zum Geld hat - so leistet er sich einen Assistenten/Chauffeur (dem er übrigens Anweisungen gibt, wie er wünscht, fotografiert zu werden, und was er wünscht, daß der Mann "für die Nachwelt" notiert) - - - - aber leisten tut es in Wahrheit sein Verlag; denn von den DM 5000 monatlich, die der arbeitslose Germanist erhält, zahlt Kempowski ihm ganze DM 500!! Bewundernswert.

Bewundernswert aber auch nach wie vor sein Gedächtnis, er ist eigentlich mehr Gedächtnis-Steller als Schrift-Steller: So wußte er bis ins Detail genau die unendlich weit zurückliegende Situation zu schildern, wie in Berlin die "Memorabilia" der Gruppe 47 versteigert wurden. Aschenbecher, die Glocke, mit der Hans Werner Richter die nächste Lesung einläutete, usw. - - - - und zwar war ICH der Versteigerer, der mit einem Zylinder auf einem Stuhl stand und die Gebote von Höllerer oder Hildesheimer oder Grass entgegennahm; Grass habe - so Kempowski - gegrummelt wegen des "Unernstes" der Sache.

Mit derselben Akribie, bis hin zur Tischordnung - "Und ich hatte als Tischdame die schwerhörige Frau Hildesheimer, grauenhaft!" -, konnte er die erste "Tafel" schildern, die ich vor ebenso unendlich zurückliegender Zeit auf der Frankfurter Buchmesse zusammengetrommelt hatte, um zum ersten Mal Madame Gabriele Henkel in die Welt der Literatur einzuführen (was ja auch George Weidenfeld in seinen Memoiren schildert); Kempowski wußte, ob Enzensberger dabei war und Peter Weiss, oder: "Nein, . . . ich glaube, der nicht", ob Böll oder, oder, fast wußte er noch die Speisenfolge - in jedem Fall beschrieb er aufs köstlichste die lustig-sonderbare Situation, wie der freche FJR da die "berühmte" Salon-Dame hoffähig zu machen suchte; damals war sie noch angemessen bescheiden, prätendierte nicht, dasselbe zu sein wie ihre Gäste. Lang, lang ist's her.

11. August 1999

Fortsetzung zum Stichwort "Verkommenheit des Kulturbetriebs": Siegfried Unseld, auf einem "Künstlerfest" des Kulturministers Naumann (auf dem allerdings keine Künstler waren) zu seinem Jung-Autor Joachim Helfer, den er zum 2. Mal in SEINEM LEBEN SAH: "Was ist denn das für eine Party, zu der ein so vollkommen unbedeutender Verleger wie Joachim Unseld eingeladen ist? Nie wieder gehe ich zu dergleichen."

Rolf Hochhuth, zum 2. Mal von mir erinnert, ob er öffentlich dazu stehe (wenn ich das verwende), daß Augstein seinen Bismarck-

Artikel mit dem Satz "Bismarck ist mein Thema!" aus dem Heft gefeuert hat: schweigt.

4. Dezember 1999

Vorgestern mittag Enzensberger zum Déjeuner (was mir NIE und weniger und weniger bekommt: 2 Glas Champagner, mittags, werfen mich um). Die immer amüsanten, zierlichen Distanzvermessungen im so typischen Tonfall: "Jooo, der Herr Unseld . . ." oder: "Der nette Rühmkorf . . .", wohl wissend, daß "nett" tödlich ist und er es auch so meint, weil dann immer der Satz beschlossen wird mit: "Der schreibt einem ja da so Briefe und will Widmungen, die er einem unerbeten in seine Bichl neingemalt hat, leihweise zurück -- um aus diesen Widmungskritzeleien wiederum ein Bichl zu machen, der Herr Rühmkorf." Tot isser. Natürlich zugleich immer klug-treffend: "Im Solarplexus MUSS Grass ja wissen, daß es nach dem Anfangserfolg nur noch bergab ging." Behäbig ist er nicht geworden, aber selbstgewiß (dabei durchaus zugebend, daß er in früherer Zeit NIE auch nur geträumt hätte, mal wohlhabend zu sein). Er WEISS, daß er eine Art Zentral-Macht in der deutschen Gegenwartsliteratur ist, daß er NEIN oder JA sagen kann, wann und wie er will, und ist dann doch, wie auch anders, auch er, ein bißchen älter geworden. Als hätte ich eine CD aufgelegt, kam mit exakt DENSELBEN Sätzen sein Bericht, den er mir neulich beim Abendessen in München "zur Lage von Hans Magnus Enzensberger" gegeben hatte: 300.000 Gedichtbücher insgesamt verkauft, das Mathematikbuch mit 750.000 Exemplaren ein veritabler Bestseller: "Dies alles ist mir unterthänig." Wir tanzten einen hübschen Pas de deux und waren, als die Flasche leer war, die beiden einzigen, die in Deutschland klug, begabt, erfolgreich und berühmt sind.

Gastgeschenk: keines.

11. August 2001

Fortsetzungsroman MEINE FREUNDE, DIE LITERATEN. Anruf von Hochhuth, einfach mitten in einem Satz beginnend (auch gar nicht wissend, ob ICH überhaupt dran bin): " . . . also, ich wollte nur eben mal sagen . . ." In diesem Fall: wie exzellent ihm mein Benn-Buch gefällt - er ist übrigens selber ein sehr guter und genauer Benn-Kenner - und wie er "natürlich vergeblich" versucht hat, eine Rezension in der ZEIT anzubieten.

BEGONNEN aber hat er das Gespräch, nein: den Monolog, mit: "Ich bin dir sehr dankbar, daß du mich erwähnst." Als erstes also wurde der Namensindex angesehen, ob unter H auch Hochhuth steht. Dann kam, von geradezu einfältiger, jedenfalls un-eifersüchtiger Freundlichkeit: "Wenn ich so gut schreiben könnte wie du . . .", eine Kette von Komplimenten über Stil, Wortwahl usw. "Aber was ist Patou, habe in allen Antike-

Wörterbüchern nachgesehen, es steht nirgends . . ." Die un-mondänen deutschen Literaten: Daß es ein Parfum ist, schmiß ihn geradezu um . . .

Kampen, den 6. September 2001

Der alte Rezensent rezensiert also seinen Geburtstag, über den vergnügt zu sein dann doch nicht ganz ohne Bitterkeit gelang. Bitter, weil das Ende so nahe, bitter, weil das große VERGEBENS mit beinernem Finger an die Pforte klopft, bitter, weil die Frage "Das war's? War das alles?" nicht beantwortbar.

Am interessantesten ist letztlich meine Selbstüberschätzung. Ich war SICHER, etwas vom Bundespräsidenten zu hören, vom Kanzler, hatte Sorge, meine Vasen hier würden nicht reichen (die Hälfte blieb leer). Von Wapnewski 1 Buch, von meinem Urheberrechtserben Kersten 1 Brief'gen. Was blieb, war zweierlei - zum einen "die alten Seilschaften": Gerd Schneider, aus Berlin, Erika, besonders schön und gedankenvoll.

Arabella Sheraton Grand Hotel, Frankfurt, den 14. Oktober 2001

Die (hoffentlich: meine letzte) Buchmesse tanzt nach dem Motto: "Wer war die alte Dame, mit der ich Sie gestern fotografiert habe?" Die alte Dame war Inge Feltrinelli; auch wer ich bin, wußte der Fotograf nicht - Hauptsache knipsen, egal, egal.

Ich werde vornehmlich befragt, was das J. in meinem Namen bedeute und ob ich ein Dandy sei, und wenn ja, was der Angeklagte dazu zu sagen habe. Vorgestellt - auch bei der Lesereise, über deren klägliche Strapazen ich hier nicht ein abermaliges Mal jeremiaden will - werde ich neuerdings: "Anläßlich Ihres Geburtstags stand ja über Sie zu lesen . . ." Nie, nicht ein einziges Mal, habe ich in diesen Tagen und Wochen gehört: "Meine Damen und Herren, ich stelle Ihnen FJR vor, dessen jüngstes Buch X ich deswegen mit großem Vergnügen gelesen habe, weil . . ."

-Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz erscheinen am 17. September im Rowohlt Verlag.

Freitag, 3. September 2010

Black Apollo

Afrika und die Raumfahrt


Die Afrikanische Union hat eine Machbarkeitsstudie in Auftag gegeben: Untersucht wird, wie Afrika ein wichtiger Player im globalen Raumfahrtprogramm werden könnte. Wir raten den Impulsgebern: Einsteigen, mitfliegen.

Von Klaus Ungerer

02. September 2010 Männer! Männer regieren die Welt, und voller Visionen sind sie auch. Kühne Taten gefallen ihnen: etwa wenn man mit großem Getöse etwas sehr weit hochschießen kann, in den Himmel hinein.

Nämlich: Afrika braucht dringend ein Weltraumprogramm! So funktionieren Männer. Überall auf Erden ein Elend und Dreck, dringend müsste aufgeräumt werden – so what?

Wenden wir den Blick also anderswo hin. Zu den Sternen. Die Afrikanische Union hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben: ob, wann und wie der Kontinent endlich seine eigene Weltraumbehörde, die ASA, bekommen kann. Damit die Herren der Schöpfung nicht länger warten müssen, stellen wir hier erste Ergebnisse zur Verfügung.

Erstens, ganz klar: Afrikanische Weltraumfahrt ist nicht nur wünschenswert, sondern auch überaus machbar, und wir sind uns ganz sicher, dass es eine Vielzahl europäischer, amerikanischer und chinesischer Firmen geben wird, die gerne das Ihre dazu beitragen werden.

Zweitens: Da das benötigte Geld voraussichtlich zu neunzig Prozent in namenlosen Kanälen versickern wird, ist es ja eigentlich auch egal, ob es als Weltraum-, Gesundheits- oder Ernährungsprogramm deklariert ist.

Drittens: Ja doch, das afrikanische Weltraumprogramm wird ohne Frage eine Erfolgsgeschichte. Wir raten dringend zu einem engagierten Mond- oder besser noch Marsprogramm und schlagen vor, dass die maßgeblichen Impulsgeber auf jeden Fall persönlich daran teilnehmen. Wir winken dann gern hinterher.
Text: F.A.Z.