DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 14. August 2010

Power Travelling

Kolumne FAZ


Von Georg M. Oswald

Kolumne: Power Travelling

13. August 2010

Plett saß mit Rink im Konferenzraum. Die übrigen Teilnehmer ließen auf sich warten, also konnten sie noch nicht anfangen und mussten über etwas Unverfängliches reden. Das Wetter war als Thema nicht mehr so unbelastet wie früher, man landete meist schon nach wenigen Sätzen bei der Klimakatastrophe, aber jetzt brauchte man eine positive Atmosphäre.

„Wohin geht es bei Ihnen in den Sommerurlaub?“, fragte Plett luftig. „Las Vegas, Rio de Janeiro, Marseille“, antwortete Rink wie selbstverständlich. Groß und stolz standen die Namen der weltberühmten Städte im Raum. Plett war baff, versuchte aber unbeeindruckt zu wirken.

"Und wie lange?“ „Zehn Tage, wir wollen auch noch ein paar Tage zu Hause genießen.“

„Ist das nicht ein bisschen viel?“ „Nein, ganz und gar nicht. In Las Vegas sind wir wegen des Spektakels, anschließend an der Copacabana zum Relaxen, und dann besuchen wir noch kurz meine Schwiegermutter. Meine Frau ist Französin.“

Plett fand Rinks Auskünfte unerträglich großspurig. War so jemand überhaupt vertrauenswürdig? Ein Angestellter, der auf die Frage nach dem Urlaubsort antwortete „Wir fahren immer da und dort hin“ bewies, dass er auch fern seines Arbeitsplatzes ein verlässlicher und berechenbarer Zeitgenosse war. Es genügte deshalb auch nicht, ans immergleiche Urlaubsziel zu reisen. Es musste auch bedachtsam gewählt sein, musste Augenmaß verraten, Sinn für das Angemessene. Die Pletts zum Beispiel fuhren seit achtzehn Jahren jeden Sommer für drei Wochen an den Titisee im Schwarzwald. Was gab es daran zu ändern? Auf Drängen von Frau und Kindern waren sie vor Jahren einmal nach St. Peter-Ording an der Nordsee gereist, und was war geschehen? Zwei von drei Wochen hatte es geregnet. Am Titisee war ihnen das nie passiert.

Da kamen Frenk, Brunn und Frau Lott in den Konferenzraum. Fehlte noch Bonk, der Chef, ohne den es keinesfalls losgehen konnte. Plett nutzte die Gelegenheit, auch sie nach ihren Urlaubszielen zu fragen. „St.-Tropez, Barcelona, Helsinki“, „Maputo, Chisinau, München“, „Rom, Stockholm, Bretagne“ waren die Antworten.

Als er an der Reihe war und gestand: „Titisee. Seit achtzehn Jahren“, klatschte Frau Lott in die Hände, rief entzückt „süüüß!“, und alle lachten, bevor sie sich von Plett abwandten und gegenseitig bestätigten, dies sei die neue Art des Urlaubmachens: zehn Tage, drei spektakuläre Orte. Power Travelling. Schließlich hatte man nicht ewig Zeit.

Zu Hause, beim Abendessen, gab Plett bekannt: „Wir ändern unsere Urlaubspläne: Freiburg, Basel, Titisee.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.