DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 29. August 2010

Schluss mit dem Gekuschel

An Berliner Schulen kehrt die Pädagogik der DDR zurück

Von Alan Posener

Vielleicht muss der Junge aufs Klo. Jedenfalls meldet sich der Zehnjährige: "Ich will..." Die Lehrerin unterbricht: "Du WILLST?" Sie wendet sich an die Klasse: "Was sagen wir da?" Im Chor antworten die Kinder:

"Ich will ist gestorben, hat sich den Magen verdorben!" Die Lehrerin nickt zufrieden, der Junge verbessert sich: "Ich möchte..."

Eine Szene aus den fünfziger Jahren? Nein, eine Grundschule in einem Berliner Einwanderungsbezirk, 2010. Die Lehrerin kommt aus dem Ostteil der Stadt. Sie bringt die Methoden der DDR-Pädagogik mit.

Eine andere Klasse, eine andere Lehrerin: Ein Junge hat irgendetwas ausgefressen und das auch noch geleugnet: einen "Ausdruck" an die Tafel geschrieben, jemanden geschubst, oder was halt vorpubertären Jungen so einfällt. Er wird nach vorne zitiert. "Und nun erzählen wir Mehmet, warum wir keine Lügner in dieser Klasse wollen", sagt die Lehrerin. Hände schießen nach oben. Das Kollektiv richtet - anstelle von Solidarität unter Schülern gibt es Kritik und Selbstkritik nach altbewährter Art.

In Berlin findet zurzeit in Lehrer- und Klassenzimmern ein Kulturkampf zwischen Ost und West statt. Die Konfrontation erlaubt einen Blick auf einen Kontinent, der sonst unter Wasser liegt: die Kontinuität der schwarzen DDR-Pädagogik in den neuen Ländern.

Als Berlin geeint wurde, gingen einige wenige idealistische Westlehrer in den Osten. Fast alle wurden bald wieder herausgemobbt. Weil es aber inzwischen im Osten einen Lehrerüberhang gibt, kommen immer mehr Ost-Pädagogen in den Westen. Die "gelernten Ostler", wie sie sich selbst stolz nennen, bringen den entschiedenen Willen mit, sich von "Besserwessis" nichts sagen zu lassen. Denn vom "Nivö" her lassen sie nichts auf die Schule der DDR kommen. Da herrschte Zucht und Ordnung, da war der Lehrer Respektsperson, da gab es Bestleistungen in Mathe und Physik, da gab es diese ganzen Alis und Fatimas nicht, und wer asozial war, na, der kam ins Heim.

Einst war die Lehrerschaft die Stütze des DDR-Regimes. "Vom Beginn der Achtzigerjahre an wurden Lehrer in der DDR gezielt aus zuverlässigen Familien ausgewählt", sagt die ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier. Heute ist diese Lehrerschaft die Speerspitze eines Rollbacks der westlichen "Kuschelpädagogik". Westkollegen reden von "Ossifizierung" der Schule. "Dabei entdecken Ur-Konservative und Ex-Kommunisten überraschende Übereinstimmungen", sagt ein West-Berliner Fachleiter für Geschichte. "Sie sind autoritär, misstrauen der Eigenverantwortlichkeit der Schüler, schielen auf den nächsten Vergleichstest, stellen Kontrolle vor Vertrauen."

Als die Wessis Anfang der Neunziger in den Osten gingen, entzündete sich der Konflikt vornehmlich an politischen Fragen. Eine typische Konfliktsituation dokumentierte 2002 die "Berliner Lehrerzeitung" der Lehrergewerkschaft GEW: Schüler reden im Unterricht vom "Antifaschistischen Schutzwall". Der West-Lehrer fragt im Kollegium nach, wie es zu diesem Sprachgebrauch kommt. Er wird fortan von den Kollegen gemobbt. Erst vor zwei Jahren stellte eine Studie der Freien Universität Berlin fest, es herrsche besonders in Brandenburg und im Ostteil Berlins unter Schülern ein verklärtes DDR-Bild. Typisch die Antwort der damals 17-jährigen (also nach dem Mauerfall geborenen) Marie auf die Frage, was ihr beim Begriff DDR einfalle: "Pioniere. Kinder hatten Möglichkeiten, ihre Freizeit zu gestalten. Man konnte auf der Straße spielen, ohne Angst haben zu müssen. Alle Leute hatten Arbeit."

Deutschlandweit bekannt wurde 1993 der Fall des Gymnasiallehrers Peter Klepper, der als Austauschlehrer vom Westbezirk Tempelhof in den Ostbezirk Lichtenberg ging. Nach acht Monaten einigten sich die SPD-Volksbildungsstadträte Jürgen Bergmann (Lichtenberg) und Klaus Wowereit (Tempelhof), Klepper zurück in den Westen zu versetzen. Klepper hatte nämlich vorgeschlagen, sein Gymnasium nach dem DDR-Dissidenten Robert Havemann zu benennen und damit "den Schulfrieden gestört". Eine besonders üble Rolle spielte die Schulrätin Marion Weigelt, bis 1987 im Pionierpalast "Ernst Thälmann" tätig, einem Prestigeobjekt Margot Honeckers. Unangemeldet erschien sie in Kleppers Unterricht und stellte anschließend in einem Gutachten fest, er sei ungeeignet, unter anderem, weil er "zu freundlich zu den Schülern" sei. Heute ist Frau Weigelt, inzwischen Friebel, Schulrätin im West-Berliner Bezirk Zehlendorf.

Sie ist kein Einzelfall. Wenn Schulen im Osten schließen, werden Schulleiter und andere Führungskräfte nach dem Prinzip der "amtsgleichen Unterbringung" mit entsprechenden Posten im Westen versorgt. So hatte der Ost-Bezirk Marzahn kurz nach der Wende zehn Gymnasien, heute sind es drei. Die Schul-Funktionäre zogen Richtung Westen. In einem Spandauer Gymnasium brachte der neue Direktor gleich so viele Getreuen aus dem Osten mit, dass die Westlehrer witzeln, bald müssten sie zum Fahnenappell antreten. Ein Schulleiter aus dem Ostbezirk Hellersdorf, an eine Gesamtschule in Neukölln versetzt, gab an, er wolle nun "auch im Westen die polytechnische Oberschule einführen".

Nach wie vor lebt unter Ost-Lehrern hartnäckig der "Mythos Ostschule", wie Ralf Schuler, heute Politikchef der "Märkischen Allgemeinen" in Potsdam, kürzlich in der "FAZ" feststellte. Viele Lehrer sähen in ihr "ein Stück Sozialismus, das funktionierte und es wert gewesen wäre, übernommen zu werden". Der Erfolg der Ost-Länder Sachsen und Thüringen bei den PISA-Tests - jedenfalls in Mathematik und Lesen - scheint den DDR-Nostalgikern Recht zu geben. Selbst Mythos-Kritiker Schuler schwärmt, die Zentralisierung" der DDR-Lehrplanentwicklung sei "sinnvoll und effektiv" gewesen. Heute könne wegen der Verwendung unterschiedlicher Bücher mit verschiedenen Didaktik-Ansätzen "weniger Stoff in die zur Verfügung stehende Zeit" gepresst werden.

"Man muss unterscheiden zwischen PISA-gut und gut", sagt Professor Thomas Jahnke, der an der Uni Potsdam Mathematikdidaktik lehrt. "Schüler, die nach der DDR-Methodik gelernt haben, sind PISA-gut." Tatsächlich seien die DDR-Schüler im Durchschnitt besser in Mathematik gewesen als ihre Altersgenossen in der Bundesrepublik, "weil die Schlechteren besser waren. Auch den Letzten wurde eingetrichtert, was im so genannten 'Wissensspeicher' stand, und wenn sie es nur nachplappern konnten." Jahnke nennt das "nominales Lernen". Man könnte es auch Paukerei nennen. Das kommt bei vielen Eltern noch heute gut an.

Hinzu kommt, dass die "empirische Wende" seit PISA der Ost-Pädagogik Vorschub leistet. Gefragt sind überprüfbare, also abfragbare Fertigkeiten. "Es geht nur um Kompetenzorientierung", sagt Seminarleiterin Christine Sauerbaum-Thieme. "Kritisches Denken ist kein Lernziel mehr."

Eine von Sauerbaum-Thiemes Referendarinnen bestand darauf, das Seminar zu wechseln, als die Leiterin die DDR als Diktatur bezeichnete. Die Referendarin ist heute verbeamtete Lehrerin.

Der Einfluss der im Osten praktizierten Paukpädagogik setzt sich auch in der nächsten Generation fort. Er bemerke an seinen heutigen Lehramtsstudenten aus dem Osten die "verkörperte DDR-Pädagogik", sagt Thomas Jahnke. "Sie sind für Ruhe und Ordnung, für kleinschrittiges Vorgehen und Auswendiglernen und gegen die Reformpädagogik", sagt er. Daran ändere auch alle Didaktik-Theorie nichts: "Die Erwartungen an Schule werden durch das eigene Erleben geprägt."

Auch Christine Sauerbaum-Thieme sagt, dass sie bei neuen Referendaren "in der ersten Konfliktsituation" merke, wer woher stamme: "Die aus dem Osten fallen sofort in autoritäre Verhaltensmuster zurück." Allerdings seien jüngere Lehrer und Lehrerinnen noch zu beeinflussen. Ältere nicht mehr.

Bei ihnen herrscht das "Wir". Schreibunterricht in der ersten Klasse: "Wir haben unseren Stift vor uns. Wir heben ihn auf. Wir setzen an. Wir schreiben..."

Wer sich nicht dem Kollektiv unterwirft, wird ausgegrenzt. Aus dem GEW-Bericht über West-Lehrer in Ostberlin: Ein West-Lehrer wird zum Fachseminarleiter berufen. Daraufhin wird er von den Kollegen gemieden, weil er das "Kollektiv" nicht gefragt habe, ob es ihn "delegieren" wolle. Ein West-Lehrer nimmt Anstoß daran, dass im Sportunterricht die Verlierer an die Tafel geschrieben werden und anschließend aufräumen müssen. Das stößt auf Unverständnis.

"Das Wir der DDR-Lehrer zielt nicht auf das bürgerliche Individuum Schüler sondern auf ein Kollektiv, dem man sich unterzuordnen hat", meint Didaktiker Jahnke. "Dazu gehört dann auch der Pranger, ob positiv für den Held der Arbeiterklasse oder negativ für den, der sich an den normativen Regeln des Kollektivs vergeht, sie nicht akzeptiert oder ihnen widerspricht."

Früher herrschte die Diktatur des Proletariats. Heute herrscht die Diktatur des Stoffs. Schüler freistellen für die Arbeit als Konfliktlotsen? Nein, Stoff geht vor. Eine Stunde ausfallen lassen, damit die Kinder in der Aula ein Theaterstück sehen können? Nein, Stoff geht vor.

Dabei wird, wie früher im Osten, die Norm durch Schummelei übererfüllt. Es steht ein Diktat an? Die unbekannten Wörter werden gebüffelt, bis jeder eine Zwei schreibt. Ein Vergleichstest? Dann wird der eben so lange vorbereitet, bis die Schüler ihn auswendig können. Kein Wunder, dass einige ostdeutsche Länder bei PISA so gut abschneiden - außer im Zukunftsfach Englisch. "Autoritäre Erziehung ist effektiv", sagt Sauerbaum-Thieme. "Jedenfalls kurzfristig, weil sie Ruhe und Ordnung schafft."

Wo Ost-Lehrer ins Lehrerzimmer einziehen, zieht auch die ostdeutsche Haltung gegenüber Autoritäten ein: Jasagen und anschließend untereinander meckern. Ostdeutsche bilden in West-Klassenzimmern Cliquen, die sich gegenseitig darin bestärken, dass nicht alles schlecht war an der DDR, genau genommen das Meiste sogar besser.

Die ehemalige Lichtenberger Schulrätin Marion Weigelt freilich ist der Meinung, das Thema Ost-West spiele heute "überhaupt keine Rolle mehr". Wichtiger sei, dass die überalterten Westlehrer endlich "modernen Unterricht" lernen. Man hört's mit Grausen.


Via Sean Bonner's tumblr, no idea where it's from.

Update: This photograph was taken by Carlton Reid, and the stencil street art it documents is the work of Peter Drew of Adelaide, Australia.


Samstag, 21. August 2010

STONE HOUSE

Stone House
Stone House

Check out this stone house that looks like it is straight out of the Flintstones! It is nestled in the mountains of Fafe, Portugal. My daughter even walked by saying, "That is sooo cool, I want a house like that." I wonder what it looks like on the inside? (via archdaily)

eiPOTT - Da versteht apple keinen Spaß!

Apple erwirkt einstweilige Verfügung gegen Eierbecher

Das Erbacher Unternehmen koziol muss sich einen neuen Namen für einen Eierbecher des Designers Michael Neubauer einfallen lassen, den es bislang unter der Bezeichnung eiPOTT vertreibt. Das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg sieht in dem Namen eine Verwechslungsgefahr mit einem Medienabspielgerät des Herstellers Apple (Az.: 5 W 84/10). Nach Angaben von koziol sei Apple dieser Sieg erst im dritten Anlauf gelungen, nachdem der Computerhersteller bereits vergeblich versucht habe, die Herstellung und den Vertrieb des Eierbechers generell verbieten zu lassen.

eipott vs apple ipod

Einer koziol-Pressemeldung zufolge stütze sich die Begründung des Gerichts in erster Linie auf die klangliche Zeichenähnlichkeit. Die Richter gestünden der Namensgebung zwar zu, sie sei "eine witzige Idee und man muss auch erstmal darauf kommen. Eine humorvolle oder parodistische Auseinandersetzung […] vermag der Senat aber nicht zu erkennen.“ Daher könne man den Aspekt der Kunstfreiheit nicht gelten lassen. Allerdings verwundere die Ausführung, dass koziol zwar jedes andere Produkt seines Sortiments eiPOTT nennen dürfe, nur eben keinen Eierbecher. (hos)

Montag, 16. August 2010

Seele, Seelen, Seelchen...

Man kennt das Wort "Seele",
das Wort "Enkel",
vielleicht auch noch "Seelchen"
oder "Enkelchen":

Aber das hier: "Seelenkelchen"? Da bin ich doch gestolpert... (Man muss sich die Präposition "in" davor vorstellen und wissen, dass es sich um einen sehr, sehr esoterischen Text handelt: in Seelen-Kelchen)...

Samstag, 14. August 2010

Power Travelling

Kolumne FAZ


Von Georg M. Oswald

Kolumne: Power Travelling

13. August 2010

Plett saß mit Rink im Konferenzraum. Die übrigen Teilnehmer ließen auf sich warten, also konnten sie noch nicht anfangen und mussten über etwas Unverfängliches reden. Das Wetter war als Thema nicht mehr so unbelastet wie früher, man landete meist schon nach wenigen Sätzen bei der Klimakatastrophe, aber jetzt brauchte man eine positive Atmosphäre.

„Wohin geht es bei Ihnen in den Sommerurlaub?“, fragte Plett luftig. „Las Vegas, Rio de Janeiro, Marseille“, antwortete Rink wie selbstverständlich. Groß und stolz standen die Namen der weltberühmten Städte im Raum. Plett war baff, versuchte aber unbeeindruckt zu wirken.

"Und wie lange?“ „Zehn Tage, wir wollen auch noch ein paar Tage zu Hause genießen.“

„Ist das nicht ein bisschen viel?“ „Nein, ganz und gar nicht. In Las Vegas sind wir wegen des Spektakels, anschließend an der Copacabana zum Relaxen, und dann besuchen wir noch kurz meine Schwiegermutter. Meine Frau ist Französin.“

Plett fand Rinks Auskünfte unerträglich großspurig. War so jemand überhaupt vertrauenswürdig? Ein Angestellter, der auf die Frage nach dem Urlaubsort antwortete „Wir fahren immer da und dort hin“ bewies, dass er auch fern seines Arbeitsplatzes ein verlässlicher und berechenbarer Zeitgenosse war. Es genügte deshalb auch nicht, ans immergleiche Urlaubsziel zu reisen. Es musste auch bedachtsam gewählt sein, musste Augenmaß verraten, Sinn für das Angemessene. Die Pletts zum Beispiel fuhren seit achtzehn Jahren jeden Sommer für drei Wochen an den Titisee im Schwarzwald. Was gab es daran zu ändern? Auf Drängen von Frau und Kindern waren sie vor Jahren einmal nach St. Peter-Ording an der Nordsee gereist, und was war geschehen? Zwei von drei Wochen hatte es geregnet. Am Titisee war ihnen das nie passiert.

Da kamen Frenk, Brunn und Frau Lott in den Konferenzraum. Fehlte noch Bonk, der Chef, ohne den es keinesfalls losgehen konnte. Plett nutzte die Gelegenheit, auch sie nach ihren Urlaubszielen zu fragen. „St.-Tropez, Barcelona, Helsinki“, „Maputo, Chisinau, München“, „Rom, Stockholm, Bretagne“ waren die Antworten.

Als er an der Reihe war und gestand: „Titisee. Seit achtzehn Jahren“, klatschte Frau Lott in die Hände, rief entzückt „süüüß!“, und alle lachten, bevor sie sich von Plett abwandten und gegenseitig bestätigten, dies sei die neue Art des Urlaubmachens: zehn Tage, drei spektakuläre Orte. Power Travelling. Schließlich hatte man nicht ewig Zeit.

Zu Hause, beim Abendessen, gab Plett bekannt: „Wir ändern unsere Urlaubspläne: Freiburg, Basel, Titisee.“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Montag, 9. August 2010

Singender Sprachklang

Glosse Feuilleton

FAZ 7.Juli 2010, S.33

Beim Türken in unserem Dorf kaufe ich ein Huhn. Vor mir wird eine Frau bedient, die ganz dem Klischee entspricht: Kopftuch, Brille von ausgesuchter Uneleganz, dicker grauer Mantel (bei 28 Grad). Kein Blickfang also. Dann aber unterhält sie sich mit dem Verkäufer, und man hört eine Stimme von geradezu berückender Schönheit. Singend nämlich, nicht piepsend, schrill oder sonstwie entstellt, und sie hat überhaupt nichts von dem aggressiven Slang der Türken-Karikaturen in den Comedy-Shows, nichts von "krass" und "korrekt", sie ist reine, ansprechende Musik. Ich nehme an, dass man so nur sprechen kann, wenn man ein innerlich freier Mensch ist. Warum gibt es solche Stimmen unter den jungen Frauen in Deutschland immer weniger? Warum erlischt die Wärme in ihnen, ja fast der freie Atem, warum werden ihre Stimmen immer blecherner und gequetschter, und warum reden selbst Frauen aus Hof oder Regensburg oder Bayreuth so, als kämen sie aus Hannover? Sie sprechen ja fehlerfrei und deutlich artikuliert. Aber etwas fehlt. Es scheint doch eine Frage der Generationen zu sein. Ruth Fühner im Hessischen Rundfunk spricht noch in der älteren, angenehmen und melodiösen Weise, und jeden Morgen warte ich auf ihre Moderationen. Aber bei ihren jüngeren Kolleginnen in den Rundfunkanstalten verliert sich diese Fähigkeit. Die singende Stimme zeugt von einer inneren Gelöstheit und Entspannung, die gequetschte deutet auf Stress. Aber genau der Stress wird von diesen jungen Frauen wie eine Siegesfahne als stimmliches Erfolgsabzeichen vorangetragen. Sie wollen zeigen, wie schwer ihnen der Weg nach oben geworden ist. Das Bild der Frau ändert sich mit den neuen Karrierechancen - das ist banal. Aber es ändert sich auch ihr Klang. Die Musik ist bald verflogen. L.J.

Dienstag, 3. August 2010

Überwachungskamera im Paradies?

Philosophy Now (Großbritannien), 02.08.2010Angenommen, Eva hätte den verbotenen Apfel nicht gegessen - weil sie gerade noch rechtzeitig die Überwachungskamera bemerkt hätte, die auf den Baum der Erkenntnis gerichtet war. Wäre Gott mit ihrer Entscheidung zufrieden gewesen? Nein, ist derPhilosophieprofessor Emrys Westacott überzeugt, denn Gott war Kantianer!


"Laut Kant sind unsere Handlungen richtig, wenn sie den moralischen Regeln entsprechen, die uns unser Verstand diktiert. Und sie haben moralischen Wert, wenn sie von unserem Respekt für das moralische Gesetz motiviert sind. Mit anderen Worten, meine Handlungen haben dann einen moralischen Wert, wenn ich das Richtige tue, weil ich das Richtige tun will."

SÜSSKARTOFFELN

"Wir verlassen die diskursive Sphäre der Massenmedien nie, wir blättern nur um oder wechseln den Sender."

In einem aus der aktuellen Printausgabe von A Prior Magazine übernommenen Interview geht der britische Künstler Victor Burgin (mehr hier und hier) mit der derzeit angesagten dokumentarischen Kunst hart und wortreich ins Gericht. Am Schluss aber ist er sprachlos, als seine Gemüseverkäuferin ihm die Dominanz der von den Medien propagierten Wirtschaftstheorien über die Kunst und das Leben aufzeigt.

"Ich ging in den Bioladen um die Ecke, um Süßkartoffeln zu kaufen. Ich hatte in der vorherigen Woche welche gekauft, und als Ursprungsland war Spanien angegeben. Ich nahm mir zwei und ging zur Kasse, als ich bemerkte, dass der Hinweis auf das Ursprungsland fehlte. Ich fragte die Frau hinter dem Tresen, ob diese Kartoffeln auch aus Spanien seien. 'Sie sind aus Israel', sagte sie. 'Dann will ich sie nicht', sagte ich. 'Oh', sagte sie, 'die Bauern sind nicht die Regierung. Die wollen doch nur Geld verdienen, wie wir alle.' Sie sagte das in einem Ton und mit einer Miene, die klar machte, dass sie überzeugt war, dass dieses Argument eine Erwiderung ausschloss - und tatsächlich war ich sprachlos. Was konnte ich sagen? 'Geld zu verdienen', das ist unser grundlegendes Verlangen und unveräußerliches Recht, das ist es, was jedes atomische Individuum mit 'allen' verknüpft - welche Hoffnung gibt es da noch für die Kunst oder die Universität, wenn dieses Denken obsiegt?"

Die Mannschaft hat im ideologischen Kampf versagt

Laurent David Samama greift eine Meldung des Radio Free Asia über die nordkoreanische Fußballnationalmannschaft auf. "Obwohl sie sich trotz dreier Niederlagen bei der Weltmeisterschaft keineswegs blamiert hat, ist sie gleich nach ihrer Rückkehr nach Pjöngjang einberufen worden, um einen offiziellen Tadel entgegen zu nehmen. Nach chinesischen Quellen soll sich die Szene in einem großen Saal des Kulturpalastes zugetragen haben, wo eine 'große Debatte' anberaumt wurde. Auf einer Tribüne stehend, unter den missbilligenden Blicken der 400 Anwesenden, musste die Mannschaft sich der Kritik der Offiziellen, Kommentatoren und Studenten stellen. Nach sechs Stunden staatlicher Zurechtweisung war der Urteilsspruch gnadenlos: Die Mannschaft hat im ideologischen Kampf versagt."