DIE RABENSCHWARZE SEITE

Montag, 14. Juni 2010

Bundesvater

Heuss und die Deutschen

Dem Amt des Bundespräsidenten hat das neunte Staatsoberhaupt durch die Form seines Abgangs einen Tritt versetzt. "Superhorst", wie einst der Boulevard titelte, verabschiedete sich als "Leberhorst", wie Kabarettisten spotten. In der Woche der Präsidentenkrise erschien der neueste Band aus dem Nachlass von Theodor Heuss (1884-1963).Theodor-Heuss

Die präsidialen Zeilen zeigen auch, dass Heuss keinesfalls den Ärger über seine Dienstpost in sich hineinfressen wollte, sondern stattdessen kräftig - er nannte es "pädagogisch deutlich" - austeilte: "Was Sie im einzelnen schreiben, lässt sich vielleicht mit Dummheit, vielleicht mit Bosheit erklären", "doch fast frech finde ich Ihre Worte", "teile ich Ihnen mit landsmannschaftlicher Offenheit mit, dass ich diesen Teil Ihres Briefes für eine anmaßende Unverschämtheit halte" et cetera.

Dabei benutzte er "schwach gelb eingefärbtes Zanders-Bütten-Papier", auf dem im Briefkopf links "Theodor Heuss", rechts die Anschrift der Villa Hammerschmidt "Bonn, Koblenzer Straße 135" gedruckt war. "Briefpapier mit dem Aufdruck ,Der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland' wurde für die Beantwortung von Zuschriften aus der Bevölkerung nicht verwendet; es blieb offiziellen Schreiben vorbehalten", schreibt Werner. Heuss ließ übrigens viele der von ihm diktierten Antworten von Mitarbeitern unterschreiben: "Mit diesem Verfahren verkehrte Heuss im Präsidialamt letztlich das in der Bürokratie übliche System, dass die Mitarbeiter für den Chef die Entwürfe fertigen, die dieser unterzeichnet."

Gelegentlich habe diese "Camouflage" zu Verwicklungen geführt. Es sei vorgekommen, dass ein Empfänger sich über eine Antwort (die mit einem "der Herr Bundespräsident hat Ihren Brief gelesen" oder Ähnlichem begann) beschwerte, die zwar von Heuss stammte, aber "von einem Dritten unterzeichnet worden war. Heuss beantwortete derlei Beschwerden in der Regel mit dem Hinweis, dass das Schreiben inhaltlich mit ihm abgesprochen sei, gelegentlich gab er auch zu, dass es von ihm stammte.

"Das von der Bevölkerung herangetragene Themenspektrum reichte von der Garderobe des Präsidenten und seinen Rauchgewohnheiten über Sauerkrautkonserven und Tierversuche bis hin zu Wiederaufrüstung, Tradition (20. Juli 1944), Kriegsverbrecher und einer Goldmünze mit dem Relief des Heuss-Kopfes. Diese Medaille hatte Ignatz Bubis - der spätere Vorsitzende vom Zentralrat der Juden in Deutschland - in größerer Auflage aus Anlass der neunten Wiederkehr der Wahl von Heuss zum Bundespräsidenten für den Vertrieb an den Schaltern der Geldinstitute prägen lassen. Heuss reagierte umgehend, dass er "darüber sehr erstaunt und wenig erfreut" sei: "Ich reiche Ihnen deshalb auch das Stück, das Sie mir persönlich zugedacht haben, wieder zurück. Es ist doch, scheint mir, ein ganz unmögliches Verfahren, eine solche Sache zu starten, ohne dass der ,Betroffene' selber davon eine Ahnung hat." Bubis erwecke in Anzeigen den Eindruck, als ob "das Bundespräsidialamt diese doch wesentlich kommerzielle Veranstaltung veranlasst hätte".

Als eine Kölnerin ihm ein Lesezeichen mit Aschenbechern als Motiv stickte und in ihrem Begleitbrief die Anrede "Lieber Papa" benutzte, bedankte sich Heuss freundlich, meinte aber, "dass ich ,Papa' und seine Entartung ,Opa' geradezu grässlich finde, weil ,Vater' viel hübscher ist und es mir immer einen Stich gibt, wenn mir Kinder mit ,Opa' schreiben". Gegenüber einem anderen Bürger meinte er: "Wo immer ich es kann, verbitte ich mir diese familiäre Anbiederung, die gleichzeitig eine Verkitschung und Erniedrigung des Amts bedeutet." Das alles verdarb ihm wohl selten die Laune, wenn er sich auch kurz vor Amtszeitende beim Bundesinnenminister darüber beklagte, dass das "Papa-Gerede" unausstehlich sei: "Die sanften Filzpantoffel, die man jetzt meinem geschichtlichen Bild unterschieben will, lehne ich ab; dazu habe ich ein zu tätiges und, wie ich ruhig sage, zugleich produktives Leben geführt."

Den stilistisch brillanten, schlagfertigen und Zeitkolorit versprühenden Briefen ist ein großer Leserkreis zu wünschen. Sogar vergrätzten oder nach mehr Respekt lechzenden Inhabern von Staatsämtern sei ein "Schlag nach bei Heuss" empfohlen, denn das spendet Trost, bietet Vergnügen und lädt zum Aus- und Durchhalten ein.

Rainer BlasiusTheodor Heuss: Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949-1959. Stuttgarter Ausgabe. Herausgegeben von der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Bearbeitet von Wolfram Werner. Verlag De Gruyter, Berlin 2010. 588 S., 39,95 [Euro].
Text: F.A.Z., 14.06.2010, Nr. 134 / Seite 8