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Sonntag, 9. Mai 2010

...schreib ein Buch... es gibt davon noch nicht genuch...

EDITORIAL "WELT am Samstag"

Leg das Leben rein, schreib ein Buch

VON ELMAR KREKELER 8. Mai 2010, 04:00 Uhr


Ich weiß nicht, ob Sie's wussten, aber es werden ja viele Bücher gemacht. Obwohl. Das ist jetzt der Euphemismus der Woche. Es werden zu viele Bücher gemacht. Und täglich wird die Geduld des Papiers mehr auf die Probe gestellt. Der Auslöser des Irrsinns dessen immerhin, was zwischen zwei Buchdeckel gepackt wird, ändert sich in Zyklen. Lang ist's nicht her, da wurde - immer hinter Hape Kerkeling und Wolfgang Büscher her - gewandert, gepilgert, bis die Blase platzte. Dann wurde jedes Bulletin eines B- oder C-Prominenten gleich Buch, so sehr, dass böse Zungen sogar glauben machen wollten, Agenten schon um Universitätskrankenhäuser streichen gesehen zu haben, um mit Menschen Buchverträge abzuschließen, deren Krankheiten noch gar nicht ausgebrochen waren. Gegenwärtig wird man den Verdacht nicht los, es werde mehr Papier für Väterbücher verbraucht als Zellulose für Windeln. Auf Berge gestiegen wird während all dieser Wellen immer, beinahe stündlich erwarten wir das Buch der ersten blinden Lesbierin, die rückwärts den Mt. Everest bezwungen hat.


Nun sind ja Berge einfach da, weswegen man sie als Kletterfex natürlich besteigen muss. Vater werden ist bekanntlich nicht schwer, manchmal gar unvermeidlich, und krank wird man sowieso. Aber es könnte irgendwann ja sein, dass einem gar nichts zustößt, über das man schreiben könnte. Deswegen versuchen immer mehr augenscheinlich kinderlose, unheilbar gesunde Aufsflachelandbeharrer das Leben reinzulegen, ihm eine Falle zu stellen, vorgeblich um zu sehen, wie es wirklich ist.

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Und das Fallenstellen geht ungefähr so. Man sitzt stundenlang mit den Kumpels und seinem Agenten in der Kneipe, wirft Pfeile und dreht Bierdeckel. Bis dann einer sagt: "Du, ich hab da in den USA ein Buch gelesen. Da hat einer, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß, ist auch egal, ein halbes Jahr nur vegetarisch gelebt. Und dann hat er drüber geschrieben. Hat sich wie geschnitten Zucchini verkauft. Möchte man nicht Vegetarier werden danach. So was müsst man auch mal hier machen."

Und dann wird weiter getrunken und weiter Bierdeckel gedreht und spintisiert und vom Agenten mitgeschrieben. Weswegen es jetzt zum Beispiel Bücher gibt über ein Vierteljahr die Wahrheit sagen, drei Monate beinhart politisch korrekt sein, vier Wochen nichts als die Wahrheit sagen. Das Buch übers vegetarische Leben gibt's natürlich auch in der deutschen Version. Im Herbst legt dann endlich Alex Rühle auch noch die langersehnte Bilanz seines Vierteljahrs ohne Internetzugang vor.Es ist immer wieder verblüffend, womit Menschen ihre Zeit totschlagen und Verleger finden können, die dann wiederum klagen, es würden zu viele Bücher gemacht. Da ich ja immer hinterher hinke, überlege ich gerade, wie ich mein Leben öffentlich reinlegen kann. Ein Jahr derlei Bücher nicht zu lesen, wäre zu einfach. Ein Jahr gar keine Bücher lesen, zu schmerzlich. Machen wirs anders: Sie schicken Vorschläge, ich such mir was aus und mach's dann. Für einen Buchvertrag tu ich - wie all die anderen - (fast) alles.