DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 9. Mai 2010

Literaturbetrieb

Welche Ex-und-Hopp-Mentalität den Literaturbetrieb bestimmt - und warum will die Gesellschaft sich eigentlich noch mit Dichtung abmühen? - erfuhr ich kürzlich bei einer Lesung in einem ehrwürdigen Literaturarchiv. Die Veranstalterin begrüßte mich herzlich: "Wir freuen uns auf unseren Gast, obwohl er aus einem bereits älteren Werk liest." Mein Roman war vier Monate alt! - Alle sind durch sämtliche Produktmassen überfordert. Umso glücklicher pries ich mich, dass Bücher von mir in Regalen von Buchhandlungen greifbar blieben. Doch ich musste erfahren, dass solche Titelpräsenz völlig unwichtig ist. Für den Umsatz zählen nur die Bücherstapel. Was in Regalen ruht, ist Dekor und nennt sich folglich: Tapete.

Man muss auffallen im Betrieb, sollte zum Beispiel in einem U-Boot dichten oder sich beim Vorlesen eine Axt in den Schädel schlagen. Dann sind die Medien zur Stelle... was jedoch gleichfalls keine äußerliche Erfolgsgarantie mehr darstellt. Der Bildungsbürger, der sich an die Empfehlungen aus Presse, Funk und Fernsehen hielt, ist im Verschwinden begriffen. Nach einem, ich glaube, reizvollen TV-Beitrag mit fast einer Million Zuschauern über ein neues Werk von mir, musste keineswegs nachgedruckt werden. Keiner kennt mehr die sicheren Mittel, um das Geistwarenprodukt Buch an den Kunden zu bringen.

Immer stärker wird auf Event-Lesungen gesetzt, für die Frank Schätzing mit Sound und Film offenbar neue Maßstäbe setzt. Aber herrscht hierbei noch Vertrauen in das Wort, ins Publikum, das hauptsächlich auf Ablenkung erpicht zu sein scheint? Wird bald die Matthäuspassion unterbrochen, um einen Streifen über Jerusalem zu zeigen?

Dabei begann ich selbst früh mit Event-Darbietungen, kleidete mich attraktiv, frisierte mich mit Gel zu einer Zeit, als das verschlissene Sakko oder der Pullover aus der Kochwäsche noch zu deutschen Dichtern und Dichterinnen gehörte, als Zeichen ihres gequälten Prophetentums. Heute soll der Autor sexy sein, stimmgeschult, dabei tiefsinnig, leicht begreifbar und trotzdem rätselvoll und aufrüttelnd. Wie gesagt, ich möchte kein Newcomer mehr sein. Aus Protest gegen solche Anforderungen will ich bisweilen eher schwierig sein, ja, geradezu unverdaulich.