DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 30. Mai 2010

VOR 20 JAHREN

Der Polit-Krimi im Vorfeld der deutschen Einheit(1)

VON ANSGAR GRAW 30. Mai 2010, 12:33 Uhr

..Zum Beispiel beim erinnerungswürdigen amerikanisch-sowjetischen Gipfel am 31. Mai 1990 in Washington. George Bush und Michail Gorbatschow verhandelten über Folgen der zu diesem Zeitpunkt absehbaren deutschen Einheit. Der amerikanische Präsident wollte das neue Deutschland in der Nato haben. Der sowjetische Staats- und Parteichef hatte eine solche Lösung stets kategorisch abgelehnt. Bush verlegte sich beim Gespräch im Weißen Haus schließlich auf eine Fangfrage. Nach der 1975 in Helsinki unterzeichneten KSZE-Schlussakte hätten alle Staaten das Recht, über ihre Bündniszugehörigkeit selbst zu entscheiden, referierte Bush zutreffend und fragte den Gast: Das sei doch richtig? Zur Verblüffung der US-Delegation nickte Gorbatschow. Er stimmte Bush zu, „dem vereinten Deutschland selbst die Entscheidung zu überlassen, zu welchem Bündnis es gehören will“. Ähnlich wurde es anschließend vor Journalisten wiederholt. Damit hatte der Russe eine Position bezogen, die er zwar in den kommenden Monaten wieder infrage stellte, von deren Substanz er aber nicht mehr loskam.
Erstmals hatte Gorbatschow eine Nato-Mitgliedschaft des geeinten Deutschlands akzeptiert. Und war sich in dem Moment, in dem er Bush zunickte, des Inhaltes der KSZE-Akte überhaupt nicht bewusst.Drei Freunde: Die Verdienste von Kohl, Gorbatschow und Bush um die Deutsche Einheit

Erst am Morgen danach fragte Gorbatschow seinen Deutschland-Berater Valentin Falin, einen entschiedenen Gegner der Wiedervereinigung, der bei dem Gespräch im Weißen Haus dabei war: Ob es denn richtig sei, dass nach dem Vertragswerk der Konferenz zur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Deutschen über ihre Bündniszugehörigkeit selbst entscheiden dürften?

Falin fragt in seinen Erinnerungen resignativ (und ebenfalls nicht sehr sachkompetent): „Was hatte es noch für einen Sinn, ihm zu erläutern, dass diese Klausel der Bundesrepublik juristisch nicht einwandfrei war? Der Präsident der UdSSR hatte sie auf seiner Pressekonferenz am Abend zuvor doch bereits akzeptiert.“

Das anhänglichste Haustier

Der neue Staat iPad

VON FRANK SCHIRRMACHER29. Mai 2010, 04:00 Uhr

"...Das iPad ist das anhänglichste Haustier, das man sich vorstellen kann. Verlässt man ein Zimmer seiner Wohnung, um in das nächste zu gehen, will es mit. Man spürt das sofort, wenn man es einmal vergessen hat. Durch irgendeinen mir ganz und gar unverständlichen Magnetismus ruft es einen zurück. Man nimmt es unter den Arm, wie man das vielleicht mit einer Katze tun würde, und die Amputation, die man spürte, als man es vergaß, ist geheilt. (...) Das iPad sagt: Ich bin alles, was du brauchst, und darin, wen würde es wundern, besteht das Ansteckungsrisiko dieses wunderbaren Haustiers. Dennoch: Die Tricks, die das iPad kennt, um uns gefügig zu machen, sind bestechend. Sie werden erfolgreich sein. (...)
Frank Schirrmachers Essay in voller Länge lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des "Rolling Stone"

Samstag, 29. Mai 2010

„Ich habe das Buch nicht gelesen.“

Während Frank Schirrmacher, Herausgeber dieser Zeitung, seinen holländischen Gästen erklärte, warum kein Kritiker je Reich-Ranickis Nachfolge anzutreten vermocht hat, lüftete der frisch ernannte Ordensritter ein kleines Geheimnis. Niemand konnte verstehen, warum ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki stets verstummte, wenn er nach dem jüngsten Werk der Nobelpreisträgerin Herta Müller gefragt wurde. Hier ist der Grund..: „Ich habe das Buch nicht gelesen.“

Die Ölpest ist die Sau...

FOCUS Online: Wird diese Ölkatastrophe dazu führen, dass künftig nicht mehr ganz so riskante Bohrungen vorgenommen werden?

Blendinger: Nein. Die Ölpest ist die Sau, die aktuell durchs Dorf getrieben wird. Spätestens wenn sie wieder unter Kontrolle ist, wird alles weitergehen wie bisher. Im Moment natürlich sprechen alle von Konsequenzen, aber tatsächlich ändern wird sich nichts.

FOCUS Online: Warum nicht?

Blendinger: Die Menschheit verbraucht pro Tag etwa 85 Millionen Barrel Öl. Genauso viel wird gefördert. Trotz großer Anstrengungen seitens der Ölindustrie gelingt es seit Jahren nicht, das Fördervolumen zu erhöhen. Und das, obwohl die Konzerne bereit sind, immer größere Risiken einzugehen.

Freitag, 28. Mai 2010

Er hat's erfasst:

Der österreichische "Aktionskünstler" Nitsch - populär in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts formulierte einst:
"Der Ursprung aller Kultur liegt im Kotschmieren."

Ironie des Schicksals?

In einer Biographie zu Alfred Nobel dem Erfinder des Dynamits (enthält Nitroglyzerin) liest man:

Nobel wird im Alter herzkrank. Die Ärzte verschreiben ihm als Medizin Nitroglyzerin!

Sonntag, 23. Mai 2010

Anna-Liese macht Analyse

Frei kommt von Freya... oder von Freizeit?

Wilfrid Jaensch kreist um die "wahre Natur des Ich"von Egoisten Feed von eggert@egoisten.de
jaensch
Schon wieder ein Buch des „Verlages am Goetheanum“? Was ist das denn? Kriegt der Blogautor Prozente oder wenigstens Belegexemplare? Den Zweiflern und Nörglern können wir im reinen Pfingstgeist, der über uns gekommen ist, versichern: Ja, wir verdienen uns dümmlicher und dämlicher denn je und lassen uns auf einerayurvedischen Menschenfarm mit quecksilberhaltigen Ölen voll schmieren. Zu dem Autor, um den es hier geht, Wilfrid Jaensch, kann man sowieso nichts sagen, und zu seinem Buch („Was ist die wahre Natur des Ich?“) auch nicht. Zum grossen Teil handelt es sich um die Niederschrift eines Vortrags, den Jaensch 2004 im Rahmen der Tagung „Die soziale Frage im Zeitalter der Globalisierung“ im Rudolf-Steiner Haus in Berlin gehalten hat. Er hat sich über das Tagungsthema ebenso wie über das Thema geärgert und es den Veranstaltern und Gästen heimgezahlt, indem er sämtlichen Erwartungen nicht entsprochen hat. Jaensch mag Begriffe wie „Globalisierung“ und „soziale Frage“ nicht. Er täuscht begriffliche Willkür vor, wie ein Dribbling vor dem Torschuss, aber Torschüsse mag Jaensch auch nicht. Um „Schnarchen“ zu vermeiden, spannt er Bögen zwischen Ramses II und Computern, um nur mal ein beliebiges Beispiel zu nennen. Aber zwischen den Dribblings bemerkt man, dass Jaensch, indem er keinen Umweg vermeidet, zielstrebig um den Punkt kreist, auf den es ankommt.

Reden wir nicht drum herum, lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
„Frei kommt von Freya, der germanischen Göttin der Liebe und des Todes. Ich mache den freien, also tödlichen Satz über den Abgrund. Den Satz der Liebe. Ich stürze mich selbst und mein „Ich denke“ in das kochend fließende eiserne Meer des Lebens. Ich stürze mich selbst vereinigend ion das Leben, in welchem mein „Ich denke“ ertrinkt, erlischt, verbrennt und verschlungen wird. Indem ich selbst verschwinde, höre ich aus dem eisern kochenden Meer des Lebens einen Satz, der nicht mehr der meinige ist. Der Satz lautet: „Ich bin“. Das „Ich“ ist die Selbstaussage des allgemeinen, sich selbst denkenden Lebens, das aus allen einzelnen Lebewesen erschallt.“ (S. 42)

Auf Jaenschs Blog hatten wir ja schon aufmerksam gemacht. Texte, Fotos und Grafiken gibt es bei Facebook, hier eine Veranstaltung mit Jens Prochnow:

prochnow

Dienstag, 18. Mai 2010

Anarchie...

Anlässlich des Erscheinens von "Hammerstein" auf Englisch porträtiert Philip Oltermann im Guardian Hans Magnus Enzensberger, der ihm erzählt, wie es war, im Dritten Reich aufzuwachsen.


Er erinnert sich, wie sie zuhause 'heimlich BBC hörten, das Bettlaken über den Köpfen, so dass die Nachbarn nichts mitkriegten' und als die britischen Bomber im August 1944 die Stadt in Stücke zerlegten, empfand er das eher als Befreiung denn als Katastrophe: 'Man hat eine sehr kaltblütige Einstellung zu diesen Dingen, wenn man jung ist. Tote Menschen auf der Straße sind einfach eine Tatsache des Lebens. Ich war nicht besonders traumatisiert. Das Chaos der Nachkriegszeit war ziemlich erfreulich für einen 15-Jährigen. Es gab da eine anziehende Anarchie ... Keine Regierung, keine alten Autoritätspersonen, die einen anbrüllenkonnten ... wundervoll!"

Samstag, 15. Mai 2010

Mal was Neues?

Video des Tages: Er kann sogar Englisch!




SPANIEN
Wirbel um Fotos des Kronprinzen
Drei Aufnahmen zeigen Thronfolger Felipe in den Uniformen eines Oberstleutnants des Heeres und der Luftwaffe sowie als Fregattenkapitän der Marine. Auf allen hat der 42-Jährige praktisch denselben Gesichtsausdruck. Die Madrider Zeitung „El Mundo“ hielt dem Königshaus jetzt vor, das Antlitz des Kronprinzen mit einem Computerprogramm in die Fotos projiziert zu haben. Der Palast erwecke den Eindruck, Spanien habe eine „virtuelle Monarchie“.

Der erste Genießer: Curnonsky

Zum Ende seines Lebens sollte sich der falsche Prinz tatsächlich noch mit Rentenbescheiden und Ähnlichem herumschlagen müssen. Überflüssig zu sagen, dass das seine Sache nicht war. Er starb 1958, er war gerade auf Diät und fiel aus dem Fenster, bis heute spekuliert man, ob nicht ein
Ohnmachtsanfall dahintersteckte.

Wie dem auch sei: Seine Weisheiten haben den Mann überlebt. Gute Küche sei, so sagte er einmal, wenn die Dinge nach
dem schmeckten, was sie seien. Und vor allem: Mach es so einfach wie möglich.
Nichts anderes bläue ich meinen Auszubildenden mit immer unterschiedlichen Worten vom ersten Tag an ein. Ich sage dann: „Star in der Küche ist das Produkt“ und versuche, mit einem feinen Meersalz das Allerbeste aus einem geangelten Steinbutt herauszuholen. Und außerdem kenne ich viele Kollegen, die ihre Lebensaufgabe beispielsweise in einer perfekten Portion Spaghetti mit Tomatensoße gefunden haben. Sie werden
und werden nicht fertig damit. Tomaten, Knoblauch, Olivenöl, das reicht für
ein ganz langes Dasein. Gute Jungs wissen: Je einfacher es am Anfang aussieht, desto schwieriger wird es am Ende. Welch eine Einsicht, die uns dieser erste Restaurantkritiker der Welt da vermacht hat..."

Harsche Kritik in der SPD an Thierses Sitzblockade


Und wie er sich freut...in Bundestag war nämlich kein Platz mehr frei.

Wahlprogramme

BERLIN – Wahlprogramme legt man sich nicht aufs Nachtschränkchen, gewiss. Bei wachem Verstand sollte der Wähler allerdings in der Lage sein zu verstehen, was eine Partei will, warum man sie wählen sollte. Doch Parteien geht es in den Programmen oft darum, allen Strömungen im wahrsten Wortsinn Ausdruck zu verleihen, mit schweren Begriffen den Eindruck bedeutender Anliegen zu machen oder ein juristisch dichtes Werk zu hinterlassen, auf dass der Wähler nach dem Wahlabend nicht den Finger zwischen die Zeilen lege.

Was leidet, ist die Verständlichkeit. Das belegen die Programme zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. In den Beiträgen der großen Parteien
finden sich Begriffe wie die „kooperativen Versorgungsstrukturen“
(CDU), das „doppische Haushaltswesen“(FDP), das „Konnexitätsprinzip“
(SPD), die „Sequestrierung“ (Grüne) und die „korruptiven Sachverhalte“ (Linke). Da bleiben Fragen … Auch ein Wörterbuch Deutsch – Englisch sei dem Leser ans Herz gelegt, denn "Repowering“ (SPD),
„pauschale Overhead- Sätze“ (FDP), „Open Access- Modelle“ (CDU)
und „CrossBorder-Leasing“ (Linke) wird sonst nur verstehen, wer die
„Coachingangebote“ der Grünen in Anspruch genommen hat.

Sonntag, 9. Mai 2010

...schreib ein Buch... es gibt davon noch nicht genuch...

EDITORIAL "WELT am Samstag"

Leg das Leben rein, schreib ein Buch

VON ELMAR KREKELER 8. Mai 2010, 04:00 Uhr


Ich weiß nicht, ob Sie's wussten, aber es werden ja viele Bücher gemacht. Obwohl. Das ist jetzt der Euphemismus der Woche. Es werden zu viele Bücher gemacht. Und täglich wird die Geduld des Papiers mehr auf die Probe gestellt. Der Auslöser des Irrsinns dessen immerhin, was zwischen zwei Buchdeckel gepackt wird, ändert sich in Zyklen. Lang ist's nicht her, da wurde - immer hinter Hape Kerkeling und Wolfgang Büscher her - gewandert, gepilgert, bis die Blase platzte. Dann wurde jedes Bulletin eines B- oder C-Prominenten gleich Buch, so sehr, dass böse Zungen sogar glauben machen wollten, Agenten schon um Universitätskrankenhäuser streichen gesehen zu haben, um mit Menschen Buchverträge abzuschließen, deren Krankheiten noch gar nicht ausgebrochen waren. Gegenwärtig wird man den Verdacht nicht los, es werde mehr Papier für Väterbücher verbraucht als Zellulose für Windeln. Auf Berge gestiegen wird während all dieser Wellen immer, beinahe stündlich erwarten wir das Buch der ersten blinden Lesbierin, die rückwärts den Mt. Everest bezwungen hat.


Nun sind ja Berge einfach da, weswegen man sie als Kletterfex natürlich besteigen muss. Vater werden ist bekanntlich nicht schwer, manchmal gar unvermeidlich, und krank wird man sowieso. Aber es könnte irgendwann ja sein, dass einem gar nichts zustößt, über das man schreiben könnte. Deswegen versuchen immer mehr augenscheinlich kinderlose, unheilbar gesunde Aufsflachelandbeharrer das Leben reinzulegen, ihm eine Falle zu stellen, vorgeblich um zu sehen, wie es wirklich ist.

Besinnliche Bücher: Über das Leben in Asbest 2, als Wasserleiche und im HühnerkäfigVideospiel: Das Leben in Sims 3 ist die reinste QualRaus aus den Galerien, rein ins LebenProzess: Marco schreibt ein Buch, Anwalt legt Mandat niederKriminalität: Clevere Seniorin legt Enkeltrick-Betrüger rein
Und das Fallenstellen geht ungefähr so. Man sitzt stundenlang mit den Kumpels und seinem Agenten in der Kneipe, wirft Pfeile und dreht Bierdeckel. Bis dann einer sagt: "Du, ich hab da in den USA ein Buch gelesen. Da hat einer, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß, ist auch egal, ein halbes Jahr nur vegetarisch gelebt. Und dann hat er drüber geschrieben. Hat sich wie geschnitten Zucchini verkauft. Möchte man nicht Vegetarier werden danach. So was müsst man auch mal hier machen."

Und dann wird weiter getrunken und weiter Bierdeckel gedreht und spintisiert und vom Agenten mitgeschrieben. Weswegen es jetzt zum Beispiel Bücher gibt über ein Vierteljahr die Wahrheit sagen, drei Monate beinhart politisch korrekt sein, vier Wochen nichts als die Wahrheit sagen. Das Buch übers vegetarische Leben gibt's natürlich auch in der deutschen Version. Im Herbst legt dann endlich Alex Rühle auch noch die langersehnte Bilanz seines Vierteljahrs ohne Internetzugang vor.Es ist immer wieder verblüffend, womit Menschen ihre Zeit totschlagen und Verleger finden können, die dann wiederum klagen, es würden zu viele Bücher gemacht. Da ich ja immer hinterher hinke, überlege ich gerade, wie ich mein Leben öffentlich reinlegen kann. Ein Jahr derlei Bücher nicht zu lesen, wäre zu einfach. Ein Jahr gar keine Bücher lesen, zu schmerzlich. Machen wirs anders: Sie schicken Vorschläge, ich such mir was aus und mach's dann. Für einen Buchvertrag tu ich - wie all die anderen - (fast) alles.

Literaturbetrieb

Welche Ex-und-Hopp-Mentalität den Literaturbetrieb bestimmt - und warum will die Gesellschaft sich eigentlich noch mit Dichtung abmühen? - erfuhr ich kürzlich bei einer Lesung in einem ehrwürdigen Literaturarchiv. Die Veranstalterin begrüßte mich herzlich: "Wir freuen uns auf unseren Gast, obwohl er aus einem bereits älteren Werk liest." Mein Roman war vier Monate alt! - Alle sind durch sämtliche Produktmassen überfordert. Umso glücklicher pries ich mich, dass Bücher von mir in Regalen von Buchhandlungen greifbar blieben. Doch ich musste erfahren, dass solche Titelpräsenz völlig unwichtig ist. Für den Umsatz zählen nur die Bücherstapel. Was in Regalen ruht, ist Dekor und nennt sich folglich: Tapete.

Man muss auffallen im Betrieb, sollte zum Beispiel in einem U-Boot dichten oder sich beim Vorlesen eine Axt in den Schädel schlagen. Dann sind die Medien zur Stelle... was jedoch gleichfalls keine äußerliche Erfolgsgarantie mehr darstellt. Der Bildungsbürger, der sich an die Empfehlungen aus Presse, Funk und Fernsehen hielt, ist im Verschwinden begriffen. Nach einem, ich glaube, reizvollen TV-Beitrag mit fast einer Million Zuschauern über ein neues Werk von mir, musste keineswegs nachgedruckt werden. Keiner kennt mehr die sicheren Mittel, um das Geistwarenprodukt Buch an den Kunden zu bringen.

Immer stärker wird auf Event-Lesungen gesetzt, für die Frank Schätzing mit Sound und Film offenbar neue Maßstäbe setzt. Aber herrscht hierbei noch Vertrauen in das Wort, ins Publikum, das hauptsächlich auf Ablenkung erpicht zu sein scheint? Wird bald die Matthäuspassion unterbrochen, um einen Streifen über Jerusalem zu zeigen?

Dabei begann ich selbst früh mit Event-Darbietungen, kleidete mich attraktiv, frisierte mich mit Gel zu einer Zeit, als das verschlissene Sakko oder der Pullover aus der Kochwäsche noch zu deutschen Dichtern und Dichterinnen gehörte, als Zeichen ihres gequälten Prophetentums. Heute soll der Autor sexy sein, stimmgeschult, dabei tiefsinnig, leicht begreifbar und trotzdem rätselvoll und aufrüttelnd. Wie gesagt, ich möchte kein Newcomer mehr sein. Aus Protest gegen solche Anforderungen will ich bisweilen eher schwierig sein, ja, geradezu unverdaulich.

Samstag, 1. Mai 2010

250 Pillen täglich

Sachbücher in Kürze 29.04.2010
Jung geblieben

Ray Kurzweil schluckt derzeit noch etwa 250 Nahrungsergänzungspillen pro Tag. In naher Zukunft möchte der Erfinder und Futurologe aber mit weniger als 200 Stück auskommen, wenn nämlich neue Nanomaterialien dafür sorgen werden, die Nährstoffe zielgenau bei bestimmten Zelltypen abzuliefern....


F.A.Z. vom 30.04.2010

An der Börse ist es wie im Kasino

...Kurse rauf oder runter? An der Börse ist es wie im Kasino wird gemeinhin behauptet. Börsianer weisen diesen Vergleich jedoch weit von sich. Unrecht tut er aber eher dem Kasino, sagt Rolf Banz...:"Im Kasino können Sie Ihre Chancen und Risiken präzise berechnen, an den Kapitalmärkten nicht."

Wer Gegenteiliges behaupte, gaukle den Anlegern eine Präzision vor, die es nicht gebe. Eine Unzahl von Strategen und Analysten befassten sich mit den Märkten, erarbeiteten Unmengen an Studien, um zu Prognosen zu kommen, und doch seien die Resultate der Analysen und die daraus resultierenden Anlageempfehlungen fast immer falsch.

...
Es gebe eine Anekdote eines Physikers, der vorgibt, dem Besitzer eines von einer Seuche heimgesuchten Hühnerfarm bei der Gesundung der Tiere helfen zu können. Er findet tatsächlich eine Lösung für das Problem, erwähnt allerdings, dass dies nur unter der Annahme kugelförmiger Hühner im Vakuum funktioniere. "Ähnliche Annahmen werden auch für die Prognosemodelle an den Kapitalmärkten unterstellt", sagt der Anlageexperte.