DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 11. April 2010

Zehn Wahrheiten von Max Raabe


"Reine Hallodris"

Pomade, Frack, Fliege: Max Raabe singt Couplets im Stil der Zwanziger mit derart ironischer Perfektion, dass selbst New York ihn feiert. SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer sprach mit dem Sänger über melancholischen Humor, seine Kindheit auf dem Bauernhof - und einige leichtfüßige Verwandte.

Es schaffen nicht viele Deutsche, die Carnegie Hall zu erobern, den New Yorker Tempel der klassischen Musik mit seinem so verwöhnten wie dreisten Publikum. Max Raabe jedoch, geboren in Lünen und längst ein Berliner Star, kann das: Mit Liedern aus der Weimarer Zeit, lakonisch-sarkastischen Ansagen, sparsamen Bewegungen und darum selten cool schaffte er es auch bei seinem dritten Gastspiel, den Saal zu Lustschreien und Standing Ovations zu bringen. Bevor Raabe wieder Richtung Osten über den Atlantik flog und am 11. April in München seine Deutschland-Tournee beginnt, traf Klaus Brinkbäumer den Bariton zum Frühstück in einem Hotel am Times Square.

Warum kommunizieren Sie so sparsam mit Ihrem Publikum?

1. "Das ist nicht so anstrengend, es hilft, wenn man mal nicht mehr kann oder krank ist."

Er kichert. Dann:

"Man muss doch niemandem schön tun, man sollte nicht andienerisch auftreten, darum sage ich nicht ständig 'Danke schön'. Es liegt daran, dass mir dieses anbiederische 'Danke, vielen, vielen Dank' bei vielen Künstlern schwer auf die Nerven geht. Demut wird schnell inflationär. Ich denke dann immer: Die sollen gescheit singen, sich verbeugen und gehen. So hat sich die etwas unterkühlte, widerborstige Form entwickelt, mein gewisses Vergnügen an der Absurdität."

In seinen Konzerten lehnt Raabe am Flügel und hört den zwölf Musikern seines Palastorchesters zu, die Haare mit Pomade streng zurückgestrichen, er trägt Frack und weiße Fliege, wippt nicht, verdreht die Hände nicht, kein Zucken nirgends. Kommt sein Einsatz, macht er vier Schritte nach vorn, dann singt er; ist sein Einsatz vorbei, macht er sechs Schritte zurück und lehnt wieder am Flügel. Seine Stimme kann leicht sein und groß, sie kann trauern, und sie hat Humor. Raabe sagt, dass Frauen Männer dringend brauchten: "Um Champagnerflaschen zu öffnen und zum Erklären von Sachen." Und manchmal erzählt Raabe, mit schwerem deutschen Akzent, kleine Geschichten über Musik: "The German Waltz ist not as elegant as a Waltz from Vienna. But much louder."

Muss ein deutscher Sänger im Ausland ein guter Botschafter sein und zeigen, dass Deutsche auch lustig sein können?

2. "Nein, abgesehen davon, dass man es auf Reisen natürlich doch immer ist, auch in kurzen Hosen und Socken und Sandalen auf der Strandpromenade. Ich stelle mich als etwas Fremdländisches hin, das man bestaunen kann, ich bin nun mal als Ausländer unterwegs, darum spreche ich ein klein wenig übertrieben: mein überpointiertes Schulenglisch."

Sie singen Lieder aus der Weimarer Zeit, auf Ihrer neuen CD "Übers Meer" sammeln Sie ausschließlich Lieder von Emigranten. In New York hörten Ihnen viele Geflohene oder deren Kinder zu. Schuldet ein Berliner Sänger einem Publikum nicht erklärende Worte, ein paar Reflexionen, etwas Trost?

3. "Ich nenne die Namen der Komponisten und Texter, die sollen genannt werden, weil sie es verdienen. Ich habe es auch hier nicht gemacht, weil ich es nie mache, es ist eine Mischung aus Konsequenz und Feigheit; aber das Publikum ist ja nicht blöd, und es ist doch alles so offensichtlich. Ich konzentriere mich darum lieber darauf, mit Qualität zu unterhalten, denn das war ja musikalisch 1a, was damals komponiert worden ist, und die Texte transportieren einen melancholischen Humor, der alles sagt, was zu sagen ist."

Jüdischer Humor?

4. "Ich sage nicht gern 'jüdischer Humor', aber das trifft es dennoch: Der Humor der Ausgegrenzten ist flapsig, dreist und sehr ironisch."

Kommt Ihr Publikum hinterher zu Ihnen in die Garderobe, um seine Geschichten zu erzählen?

5. "Ja, hier in der Carnegie Hall wurde mir zum Beispiel ein Zettel zugesteckt, da stand, sinngemäß: 'Ich bin 1933 geboren, und meine Eltern haben meine Geburt folgendermaßen angezeigt: SIEGfried HEILberg. Das nannte der Völkische Beobachter damals eine jüdische Frechheit im Hinterland.' Dieser Zettel kam von einem Arzt, der seit vielen Jahren hier in Amerika lebt."


Max Raabe wuchs auf einem Bauernhof auf. Er sang im Kirchenchor, ging in ein katholisches Internat, er war 18 Jahre alt, als er sich auf den Weg nach Berlin machte. Er studierte an der Hochschule der Künste, die er als staatlich geprüfter Opernsänger verließ; eine Oper aber sang er nie, denn zusammen mit Kommilitonen hatte er das Palast Orchester gegründet und jene Lieder entdeckt, die er liebt. "Kein Schwein ruft mich an", von Raabe komponiert, machte ihn berühmt.

Wie wird man, was Sie wurden?

6. "Dank all der Zufälle, all der Begegnungen, aus denen irgendwann, wenn man Glück hat, ein Weg wird. Es war mir jedenfalls nicht vorbestimmt, und niemand hat mich geschoben. Als Kind hatte ich keine Helden, auch keine besonderen Träume. Ich habe halt Sachen zersägt, Baumbuden gebaut oder Seifenkisten. Wie es so ist auf dem Bauernhof. Ich war im Schulchor, im Kirchenchor, aber ich bin auch viel Fahrrad gefahren - ich hätte auch Radfahrer werden können. Meine Eltern haben mich nicht abgehalten, aber sie haben mich auch nicht gedrängt. Sie hatten halt die Sorge, dass die Musik eine brotlose Kunst sei. Was für ein schöner deutscher Begriff! Wie: die Füße unterm Tisch des Vaters! Oder: etwas Handfestes in der Hand haben."

Herkunft prägt?

7. "Herkunft prägt. Den Hof sollten mein Bruder und ich nie übernehmen, mein Vater musste ihn vorher seinem Bruder übergeben, weil mein Vater ihn wegen einer Kriegsverletzung nicht weiterführen konnte. Damit waren wir aus der Verantwortung. Aber natürlich bin ich trotzdem das glückliche Opfer einer bodenständigen Erziehung; ein Wort wie 'Stolz' ist uns allen fremd. Wir Raabes sind strebsam, wir sind ernst: Mein Studium habe ich nur für meine Mutter beendet. Damit sie Ruhe hat. Weil ich jetzt etwas Handfestes in der Hand habe."

Sind Sie der erste Ihrer Familie, der einen etwas anderen Weg gegangen ist?

8. "Beinahe, aber nicht ganz. Oma hat es auch immer nach Berlin gezogen, zur Grünen Woche. Normalerweise übernahmen die ersten Söhne den Hof, und die zweiten Söhne gingen zum Militär und zogen mit Degen und Pickelhaube in den Krieg. Es war der 1. Weltkrieg, das Regiment war etwas altmodisch, sie sind nicht weit gekommen. Aber es gab auch immer einen Opa Soundso und einen Onkel Sowieso, die Klavier gespielt und Schulden gemacht haben: reine Hallodris."

Wird irgendwann auch eine Bühne wie jene der Carnegie Hall Routine?

9. "Ganz bestimmt nicht, es gibt ja nichts, was darüber stünde. Irgendwann kennt man die Gänge und die Fotos all der Berühmten in der Garderobe und die Regeln, und irgendwann weiß man auch, wie kompliziert hier alles ist: Die amerikanischen Gewerkschaften sorgen dafür, dass unser Lichtmann nicht leuchten darf, er darf halt bloß neben einem Amerikaner sitzen und dem Amerikaner Anregungen geben. Diese Dinge weiß ich inzwischen. Aber ich kann ja kein Konzert mit halber Kraft singen, nirgendwo und in New York sowieso nicht, ein Erfolg von gestern zählt nichts."

Welche Bilder nehmen Sie von Ihrer Amerika-Tournee mit nach Deutschland?

10. "Es ist tragisch, in welchem Zustand einige Städte sind. Cleveland und andere. Die Theater, in denen wir aufgetreten sind, glänzten noch, da war Chrom, alles piccobello - aber drumherum waren die Wände vernagelt, alles war marode, ganze Straßen standen leer. Es tat gut, am Ende die Lichter New Yorks zu sehen."

Musik sei immer aufs Engste mit Schicksal und persönlichen Tragödien verbunden gewesen, das sagte Max Raabe auf der Carnegie-Bühne, dann machte er eine Kunstpause, guckte hinab auf das New Yorker Publikum und fragte: "Who cares?"