DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 27. März 2010

Die Schönheit des neuen Berliner Hauptbahnhofes

Es war kurz nach der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofes, als ich bei mir daheim eine Handvoll Persönlichkeiten des Berufs- und Straßenlebens mit gemischten Salznüssen verwöhnte. Durch das heimelige Knuspern in polemische Laune gebracht, äußerte ich die Auffassung, dieser Hauptbahnhof sei nichts als ein weiterer armseliger Glaskasten, ein mit vierzig Jahren Verspätung in die Tat umgesetzter Jacques-Tati-Alptraum, eine überdimensionierte Shopping-Mall, die auch in Cleveland/Ohio stehen könnte – die selbst in einem langen Architektenleben seltene Gelegenheit, für eine Millionenstadt einen repräsentativen neuen Bahnhof zu bauen, hätte Albert Speer sicherlich besser genutzt. Haben meine Gäste daraufhin entrüstet meine Wohnung verlassen und gesagt, sie würden erst wieder für weitere Gespräche zur Verfügung stehen, wenn ich mich bei Meinhard von Gerkan, dem Architekten des Berliner Hauptbahnhofes, entschuldigt hätte? Haben sie nicht. Sie widmeten sich unbekümmert meinem Nußsortiment und sagten: «Jaja, was du in gehobener Geselligkeitslaune eben immer für hübsche Dinge von dir gibst!»

Es reizt mich allerdings, mir vorzustellen, ich wäre zu dieser Zeit Bundesirgendwasminister gewesen und hätte als solcher an der Bahnhofseröffnung teilnehmen müssen. Gequält von den beispiellos öden Reden, die sich Vertreter des öffentlichen Lebens bei Anlässen wie diesem anhören müssen, hätte ich vielleicht einem ntv-Reporter das ins Mikrophon gebellt, was ich bei meinem Salznußabend sagte. Am nächsten Tag wäre ein unvorteilhaftes Foto von mir auf der «Bild-Zeitung» erschienen, direkt neben einem Konterfei von Adolf Hitler. Im Fernsehen wären Parlamentarier zu sehen gewesen, die sagten, meine Äußerungen seien ein Faustschlag ins Gesicht von Millionen von NS-Opfern und ihrer Angehörigen. Ich solle mich sofort entschuldigen – bei Herrn von Gerkan, bei Charlotte Knobloch und am besten gleich noch bei sämtlichen Leuten, die im Adressbuch von Charlotte Knobloch stehen.

An dieser Stelle hätte ich eventuell Unterstützung von einem umstrittenen Kunstprofessor bekommen, der mitteilte, in Künstler- und Intellektuellenkreisen in London oder New York, selbst in jüdischen, sei es schon lange kein gesellschaftlicher Selbstmord mehr, die Architektur des Dritten Reiches auch unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten. Diverse Popstars mit erweitertem Horizont hätten da Vorarbeit geleistet. Ein Professor, der solcherlei vorbrächte, würde natürlich ebenfalls für längere Zeit ein Dasein in der Sonderlingsecke fristen müssen, und man würde zu lesen bekommen, er habe mit seinen Äußerungen «für Empörung gesorgt». Man vergleiche die Formulierung «für Empörung sorgen» mit «für das leibliche Wohl sorgen» und «für Unterhaltung sorgen». Empörung scheint für manche Leute ein ähnliches Grundbedürfnis zu sein wie Essen, Trinken und unterhaltende Darbietungen. Andrew Hammel aus Texas spricht den Deutschen, den privaten Deutschen zumindest, keinesfalls Gelassenheit, Witz und Sinn für Ironie ab, stört sich aber an der Anlaßgebundenheit des hiesigen Humorgeschehens sowie an der ständigen Bereitschaft, öffentliche Empörung zu zeigen, wenn es um unsere zwei, drei nationalen Reizthemen geht. Er schlägt vor, den Karneval abzuschaffen und zum Ausgleich Witz und Unverbiestertheit gleichmäßig über das Jahr zu verteilen und auch an offziellen Stellen einzuführen. Würde er solche Vorschläge nicht in einem Blog machen, sondern in der Presse, hieße es natürlich ganz schnell: «Todesstrafen-Cowboy will uns den Karneval verbieten! Er soll sich sofort entschuldigen!»

Ein Auszug aus Max Goldt, „Ein Buch namens Zimbo. Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird. Texte 2007-2008, einer von 2006, vier von 2009“
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