DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 27. März 2010

Der Hund wird umarmt und der Topf weggeschmissen...

"Ich möchte mir erlauben (sagt der Autor; nicht ICH!), im Verlauf der folgenden Zeilen auf mein liebstes Netztagebuch hinzuweisen; es heißt «German Joys» und wird von einem Ausländer verfaßt, den es beruflich nach Düsseldorf verschlagen hat. Um was für eine Art von Ausländer es sich genau handelt, dazu später.

Was Expatriats über Deutsches zu sagen haben, ist im Prinzip immer interessant. Zwar lügen sie meist, aus Höflichkeit, und bisweilen sind sie auch dumm und kriegen nicht viel mit, aber einige sind klug und bemerken die richtigen Dinge. Vor kurzem war von einem pakistanischen Ethnologen zu lesen, der Deutschland zum Gegenstand seiner Forschung erkoren hat. Ihm ist z. B. aufgefallen, daß Deutsche einander oft knapp und wenig herzlich begrüßen, für die Verabschiedung dafür um so länger benötigen. Vom knappen Begrüßenausgenommen seien lediglich Hunde. Er berichtet von Hausbesuchen, in denen Frauen sich auf den Teppich knieten, um den Hund des Gastgebers zu umarmen und ausgiebig zu massieren. Hin und wieder würden diese Hundebegrüßungen in minutenlange Balgereien ausarten.

Man kann nun nicht sagen, daß der Ethnologe lediglich einen kuriosen Einzelfall beschrieben hat. Jeder, der einigermaßen umfängliche soziale Kontakte pflegt, wird ähnlichen häuslichen Szenen schon beigewohnt haben. Trotzdem ist es eine unbehagliche Vorstellung, daß der Wissenschaftler jetzt evtl. in pakistanischen Talkshows sitzt und verlauten läßt, Deutsche würden sich dadurch auszeichnen, daß sie sich mit Hunden auf der Auslegeware wälzten. Schließlich gibt es nur in elf Prozent der hiesigen Haushalte einen Hund. Die Bewohner der übrigen 89 Prozent haben sich allerdings fast ausnahmslos Duldsamkeit gegenüber den Hundehaltern auferlegt, und selbst diejenigen, die ausschweifende Hundebegrüßungen für befremdlich halten, üben, vermutlich aus Angst, angeschrien zu werden, niemals Kritik, sondern pflegen solche Vorkommnisse mit angestrengter Gnädigkeit zu belächeln. Das Gewälze mit Hunden, mehr von Frauen als von Männern ausgeübt, erklärt sich zum Teil aus unseren «praktischen» Bekleidungsbräuchen: Deutsche Frauen tragen zumeist amerikanische Arbeiterhosen (Jeans) und modifizierte Männerunterhemden (T-Shirts), die zum handfesten Begrüßen von fettigen Tieren mehr einladen als zum Beispiel ein Dior-Kostüm. Daß sich gar eine Pakistanerin in einem kunstvoll gewickelten Sari auf dem Fußboden körperlichen Spielen mit einem Hund hingibt, ist völlig unvorstellbar. Wenn man es sich trotzdem vorstellt, sieht man nämlich eine ausgewickelte Dame, und es entspricht zwar europäischen Gepflogenheiten, sich ausgewickelte Damen vorzustellen, aber wahrscheinlich nicht traditionell pakistanischen.

Ziemlich schockiert war der Ethnologe übrigens über eine deutsche Bekannte, die er zum Abendessen in seine Wohnung einbestellt hatte – ob als Forschungsobjekt oder um sie auszuwickeln, ist diskreterweise nicht überliefert; man kann vermuten, daß sich bei einem Völkerforscher wissenschaftliche und private Interessen mitunter vermengen. Schockiert war er zunächst, weil die Dame ihren Hund zum Dinner mitbrachte, schließlich noch mehr, weil sie einen Topf mit Speiseresten unter den Tisch stellte, wo sich ihr haariger Begleiter geräuschvoll des Inhalts bemächtigte. Nachdem die Dame sich verabschiedet hatte, warf der Ethnologe den Topf in den Müll. Wir Deutschen sollten so freundlich sein zu hoffen, daß es kein allzu teurer Topf war."