DIE RABENSCHWARZE SEITE

Mittwoch, 10. Februar 2010

Die Wahrheit über Arbeitszeugnisse

Kolumne

Die Tücken der Zeugnissprache

Von Georg M. Oswald


Mosch wusste, wie es um die Wahrheit in Zeugnissen stand. Man konnte ihnen niemals trauen. Selbst Anrufe bei vorherigen Arbeitgebern brachten häufig keine Klarheit. „Er hat sich bemüht“, hieß es da. Eigentlich ja etwas Schönes, wenn sich jemand Mühe gab, aber wie jeder wusste, bedeutete das: „Er war zu nichts zu gebrauchen.“

Unzufriedenheit wurde ausgedrückt, indem man bestätigte, jemand habe „zu unserer Zufriedenheit“ gearbeitet. War jemand „tüchtig und wusste sich positiv darzustellen“, konnte das heißen, er sei ein Wichtigtuer. „Sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern war stets einwandfrei“ konnte bedeuten, gegenüber Vorgesetzten habe er sich schon mal im Ton vergriffen. „Er galt im Kollegenkreis als beliebter Mitarbeiter“ sprach dafür, dass ihm die Geselligkeit über die Arbeit ging. Wurde seine Sorge ums „Betriebsklima“ erwähnt, spiegelte das die Sorge seines früheren Arbeitgebers um seinen Alkoholkonsum wider. „Er war fleißig und hat die ihm gemäßen Aufgaben zuverlässig bearbeitet“ hieß: Er war faul und hat sich nur an einfache Beschäftigungen gewagt. Und so weiter.

Es gab unzählige solcher Formulierungen, und immer, wenn es das Zeugnis eines neuen Bewerbers zu bewerten galt, beugten sich Mosch und seine Kollegen darüber und wägten und überlegten, und Mosch murmelte vor sich hin: „Du musst verstehn! Aus eins mach zehn, und zwei lass gehn ...“ So kam es, dass er eher irritiert war, als er in der Bewerbungsmappe neben dem Zeugnis auch noch den Abschiedsbrief des vorhergehenden Arbeitgebers fand. Oberflächlich gelesen war der Brief eine Huldigung an diese Frau, die offenbar eine Traummitarbeiterin gewesen war. Nur: Warum musste sie dann ihre Stelle wechseln? „Stets gut gelaunt“ hieß es da. Bedeutete das in Wirklichkeit: starke Stimmungsschwankungen? „Sie waren eine Bereicherung für unser Team.“ Ohne Sie hätten wir in Ruhe arbeiten können. „Sie haben Ihre Arbeit in all den Jahren großartig gemacht.“ Kaum zu glauben, dass jemand nach so langer Zeit immer noch nicht weiß, wie's geht. „Wir lassen Sie ungern gehen.“ Endlich haben Sie es eingesehen. „Wir werden Sie vermissen.“ Ja! Wir sind Sie los! „Wir haben gern mit Ihnen zusammengearbeitet.“ Es war eine Strafe! „Wir haben Sie sehr geschätzt.“ Niemand konnte Sie je leiden! „Und vergessen Sie nicht, uns hin und wieder zu besuchen.“ Mosch war sich sicher, das konnte nur bedeuten: „Lassen Sie sich bloß nie wieder sehen!“

Er sagte der Bewerberin ab und formulierte: „Wir bitten Sie, in dieser Absage keine negative Bewertung Ihrer Fähigkeiten zu sehen.“