DIE RABENSCHWARZE SEITE

Mittwoch, 10. Februar 2010

Der Kunde ist König? Nein, die Sekretärin ist Königin!

Kolumne

„Herr Mürb kommt, wenn er Zeit für Sie hat!“

Von Georg M. Oswald

Zuerst war es Mürb gar nicht aufgefallen. Er war so stolz darauf, zum ersten Mal in seinem Berufsleben eine eigene Sekretärin zu haben. Und noch dazu eine gute! Frau Stoß war fleißig, pünktlich, zuverlässig. Die Arbeiten, die er ihr auftrug, erledigte sie schnell und ordentlich. Seine Diktate schrieb sie fehlerlos, seine Termine verwaltete sie gewissenhaft. Sie war nicht zu hübsch, um Frau Mürbs Argwohn zu erregen. Eine Weile dachte Mürb, die Personalabteilung habe es wirklich gut mit ihm gemeint, bis es ihm auffiel.

„Wie?“ „Was?“ „Bleiben Sie da stehen! Herr Mürb kommt, wenn er Zeit für Sie hat!“

Immer wenn er sie sprechen hörte, formulierte er im Stillen für sich: „Wie bitte?“ „Was kann ich für Sie tun?“ „Einen Augenblick bitte, Herr Mürb ist sofort bei Ihnen.“ Wenn Sie sich am Telefon meldete, sagte sie: „Büro Mürb. Sie sprechen mit Stoß!“ Es klang wie die Androhung einer Tracht Prügel. Wenn er es hörte, murmelte Mürb vor sich hin: „Hier Stoß, guten Tag, Büro von Herrn Mürb, wie kann ich Ihnen helfen?“

So ging es nicht weiter. Einfacher wäre es gewesen, Frau Stoß auf Schreibfehler, eine Verwechslung im Terminkalender hinzuweisen. Aber Mürb appellierte an seine Führungsverantwortung. Wenn es nicht anders ging, musste man eben auch einmal Dinge ansprechen, die eher das Atmosphärische betrafen. Mürb wartete eine Gelegenheit ab und sagte zu ihr: „Frau Stoß, ich schätze Ihre Arbeit sehr, aber ich finde, sie müssen freundlicher mit unseren Kunden umgehen. Immerhin sind sie es, die uns bezahlen.“ Frau Stoß sah ihn verblüfft an, so als müsse sie sich einen Augenblick lang neu orientieren. Sie kommentierte nicht, was er gesagt hatte, sondern fragte nur: „Noch was?“ „Äh, wie bitte? Nein, nein, danke“, stammelte Mürb.

Später sah er Frau Stoß heimlich weinend an ihrem Arbeitsplatz sitzen. Sie hatte offensichtlich überhaupt nicht verstanden, was er meinte. In den folgenden Tagen zeigte sie sich in ihrer Arbeit besonders bemüht. Mürb bereute seine Direktheit. Vielleicht war es nicht immer das Beste, „Probleme offen anzusprechen“. Er nahm sich vor, Frau Stoß Freundlichkeit vorzuleben, sie in der Situation daran zu erinnern. Kunden kamen. Er hörte Frau Stoß sprechen. „Wie?“ „Was?“ „Bleiben Sie da stehen! Herr Mürb kommt, wenn er Zeit für Sie hat!“

Sie kam in sein Zimmer, um den Besuch anzumelden: „Ihr Termin!“

„Bitte! Frau Stoß. Bitte!“

„Wie?“

„Bitte!“

„Was?“

„Ach, nichts, nichts, danke!“

Sie nickte und ging wortlos zurück an ihren Platz.