DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 9. Januar 2010

Schlingensiefs Märchenpark...

Sie sind, was die breite Öffentlichkeit nicht weiß, gläubiger Christ. Ist Ihnen der Glaube in der Krankheit ein Trost?


Leider habe ich den Glauben nicht wirklich als Hilfe empfunden. Seit der Reformation ist das Christentum für mich zu einer Disney World, zu einem Märchenpark geworden. Ich selber spüre erst seit zwei, drei Monaten eine wirkliche Besserung, weil ich den Systemtheologen Johannes Hoff kennengelernt habe, der in Wales Philosophie und Systemtheologie lehrt. Wie ein Archäologe gräbt er aus, was unsere heutigen Kirchen in ihrem Märchenpark alles versteckt haben, und wie viel Freiheit und Freude sie den Gläubigen genommen haben. Glauben muss konkret sein, er benötigt Verantwortung und auch die Möglichkeit zu streiten – von all dem keine Spur.

Was genau verstehen Sie unter Märchenpark?


Ich habe das Gefühl, dass die katholische Kirche den Gedanken des Christentums, die Liebe, die in dieser ganzen Unternehmung steckt, überhaupt nicht nutzt. In den Gemeinden gibt es unzählige wunderbare Mitglieder und Hilfsprojekte, die gut sind, keine Frage. Im Großen und Ganzen habe ich aber das Gefühl, dass die Kirche mir keine Freude vermittelt. Sie vermittelt mir nicht das Gefühl, dass es wichtig und eine Freude sein kann, sich einer Minderheit anzuschließen, Andersdenkende und Andersliebende kennenzulernen. Mir scheint, als habe sich die katholische und auch die protestantische Kirche auf eine Art Abgesang eingelassen. Alles kommt mit einem Wimmerton daher. Die Kirchen haben die Verantwortung von der Freiheit in eine bittere Depression überführt. Sie sind in ihren Ritualen hängen geblieben, es sind Absitzrituale. Wenn man böse wäre, würde man sagen: Die Rituale sind nicht mehr als Sesselhockerei. Das ist natürlich viel zu wenig.

Glauben Sie als Christ an die Unsterblichkeit der Seele?


Das habe ich immer noch zu verhandeln. In meiner neuen Arbeit in Zürich habe ich begonnen, den Tristan weiter zu erforschen, mit einer langsamen Annäherung. Eine erste Frage beschäftigt sich damit: Was ist, wenn jemand weg ist und ich nicht mehr diese Liebe anwenden kann? Wenn also alles zu spät ist? Und was ist, wenn ich selber derjenige bin, der verschwunden ist? Ich habe durch die neuen Gedanken mit Johannes Hoff sehr starken Mut bekommen, dass nichts verloren geht. Ich gebe zu, dass das meinen kindlichen, naiven Glauben rettet, weil ich sage: So lange ich, wie Hugo Ball, von einem Hypergott ausgehe, kann ich auch den Märchenpark ertragen – denn auch der ist nur ein Teil des Ganzen. Wenn ich dann allerdings sterben sollte und die Schmerzen, auch die Trennungsschmerzen kommen, das Verlassenmüssen des Hier und Jetzt, werde ich vielleicht wieder einige Krippenfiguren und die Schmusedecke der Religion brauchen. Aber ich glaube, ich beginne gerade, dem Glauben klarer gegenüberzutreten, und habe auch mehr zu formulieren als ich jemals geglaubt hätte. Meine Kraft des Formulierens ist noch lange nicht zu Ende.