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Samstag, 30. Januar 2010

In Österreich wird man schon mit Herr Doktor angesprochen, nur weil man eine Glatze hat

Expat

Österreichische Titelmanie

Von Michaela Seiser

In Österreich werden Titel beinahe schon inflationär verwendet

In Österreich werden Titel beinahe schon inflationär verwendet

24. Januar 2010

In Österreich wird man schon mit Herr Doktor angesprochen, nur weil man eine Glatze hat. Diese Erfahrung hat ein früherer Gewerkschaftsvorsitzender gerne zum Besten gegeben, Männer mit kahlem Haupt machen sie nach wie vor. Selbst Frauen von Doktoren werden mit deren akademischem Grad angeredet.

Vermutlich schmücken sich nirgendwo auf der Welt die Menschen so gerne mit Titeln wie in Österreich. Die historischen Wurzeln der Titelmanie liegen in der vor fast 100 Jahren zerbrochenen Donaumonarchie. Anreden wie „Hofrat“ und „Aspirant“ hoben damals ihre Träger aus der Masse hervor - und waren für den Staat billiger als Gehaltserhöhungen. Nach dem Krieg aber kam es zu einer Inflation der Titel. Während früher der „Magister“ ausschließlich den Apothekern vorbehalten war, kennzeichnet er nun an den meisten Unis den Studienabschluss.

Aber auch ohne akademische Weihen gibt es Wege, zu einem Titel zu gelangen: Wer sich als Komiker, Schlagersänger oder Publizist bewährt, bekommt mit etwas Glück in der zweiten Lebenshälfte vom Bundespräsidenten die Professorenwürde verliehen. Wie es ein Schauspieler pointiert ausgedrückt hat: „Professor in Österreich, das ist eine Alterserscheinung.“ So könnte ein Neuling in Wien glauben, eine große Anzahl seiner Mitbürger trage den gleichen Vornamen: Mag. oder Dr., gefolgt von einem Familiennamen, steht auf vielen Briefbögen.

Auch wenn sie sich jemandem persönlich vorstellen, sagen viele Wiener „Doktor Berger“ und nicht „Berger“ - wozu hat man den Titel denn sonst erworben? So drängt sich in Wien der Eindruck auf, dass es besonders viele Hochgebildete gibt. Tatsächlich ist der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung in Österreich jedoch deutlich geringer als in anderen entwickelten Ländern.

Ein Mensch ohne Titel hat in Wien jedoch Wettbewerbsnachteile. Die Varianten auf dem Parcours der Eitelkeiten sind dabei beträchtlich: Es gibt zum Beispiel den Kommerzialrat mit der Abkürzung KR, den Diplomkaufmann und den Ing., den sogenannten Schmalspuringenieur, der nicht viel mit einem DI (Diplomingenieur) zu tun hat.

Erwähnenswert ist schließlich das Bonmot einer jungen Doktorin beim Friseur, die ihren Abschluss dort nicht kundtat und bescheiden auftrat. Oft musste sie warten, man zog ihr die Gemahlinnen von Professoren und Doktoren vor. Dann wurde es ihr zu bunt. „Wollen Sie mich rasch behandeln?“, rief sie. „Im Gegensatz zu den Damen hier habe ich nicht auf dem Standesamt promoviert.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth / F.A.Z.