DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 16. Januar 2010

Eine kunsthistorische Anekdote



Aus: Rudolf Steiner GA 169 S. 129/130

"Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz‑Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen geben kann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke ‑ und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkom­men ‑ , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über‑Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietz­sche, auch sagen: «Über‑Rubens». ‑ Also ein Über‑Rubens wollte er werden; aber natürlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Sti­pendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Male­ rei sehen. Und nun malte er ein Bild, das war allerdings furchtbar groß, ganz riesig groß: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre‑Kommis­sion eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so gehängt, daß es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen hätte. Sie wissen ja, das ist so eine häufige Praxis der Kommissionen, die Bilder annehmen für Ausstellungen, daß sie etwas dann so hingen, wie wenn es nicht da wäre. Denn es kommt ja natürlich sehr darauf an, daß man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daß man es nicht sehen kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem großen Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild über Paris, ging nach Brüssel zurück und schrieb niemals mehr den Namen «Paris» auf, ohne daß er einen Blitz darüber malte, der in dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Auszeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So bekam er für irgendeine Leistung einmal von dem König eine bronzene Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber Bronze, die brauche ich auch nicht! ‑ Und er blieb wild. Er wollte noch einmal die Probe machen mit der Louvre‑Kommission. 1840 schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf eine andere Art. Es hatte nämlich ein Bekannter einen anerkannt echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Ru­bens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! ‑ Dabei war einer ein echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzüglicher Rubens! Na, so hat er sich gerächt, hat das natürlich überall bekannt machen lassen, und es hat dazumal ein großes Aufsehen gegeben."