DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 30. Januar 2010

Bei Fuß!

Kolumne

FAZ

Von Georg M. Oswald

11. Dezember 2009 Seit einiger Zeit beschäftigte Barks Phantasie ein Artikel, den er selbst gar nicht gelesen hatte. Sein Kollege Kleff hatte ihm davon erzählt. Demnach sollten amerikanische Wissenschaftler festgestellt haben, dass Mitarbeiter auf Weisungen ähnlich wie Hunde reagierten. Gehorsam folgten sie nur den Anordnungen von natürlichen Respektspersonen, deren hierarchische Überordnung sie nicht nur kannten, sondern auch spürten. Sie hatten ein fein ausgeprägtes Sensorium für Unsicherheit und Angst. Trat ihnen jemand allerdings entschlossen gegenüber, führte sie und ließ keinen Zweifel an seinen Entscheidungen, durfte er mit Treue und Gefolgschaft sogar in schwierigen Situationen rechnen.

Bark war zunächst geneigt, die Geschichte für einen Kantinenwitz zu halten, aber dennoch beschäftigte sie ihn. Konnte es nicht sein, dass sie jenseits der offenbaren Komik einen tiefer liegenden, wahren Kern enthielt? Bark suchte danach. Wenn es auch die meisten Menschen nicht zugeben wollten, so war doch unbestreitbar: Mehr noch als Diskussionen, Wahlmöglichkeiten, Alternativen schätzten auch die meisten Menschen klare Anweisungen, Ge- und Verbote, eine vorgegebene Richtung, einen angezeigten Weg. Auch und gerade diejenigen, die für sich in Anspruch nahmen, unabhängig und kritisch zu sein, waren insgeheim froh über jede Gewissheit, die ihnen blieb. Die Kunst bestand nur darin, sich ihnen gegenüber nicht als Herrchen oder Frauchen zu produzieren. Man durfte ihren Wunsch, sich unterzuordnen, nicht geringschätzen, man musste ihn als das erkennen, was er war: wertvolles Kapital. Es musste nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

Bark ließ seinen Blick über den Brillenrand durch das Großraumbüro schweifen und stellte sich vor: Der aufstrebenden Frau Wolf würde es nicht schaden, einmal eine Weile bei Fuß zu gehen; der besorgte Herr Fips hingegen sollte einmal nach Herzenslust einem Stöckchen nachjagen dürfen. Die Auszubildende Mops musste endlich apportieren lernen. Der fleißige Herr Rex hatte sich, wenn er so weitermachte, zweifelsohne einmal eine Extraration verdient. Kleff, der die Tendenz hatte, sich allzu sehr für Barks Revier zu interessieren, würde es nicht schaden, einmal gut sichtbar vor ihm den Schwanz einzuziehen.

Bark reckte den Hals, schob den Unterkiefer vor, spitzte die Lippen und stieß ein langgezogenes schaurig moduliertes, jedoch alles in allem triumphales Geheul aus. Seine Mitarbeiter hielten inne, was auch immer sie gerade taten, spitzten die Ohren und wandten sich ihm zu. In ihren Gesichtern stand freudig erregte Aufmerksamkeit.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.