DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 30. Januar 2010

Bei Fuß!

Kolumne

FAZ

Von Georg M. Oswald

11. Dezember 2009 Seit einiger Zeit beschäftigte Barks Phantasie ein Artikel, den er selbst gar nicht gelesen hatte. Sein Kollege Kleff hatte ihm davon erzählt. Demnach sollten amerikanische Wissenschaftler festgestellt haben, dass Mitarbeiter auf Weisungen ähnlich wie Hunde reagierten. Gehorsam folgten sie nur den Anordnungen von natürlichen Respektspersonen, deren hierarchische Überordnung sie nicht nur kannten, sondern auch spürten. Sie hatten ein fein ausgeprägtes Sensorium für Unsicherheit und Angst. Trat ihnen jemand allerdings entschlossen gegenüber, führte sie und ließ keinen Zweifel an seinen Entscheidungen, durfte er mit Treue und Gefolgschaft sogar in schwierigen Situationen rechnen.

Bark war zunächst geneigt, die Geschichte für einen Kantinenwitz zu halten, aber dennoch beschäftigte sie ihn. Konnte es nicht sein, dass sie jenseits der offenbaren Komik einen tiefer liegenden, wahren Kern enthielt? Bark suchte danach. Wenn es auch die meisten Menschen nicht zugeben wollten, so war doch unbestreitbar: Mehr noch als Diskussionen, Wahlmöglichkeiten, Alternativen schätzten auch die meisten Menschen klare Anweisungen, Ge- und Verbote, eine vorgegebene Richtung, einen angezeigten Weg. Auch und gerade diejenigen, die für sich in Anspruch nahmen, unabhängig und kritisch zu sein, waren insgeheim froh über jede Gewissheit, die ihnen blieb. Die Kunst bestand nur darin, sich ihnen gegenüber nicht als Herrchen oder Frauchen zu produzieren. Man durfte ihren Wunsch, sich unterzuordnen, nicht geringschätzen, man musste ihn als das erkennen, was er war: wertvolles Kapital. Es musste nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

Bark ließ seinen Blick über den Brillenrand durch das Großraumbüro schweifen und stellte sich vor: Der aufstrebenden Frau Wolf würde es nicht schaden, einmal eine Weile bei Fuß zu gehen; der besorgte Herr Fips hingegen sollte einmal nach Herzenslust einem Stöckchen nachjagen dürfen. Die Auszubildende Mops musste endlich apportieren lernen. Der fleißige Herr Rex hatte sich, wenn er so weitermachte, zweifelsohne einmal eine Extraration verdient. Kleff, der die Tendenz hatte, sich allzu sehr für Barks Revier zu interessieren, würde es nicht schaden, einmal gut sichtbar vor ihm den Schwanz einzuziehen.

Bark reckte den Hals, schob den Unterkiefer vor, spitzte die Lippen und stieß ein langgezogenes schaurig moduliertes, jedoch alles in allem triumphales Geheul aus. Seine Mitarbeiter hielten inne, was auch immer sie gerade taten, spitzten die Ohren und wandten sich ihm zu. In ihren Gesichtern stand freudig erregte Aufmerksamkeit.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Mein-Hund-Barolo

Eine Frau, die sich im lauten Dialog mit ihrem Hund, einem kniehohen Mischling, durch die Hundezone hetzt: „Nein", keucht sie, „ich kann nicht so schnell. Geh langsamer!" Sie beschleunigt. Jetzt nimmt sie richtig Tempo auf. Der Hund freut sich. Er springt an ihr hoch und versucht, ihre Hand zu küssen. „Nein", ruft die Frau. „Nicht hüpfen." Sie gibt dem Hund einen Keks. Der Hund bellt, um sich zu bedanken.

„Nicht bellen", schreit die Frau und tätschelt dem Hund den Kopf. „Meine Güte, Jacky. Du bist der Nagel zu meinem Sarg." Dann verliere ich die beiden aus den Augen.Der „New Yorker"-Journalist Malcom Gladwell hat in seinem Buch „What the dog saw" eine beeindruckende Analyse darüber geschrieben, auf welche Kommunikationsformen problematische Hunde anspringen und warum. Vereinfachende Zusammenfassung des lesenswerten Kapitels: Es ist die Körperhaltung, meine Lieben. Nur eine entschlossene, leicht nach vorne orientierte Körperhaltung kann einen eigensinnigen Hund beeindrucken.Worte sind überflüssig, und falsche Worte sind ganz überflüssig.Dann gehe ich mit meinem Hund Barolo durch die Wiener Innenstadt spazieren. Es öffnet sich in zentraler Lage ein Tor, heraus schießt ein struppiger, verzogener Köter mit einem Mann an der Leine, einem Mann, der sich dagegen stemmen muss, dass sein Köter sich wie ein Lämmergeier auf meinen Hund Barolo stürzt, und wisst Ihr, was der Mann schreit? „Du musst keine Angst haben, Bobby", schreit er im Falsett. „Der tut dir nix."Nichts wie weg. Der Kerl befindet sich in Rückenlage.

Fürchten - aber richtig

Wir fürchten uns vor Terrorangriffen, obwohl es klüger wäre, unseren Kindern das Schwimmen beizubringen.

Ankowitschs Kolumne

In Österreich wird man schon mit Herr Doktor angesprochen, nur weil man eine Glatze hat

Expat

Österreichische Titelmanie

Von Michaela Seiser

In Österreich werden Titel beinahe schon inflationär verwendet

In Österreich werden Titel beinahe schon inflationär verwendet

24. Januar 2010

In Österreich wird man schon mit Herr Doktor angesprochen, nur weil man eine Glatze hat. Diese Erfahrung hat ein früherer Gewerkschaftsvorsitzender gerne zum Besten gegeben, Männer mit kahlem Haupt machen sie nach wie vor. Selbst Frauen von Doktoren werden mit deren akademischem Grad angeredet.

Vermutlich schmücken sich nirgendwo auf der Welt die Menschen so gerne mit Titeln wie in Österreich. Die historischen Wurzeln der Titelmanie liegen in der vor fast 100 Jahren zerbrochenen Donaumonarchie. Anreden wie „Hofrat“ und „Aspirant“ hoben damals ihre Träger aus der Masse hervor - und waren für den Staat billiger als Gehaltserhöhungen. Nach dem Krieg aber kam es zu einer Inflation der Titel. Während früher der „Magister“ ausschließlich den Apothekern vorbehalten war, kennzeichnet er nun an den meisten Unis den Studienabschluss.

Aber auch ohne akademische Weihen gibt es Wege, zu einem Titel zu gelangen: Wer sich als Komiker, Schlagersänger oder Publizist bewährt, bekommt mit etwas Glück in der zweiten Lebenshälfte vom Bundespräsidenten die Professorenwürde verliehen. Wie es ein Schauspieler pointiert ausgedrückt hat: „Professor in Österreich, das ist eine Alterserscheinung.“ So könnte ein Neuling in Wien glauben, eine große Anzahl seiner Mitbürger trage den gleichen Vornamen: Mag. oder Dr., gefolgt von einem Familiennamen, steht auf vielen Briefbögen.

Auch wenn sie sich jemandem persönlich vorstellen, sagen viele Wiener „Doktor Berger“ und nicht „Berger“ - wozu hat man den Titel denn sonst erworben? So drängt sich in Wien der Eindruck auf, dass es besonders viele Hochgebildete gibt. Tatsächlich ist der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung in Österreich jedoch deutlich geringer als in anderen entwickelten Ländern.

Ein Mensch ohne Titel hat in Wien jedoch Wettbewerbsnachteile. Die Varianten auf dem Parcours der Eitelkeiten sind dabei beträchtlich: Es gibt zum Beispiel den Kommerzialrat mit der Abkürzung KR, den Diplomkaufmann und den Ing., den sogenannten Schmalspuringenieur, der nicht viel mit einem DI (Diplomingenieur) zu tun hat.

Erwähnenswert ist schließlich das Bonmot einer jungen Doktorin beim Friseur, die ihren Abschluss dort nicht kundtat und bescheiden auftrat. Oft musste sie warten, man zog ihr die Gemahlinnen von Professoren und Doktoren vor. Dann wurde es ihr zu bunt. „Wollen Sie mich rasch behandeln?“, rief sie. „Im Gegensatz zu den Damen hier habe ich nicht auf dem Standesamt promoviert.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth / F.A.Z.

Samstag, 23. Januar 2010

Donnerstag, 21. Januar 2010

Tiere schiffern auf Flößen daher:

Ein Beispiel für die Qualität und Seriosität heutiger Wissenschaft: (Ob man nicht besser Fantasy-Romane schreiben sollte?)

BIOLOGIE
Wie einzigartige Tiere nach Madagaskar gelangten

Madagaskar ist ein Paradies für Zoologen: Es gibt wohl kaum einen Ort der Welt, der so viele einmalige Tierarten beheimatet. Forscher rätseln seit langem wie Lemuren oder Mungos dorthin gelangten. Nun erhärten Geowissenschaftler eine Jahrzehnte alte These: Die Tiere haben demnach die Insel durch Meeresströmungen erreicht.


Die heute auf Madagaskar lebenden Tiere sind vermutlich durch Meeresströmungen auf die Insel gelangt. Lemuren, Mungos und fliegende Füchse könnten vor etwa 50 Millionen Jahren auf natürlichen Flößen von Afrika nach Madagaskar getrieben worden sein.

Dienstag, 19. Januar 2010

Ein neuer Sternenhimmel:

"Nachdem im 20. Jahrhundert erst das religiöse und dann das moralische Himmelszelt eingestürzt ist, droht nun dem astronomischen Himmelszelt ein ähnliches Schicksal", schreibt der Dichter und Kritiker Akos Szilagyi. Da man in vielen Städten nachts kaum noch die Sterne sehen kann, wurden in jüngster Zeit Sternenhimmel-Reservate geschaffen und der Anblick des "unverdorbenen Himmelszelts" "im Originalzustand" zu einer Erlebnis-Dienstleistung, einem Jahrmarkt-Spektatel degradiert: "Die Sternenhirten im Reservat treiben nachts die Sterne aus dem Stall, lassen sie sozusagen auf dem Himmel grasen, und die Erlebnistouristen staunen, dass ihnen die Spucke wegbleibt. Das ist aber sicherlich nur der Anfang. Die Zukunft gehört dem projizierten Himmelszelt und dem künstlichen Sternenhimmel, der viel schöner, imposanter und überzeugender sein wird, als es einst der ursprüngliche Himmel war, und - davon mal ganz zu schweigen - sogar viel billiger! An diesem Himmel werden so viele Sterne zu sehen sein, von denen frühere Menschen nicht einmal träumten! Ob diese Sterne dann echt oder unecht sind, nun, das ist im Hinblick auf das Erlebnis vollkommen egal."

Eine geniale Studie:

Außerdem: Masjaliza Hamzah und Norami Othamn berichten über eine Studie in Malaysien, die belegt, dass Polygamie weder Männern noch Frauen noch Kindern bekommt.

Eine Diktatur wird immer von den meisten Menschen unterstützt!

Zwei Tage, nachdem Victor Martinovichs Roman "Paranoia" ausgeliefert war, verschwand er wieder aus den weißrussischen Buchhandlungen, erzählt Natalia Leshchenko. Und sie ahnt, warum. "Der Roman erörtert auf überzeugende und fesselnde Art etwas, das nur selten in der Literatur über politische Regime thematisiert wird - dass Diktaturen nicht nur von Geheimpolizei und einem unterdrückerischen Staatsapparat gestützt werden, sondern von den Menschen selbst. Er zeigt, wie reale und vorgestellte Ängste sich auf eine Weise mischen, die die individuelle Autonomie untergräbt und die Freiheit erstickt. Er insinuiert, dass ein Regimewechsel nicht in der Wahlkabine beginnt, sondern im Kopfeiner Person. Das ist eine seltene Einsicht, die Weißrussen aufgrund ihrer Erfahrung der Welt vermitteln können."

Samstag, 16. Januar 2010

In Österreich..

wird man schon mit Herr Doktor angesprochen, nur weil man eine Glatze hat....
"Professor in Österreich, das ist eine Alterserscheinung."...

Erwähnenswert ist schließlich das Bonmot einer jungen Doktorin beim Frisör, die ihren Abschluss dort nicht kundtat und bescheiden auftrat. Oft musste sie warten, man zog ihr die Gemahlinnen von Professoren und Doktoren vor. Dann wurde es ihr zu bunt.
"Wollen Sie mich rasch behandeln? rief sie. "Im Gegensatz zu den Damen hier habe ich nicht auf dem Standesamt promoviert."

Eine kunsthistorische Anekdote



Aus: Rudolf Steiner GA 169 S. 129/130

"Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz‑Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen geben kann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke ‑ und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkom­men ‑ , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über‑Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietz­sche, auch sagen: «Über‑Rubens». ‑ Also ein Über‑Rubens wollte er werden; aber natürlich konnte er etwas. Er bekam dann auch ein Sti­pendium und konnte nach Rom gehen, konnte die italienische Male­ rei sehen. Und nun malte er ein Bild, das war allerdings furchtbar groß, ganz riesig groß: eine Szene aus dem Trojanischen Krieg. Es war aber wirklich weit besser als so die Durchschnittsbilder, die in Ausstellungen waren. Nun, er hat es in Paris der Louvre‑Kommis­sion eingereicht. Man hat es zwar angenommen, aber man hat es so gehängt, daß es gewirkt hat, wie wenn man es nicht angenommen hätte. Sie wissen ja, das ist so eine häufige Praxis der Kommissionen, die Bilder annehmen für Ausstellungen, daß sie etwas dann so hingen, wie wenn es nicht da wäre. Denn es kommt ja natürlich sehr darauf an, daß man ein Bild auch sieht. Wenn man es nicht sehen kann, wenn es so beleuchtet ist an einer Stelle, daß man es nicht sehen kann, so kann es ausgestellt sein, und es ist doch in Wirklichkeit nicht da. Und da Wiertz nicht gerade wenig Eitelkeit hatte neben einem großen Talent, so wurmte ihn das furchtbar. Er wurde ganz wild über Paris, ging nach Brüssel zurück und schrieb niemals mehr den Namen «Paris» auf, ohne daß er einen Blitz darüber malte, der in dieses Wort «Paris» hineinfuhr! Nun, er hat auch einige andere Auszeichnungen erhalten, die ihn nicht besonders erfreut haben. So bekam er für irgendeine Leistung einmal von dem König eine bronzene Medaille. Da sagte er: Gold habe ich nicht, Silber habe ich nicht, aber Bronze, die brauche ich auch nicht! ‑ Und er blieb wild. Er wollte noch einmal die Probe machen mit der Louvre‑Kommission. 1840 schickte er zwei Bilder zu einer Ausstellung. Das eine hatte er selber gemalt, da stand «Wiertz» darauf. Das andere ergab sich ihm aber auf eine andere Art. Es hatte nämlich ein Bekannter einen anerkannt echten, bedeutenden Rubens. Wiertz, flugs, kratzt den Namen Ru­bens aus und schreibt Wiertz darunter, schickt zwei «Wiertz» nach Paris. Die Leute schauen sich das an: zwei «Wiertz»? Nichts! Wird nicht ausgestellt, sind zwei Schunderzeugnisse! ‑ Dabei war einer ein echter Rubens, es war gerade ein ganz vorzüglicher Rubens! Na, so hat er sich gerächt, hat das natürlich überall bekannt machen lassen, und es hat dazumal ein großes Aufsehen gegeben."

Samstag, 9. Januar 2010

Schlingensiefs Märchenpark...

Sie sind, was die breite Öffentlichkeit nicht weiß, gläubiger Christ. Ist Ihnen der Glaube in der Krankheit ein Trost?


Leider habe ich den Glauben nicht wirklich als Hilfe empfunden. Seit der Reformation ist das Christentum für mich zu einer Disney World, zu einem Märchenpark geworden. Ich selber spüre erst seit zwei, drei Monaten eine wirkliche Besserung, weil ich den Systemtheologen Johannes Hoff kennengelernt habe, der in Wales Philosophie und Systemtheologie lehrt. Wie ein Archäologe gräbt er aus, was unsere heutigen Kirchen in ihrem Märchenpark alles versteckt haben, und wie viel Freiheit und Freude sie den Gläubigen genommen haben. Glauben muss konkret sein, er benötigt Verantwortung und auch die Möglichkeit zu streiten – von all dem keine Spur.

Was genau verstehen Sie unter Märchenpark?


Ich habe das Gefühl, dass die katholische Kirche den Gedanken des Christentums, die Liebe, die in dieser ganzen Unternehmung steckt, überhaupt nicht nutzt. In den Gemeinden gibt es unzählige wunderbare Mitglieder und Hilfsprojekte, die gut sind, keine Frage. Im Großen und Ganzen habe ich aber das Gefühl, dass die Kirche mir keine Freude vermittelt. Sie vermittelt mir nicht das Gefühl, dass es wichtig und eine Freude sein kann, sich einer Minderheit anzuschließen, Andersdenkende und Andersliebende kennenzulernen. Mir scheint, als habe sich die katholische und auch die protestantische Kirche auf eine Art Abgesang eingelassen. Alles kommt mit einem Wimmerton daher. Die Kirchen haben die Verantwortung von der Freiheit in eine bittere Depression überführt. Sie sind in ihren Ritualen hängen geblieben, es sind Absitzrituale. Wenn man böse wäre, würde man sagen: Die Rituale sind nicht mehr als Sesselhockerei. Das ist natürlich viel zu wenig.

Glauben Sie als Christ an die Unsterblichkeit der Seele?


Das habe ich immer noch zu verhandeln. In meiner neuen Arbeit in Zürich habe ich begonnen, den Tristan weiter zu erforschen, mit einer langsamen Annäherung. Eine erste Frage beschäftigt sich damit: Was ist, wenn jemand weg ist und ich nicht mehr diese Liebe anwenden kann? Wenn also alles zu spät ist? Und was ist, wenn ich selber derjenige bin, der verschwunden ist? Ich habe durch die neuen Gedanken mit Johannes Hoff sehr starken Mut bekommen, dass nichts verloren geht. Ich gebe zu, dass das meinen kindlichen, naiven Glauben rettet, weil ich sage: So lange ich, wie Hugo Ball, von einem Hypergott ausgehe, kann ich auch den Märchenpark ertragen – denn auch der ist nur ein Teil des Ganzen. Wenn ich dann allerdings sterben sollte und die Schmerzen, auch die Trennungsschmerzen kommen, das Verlassenmüssen des Hier und Jetzt, werde ich vielleicht wieder einige Krippenfiguren und die Schmusedecke der Religion brauchen. Aber ich glaube, ich beginne gerade, dem Glauben klarer gegenüberzutreten, und habe auch mehr zu formulieren als ich jemals geglaubt hätte. Meine Kraft des Formulierens ist noch lange nicht zu Ende.

Dienstag, 5. Januar 2010

Die sanfteste Todesart: Enthauptung!

Anna Gosline stellt äußerst sachlich zehn Todesarten im Vergleich vor: "Die Enthauptung kann, so schauerlich sie uns anmutet, eine der schnellsten und am wenigsten schmerzhaften Todesarten sein, vorausgesetzt, der Scharfrichter versteht sein Handwerk, führt eine scharfe Klinge - und der Verurteilte hält still."

...immer genug Whiskey

Der Autor Roger Boylan schreibt in einer rührenden Hommage zu Becketts zwanzigsten Todestag, wie er Beckett kurz vor seinem Tod in seinem Pariser Altersheim ansprechen wollte, die magere Silhouette auch vorbeischlurfen sah, sich aber dann doch nicht traute. "Später erfuhr ich von Leuten, die ihn kannten, dass er in dem Heim genauso zufrieden war, wie man als Mann seines Temperaments nur sein konnte. Er hatte immer genug Whiskey (Jamesons, Tullamore Dew) und Zigarillos (Havanitos Planteros) zur Hand, einen Fernseher, ausgewählte Bücher (englische Lyrik und Dante), eine Stereoanlage, auf der er er seinen geliebten Schubert spielen konnte, und er wohnte Parterre mit Zugang zu einem kleinen Hofgarten."

Montag, 4. Januar 2010

Unterm Nordpol lagern Samen für die Ewigkeit

BOTANIK


(21)
19. November 2007, 09:43 Uhr

Arche Noah, zweiter Teil: Am Pol sollen drei Millionen Samen von Pflanzen bei minus 18 Grad eingelagert werden. Im Ernstfall liegt dann die Rettung der Flora in den unterirdischen Hallen. Zunächst muss der "Tresor" Schritt für Schritt heruntergekühlt werden.

Foto: AP

Arbeiter bereiten den Tunnel unterm ewigen Eis vor, in dem künftig Pflanzensamen "archiviert" werden sollen

Im ewigen Eis am Nordpol haben die Ingenieure dieser Tage mit der Kühlung begonnen. Auf minus 18 Grad Celsius sollen die unterirdischen Hallen heruntergebracht werden - kalt genug, um drei Millionen Pflanzensamen einzulagern. Vor einem Jahr setzte Norwegens Regierung die Arbeit in Gang: Sie ließ auf der Insel Svalbard mehrere Hallen ins Eis fräsen. Im eisigen Tresor "Zum jüngsten Gericht" sollen die Samen der wichtigsten Nutzpflanzen der Zivilisation archiviert werden - und im Ernstfall die weltweite Flora retten. Über 120 Meter erstreckt sich der jeweils fünf Meter breite und hohe Gang in den eiskalten Fels.

Zwei Monate lang, schätzen die Ingenieure, werde es dauern, bis die Hallen auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlt sind. Eine Klimaanlage soll die Temperatur halten. Fällt der Strom aus, sorgt der Permafrost für Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. So gelagert, überleben die Pflanzen einen Nuklearschlag, Klimakatastrophen und Epidemien

SCHWEINEGRIPPE


Der enorme Schaden der Pandemie, die keine war

(261)
VON ELKE BODDERAS
3. Januar 2010, 13:53 Uhr

Die Welt


Hunderte von Millionen Euro hat die Schweinegrippe-Panik allein in Deutschland gekostet. Inzwischen gestehen sich viele Experten ein, dass es leichte Sommergrippen, ähnlich wie H1N1, wohl schon häufiger gegeben hat – nur hat sie bisher niemand bemerkt. Für die jüngste Hysterie gibt es einen Schuldigen.

Schweinegrippe - Ungewöhnlicher Mundschutz
Foto: dpa

Schutz mit Totenköpfen: Die Mundschutzindustrie hat von der Pandemie profitiert

Sie erinnern sich noch? Vor wenigen Wochen lag nur ein Wort auf unseren Lippen: Schweinegrippe. Und heute kräht kein Hahn danach. Was ist aus ihr geworden? Ein paar Krankheitsfälle wohl im Februar noch, und dann ist sie an uns vorbeigezogen. Eine Pandemie hat es nicht gegeben. Alle Vorsorge, der Millionen Euro-Kraftakt für die Impfungen, ein Gemeinschaftswerk von Gesundheitsbehörden, Ministerien, Krankenkassen und Herstellern, von Bund und Ländern hat sich als unnötig erwiesen.

Der Schaden ist enorm: Auf mindestens 700 Millionen Euro werden die Kosten der bestellten Impfseren geschätzt, von denen noch nicht einmal ein Zehntel verbraucht wurde – und ein Großteil bis März erst noch produziert werden muss. Noch Ende Oktober 2009, als der Höhepunkt der Ansteckungswelle schon überschritten war, haben die Länder 18 Millionen Dosen nachbestellt – die letzten Seren werden im März verimpft werden können, falls dann überhaupt noch jemand weiß, wie sich H1N1 buchstabiert.

Der Umgang mit der Epidemie, die keine war, ist für die Weltgesundheitsorganisation WHO, die deutschen Ministerien und Seucheninstitutionen ein Debakel. Merke: Wer Gutes tun will, sollte es sich wohl überlegen und nicht Hysterie schüren. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie formale Rechtfertigungen und Absicherungsängstlichkeiten eine Wirklichkeit schaffen, die Schilda heißt. Letztlich war es der gesunde Menschenverstand der Bevölkerung, sich dann doch nicht diesem Impf-Sog zu ergeben.

VERKEHRTE MEDIZINISCHE WELT

Die Schweinegrippe hat eine wichtige medizinische Grundregel auf den Kopf gestellt. Normalerweise bringen Niesen, Husten, Gliederreißen, Kopf- und Augenschmerzen, vielleicht auch Fieber immer die Angst mit: Gärt dort die Allergie, eine Lungenentzündung, Influenza A oder B, Malaria, Denguefieber, Sars? Gegen solche Irritationen kennt der Mediziner eine beruhigend bodenständige Formel: Das Seltene ist selten, und das Häufige ist häufig. In den meisten Fällen steckt eben doch nur ein Schnupfenkeim in der Nase.