DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 13. Dezember 2009

“Letzte Lieder”, eine Biographie von Georg Kreisler

Letzte Lieder, Arche, 156 Seiten, ISBN 978-3-7160-2613-7


Georg Kreisler hat nun, 87jährig, seine Biographie mit dem Titel „Letzte Lieder“ vorgelegt. Mit ihr ist er auch derzeit noch einmal mit einer Lese-Tournee unterwegs. Vor vier Jahren gab es schon einmal eine, doch diese stammt aus der eigenen Feder. Man könnte sie auch als „Essayistische Lebenserinnerungen“ bezeichnen. Eine längere Beschreibung seines Lebens kann ich mir an dieser Stelle ersparen, denn im obigen Link ist ja alles gesagt.

Doch hier ein paar Zitate aus dem aktuellen Buch:

Hätte ich einen Manager, müsste ich ihn bekämpfen.


Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty träfe.


Die Alibis, die die Gerichte ausspucken, böse Kindheit, falsche Erziehung, Gene, Leidenschaften, sind Unsinn. Der Mensch ist frei.


Ein Künstler wird auch unter widrigsten Umständen künstlerisch bleiben, wenn man ihn lässt. Aber man lässt ihn eben nicht. Möglicherweise macht mich so ein Standpunkt in den Augen der anderen schwierig, aber für mich sind die Leute, die sich fügen, schwierig.


Die einsamen Kommunistinnen, die ich traf, litten unter Schuppenflechte und dergleichen…Henry Kissinger, den ich als Soldat kurz kennengelernt hatte und seinesgleichen, waren anders, professionelle Alleswisser, die durch Andersdenken aus der Ruhe gebracht wurden. Sie erkannten ihre Feinde und schlugen sie freundlich tot. Politiker diskutieren ungern, so wie Marx kein Vielleicht duldet.


Religion ist Zeitvertreib, der Glaube an Gott ist es nicht. Zu leugnen, dass es einen Gott gibt, ist vor allem unglaublich arrogant, denn es bedeutet, dass alles, was über unseren Horizont geht, nicht existiert.


In Wien habe ich oft an Selbstmord gedacht, und eine Zeit war ich dem Psychiater Erwin Ringel befreundet, der sich auf Selbstmörder spezialisiert hatte. Er konzentrierte sich auf Menschen, die eventuell Selbstmord begehen wollten, während ich mich für solche interessierte, die bereits Selbstmord begangen hatten.


Künstler bleiben melancholisch, alle anderen heiter…Die Kunst fordert den ganzen Menschen, und ihr Lohn ist Erkenntnis und Einsamkeit…Auch Nietzsche war damals einsam und ist einsam geblieben…Ich gestehe, dass ich immer wieder Goethe, Heine, Nietzsche lese, weil ich nichts anderes finde, ich vertrage nicht mehr soviel Unsinn wie früher.


Ich glaube, wir leben in einer Kunstpause….es ist generell eine trostlose Zeit für lebende Künstler. Vor allem sucht man sie nicht, solange die Verkaufszahlen der Dilettanten stimmen.


In Amerika gibt es weniger Intrigen und Neid, da dort die Künstler nicht verbeamten…Es ist ja nicht schwer, ein Theater zu führen, solange es in den Händen der Regierung bleibt. Wotan mit Aktentasche, Romeo ist schwul, Othello findet im Boxring statt, Zauberflöte im Zirkus, Hamlet im Schwimmbad, da ist die Kunst frei, wenn auch tot, und alles sind glücklich - bis auf das Publikum….


Als ich einem Journalisten erzählte, dass ich im 2. Weltkrieg einige Spitzennazis wie Göring, Streicher und Kaltenbrunner kennengelernt hatte, fragte er mich, ob ich diese Verbrecher gehasst hätte. Nein, antwortete ich, ich habe sie nicht gehasst, es hat mich ihnen geekelt. Seltsamerweise und ohne Vergleiche ziehen zu wollen, befällt mich ein ähnlicher Ekel, wenn ich an diese heutigen Theatermacher denke.


Wenn man Pop-, Rock-, Hip-Hop- und andere billige Musik verbieten würde, gleichzeitig alle Kitschliteratur und Kitschbilder, würden die Menschen genauso gern echte Kunst genießen und es wäre eine ungeheure Bereicherung…Fantasie ist vorhanden, aber das handwerkliche Können fehlt.

Um zu wirken, braucht diese Musik Showeffekte wie Tanz, Lichtwechsel, Möbelzertrümmerung, Publikumsgeschrei, und erst dann kann man ihr gelegentlich zuhören. Wenn man sie nur auf einer CD erlebt, empfiehlt sich gleichzeitiges Autofahren, Joggen oder Geschirrspülen.


Gewiss gibt es hervorragende Künstler, die hat es zu allen Zeiten gegeben, aber sie kommen kaum zu Wort. Zu Wort kommen diejenigen, die nicht Kunst produzieren, sondern ihre persönlichen Karrieren…Diese „Künstler „ bekommen dann auch gute Kritiken, denn vom Dilettantismus verstehen die Kritiker viel…Schließlich verwahrlost das Publikum, und die Gesellschaft verroht, Anzeichen gibt es heute genug…Die Welt wird ärmer, die Künstler ziehen sich zurück, werden immer fremder, und auf allen Seiten entsteht Hass.


Der Stolz auf die eigene Arbeit geht leider in Europa allmählich verloren…

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