DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 13. Dezember 2009

Der liebe Herr Bernhard


VON ULRICH WEINZIERL






12. Dezember 2009, 04:00 Uhr

... und sein Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld

Es glich, nach jahrzehntelangem Ringen, einer schriftlichen Kapitulation. Am 24. November 1988 schickte Siegfried Unseld dem "lieben Herrn Bernhard" ein Telegramm: "Für mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten." Statt herzlicher Grüßen das Eingeständnis totaler Erschöpfung: "Ich kann nicht mehr." Der "liebe Herr Bernhard" erwiderte trocken: "Dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die sie jemals gehabt haben." Stammte solche Behauptung nicht von einem Todgeweihten, müsste darob das gute alte "homerische", ein nicht enden wollendes Gelächter erschallen. Doch noch war das Schlusswort in dieser Beziehung nicht gesprochen.

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Selbstverständlich ist Unseld kein reiner Mäzen und Säulenheiliger des L'art pour l'art gewesen, sondern vor allem ein glänzender, ein gerissener Geschäftsmann, ein visionärer Stratege der Branche.

Verglichen mit dem vermeintlich in anderen Sphären schwebenden Sprachkünstler Bernhard war er jedoch nichts als ein begabter Anfänger. Denn der Schriftsteller verfügte, auch und gerade in Gelddingen, über eine wahrlich grandiose Unverschämtheit: Seine urösterreichische Chuzpe entbehrte nicht der Grandezza, er taktierte unermüdlich, bis er seine Wünsche - oft durch sanfte Erpressung - durchgesetzt hatte. Schon bei der ersten Begegnung, Ende Januar 1965, in Unselds Frankfurter Haus, hatte er ihm, der krank war und fieberte, einen Vorschuss von nicht weniger als 40 000 Mark entlockt - ...

Und gleich zu Beginn wurde der Verleger belehrt: "In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Fantasie die Realität, in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt." Eine in der Tat bekömmliche Mixtur.

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"Ich mag Sie halt sehr!", bekannte Siegfried Unseld im Februar 1972. Und: "Dieser Satz wird für die Verlagskopien gestrichen, er geht außer uns schließlich niemand etwas an."

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Bernhards Schimpfkanonaden sind außerordentlich unterhaltsam. In München etwa wäre er 1973 am liebsten auf die Bühne gesprungen und "hätte diese niederträchtigen Lemuren von größenwahnsinnigen Schauspielern eigenhändig umgebracht, nicht ohne vorher dem so genannten Regisseur tödliche Ohrfeigen versetzt zu haben. Dieses deutsche Theater, lieber Doktor Unseld, nimmt doch das Maul bis zur Ungeheuerlichkeit voll, während es doch nicht das geringste Hirn hat."


Vom Unternehmen Suhrkamp fühlte er sich grundsätzlich im Stich gelassen. Mit beträchtlicher Hingabe intrigierte er beim Chef gegen leitende Angestellte. Die Ausnahme bildete Unselds engste Mitarbeiterin, dessen Sekretärin Burgel Zeeh, der er blind vertraute. Offenkundig beschwerte er sich auch um der Beschwerde willen. Eben das machte und macht ihn, für ungefährdete Außenstehende, amüsant.

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Es ist nun mal so Sitte: Jeder bedeutende Literat hält seine Kollegen für unbedeutend und überschätzt. Diesem Brauch huldigte Thomas Bernhard hemmungslos. Dass Unseld gegen Thomas Bernhards Erstes Gebot ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!") verstieß, versteht sich von selbst. Als Großverleger hatte er nicht bloß eine Primadonna zu betreuen. Insbesondere, polterte Bernhard in einem vorsichtshalber dann doch nicht abgeschickten Eifersuchtsbrief, habe Suhrkamp den "absoluten Kleinbürgerschmarren von Martin Walser" in der Werbung weit über Gebühr bevorzugt: "Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel-Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen." Bei Autos kannte sich der Herrenfahrer des Lebens Thomas Bernhard aus: Dieser Tage wurde auf Ebay sein zuletzt erworbenes Fahrzeug, ein Geländewagen ausgerechnet des Typs "Samurai", als Reliquie für 30 000 Euro verkauft: das Sechsfache des realen Werts. Bernhard hätte seine Freude gehabt.

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Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Briefwechsel. Hrsg. von Raimund Fellinger ed. al. Suhrkamp, Frankfurt/M. 869 S., 39,80 Euro.