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Sonntag, 15. November 2009

Im Gespräch: Andre Agassi - Der Tennis-Spieler, der Tennis hasst


Hat Ihnen Tennis einen Schlag versetzt?

Von Nina Rehfeld

Vom schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein: Andre Agassi

Vom schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein: Andre Agassi

15. November 2009 Vor der Andre Agassi College Preparatory Academy in Las Vegas wird Basketball gespielt. Zwei Mädchen winken dem Paten ihrer Schule zu. Er winkt zurück: „Das habe ich mir immer gewünscht - nach dem Unterricht mit Kumpels abzuhängen!“ Jetzt will er aber über seine Autobiographie reden.

Warum haben Sie „Open“ geschrieben?

Die letzten drei Monate meiner Karriere waren psychisch und physisch ungeheuer belastend. Meine Zuflucht war ein Buch namens „The Tender Bar“ von J. R. Moehringer.

Die Geschichte von einem Mann, der als Kind in einer Kneipe seine Ersatzfamilie findet.

Ja. Ich habe mich sehr mit dem Erzähler identifiziert und begann, mein Leben literarisch zu sehen. Ich wusste, dass es viele Perlen enthält, aber nicht, was meine Geschichte eigentlich war. Also machte ich mich daran, das zu entdecken. Und ich bat J. R. Moehringer, mir dabei zu helfen.

„Der Hass zwingt mich in die Knie, die Liebe bringt mich wieder auf die Füße“, heißt es zu Beginn Ihres Buches. Was bedeutet das?

Ich habe zeitlebens einen heimlichen, dunklen Hass auf das Tennis gepflegt. Am Morgen vor meinem letzten Turniermatch wachte ich auf dem Fußboden eines Hotels auf. Ich musste mich erinnern, wo ich war, wer ich bin. Ich war physisch und psychisch völlig erschöpft davon, so lange etwas gemacht zu haben, das ich nicht leiden konnte. Ich rappelte mich auf die Knie, mit einer enormen Anstrengung aus Hass, Angst und Schmerz. Doch als ich da so kniete, hörte ich meine Kinder und Stef im Nebenzimmer, und mich erfüllte eine Liebe, die mir auf die Füße half.

Hassen Sie Tennis immer noch?

Nein. Tennis hat mir zwei unschätzbare Geschenke gemacht, meine Schule und Stef. Ich habe meinen Preis gezahlt, und der ist wahrlich nicht gering gewesen. Aber zugleich habe ich ein riesiges Geschenk bekommen.

Ihr Bekenntnis, 1997 Metamphetamin genommen zu haben, hat prompt für einen Skandal gesorgt. Warum sind Sie so offen im Buch?

Es gibt tausend Mutmaßungen darüber: Er will in die Politik! Er hat Angst, dass es sowieso rauskommt! Er will sein Buch besser verkaufen! Aber was ist denn mit dem schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein? Soll ich vielleicht noch zehn Jahre warten, bevor ich ehrlich bin? Oder sollte ich es einfach niemals sein?

Sie schildern auch, wie Sie der drohenden ATP-Sperre mit einer Lüge entgangen sind, nachdem man Metamphetamin in Ihrem Urin nachgewiesen hatte.

Ich habe mich wahnsinnig dafür geschämt, und ich habe jeden Tag meines Lebens gesühnt. Ich habe damals eine zweite Chance erhalten. Die meisten Menschen würden für so etwas keine zweite Chance erhalten, und das ist mir schmerzlich bewusst. Dieses Buch ist ein Teil der Buße für die Drogengeschichte. Es hat es mich großen Mut gekostet. Aber meine Geschichte könnte vielleicht auch andere inspirieren. Und wenn das um den Preis geschieht, dass manche künftig weniger von mir halten, dann ist der ziemlich gering.

Das Problem an einer Lüge ist ja oft, dass man sie mit weiteren Lügen aufrechterhalten muss.

Ich habe viel gelogen. Mir war die Chance nicht vergönnt, mein eigenes Leben zu leben, und erst als ich mit dem Tennis aufhörte, konnte ich zurückblicken und mich dafür schämen, dass ich Drogen genommen habe, dass ich Journalisten nicht ins Gesicht sagen konnte, wie sehr ich Tennis hasse. Ich konnte das damals nicht einordnen, erst, nachdem ich das Spielen aufgegeben hatte. Ich hoffe, dass die gesamte Geschichte die einzelnen Ereignisse transzendiert.

Was war das schlimmste Spiel Ihres Lebens?

Ich glaube, das war das Match gegen Todd Martin in Stuttgart 1997. Ich war damals auf Platz 141 der Weltrangliste abgestürzt und hatte die Veranstalter quasi gebeten, mich mitmachen zu lassen. Ich habe innerhalb von fünfzig Minuten verloren. Mein Trainer Brad Gilbert schleppte mich in unser Hotel und sagte: Wir gehen hier nicht wieder raus, bevor wir entschieden haben, wie wir weitermachen. Mir wurde klar, wie tief ich gesunken war - und vor allem, wie sehr ich Brad hatte altern lassen. Er sah müde aus, fertig. Und trotzdem glaubte er immer noch an mich. Ich war fürchterlich beschämt, aber zugleich seltsam inspiriert. Und das brachte mich dazu, die Dinge umzukrempeln. Ich weiß noch, wie ich auf den Stuttgarter Berufsverkehr hinausstarrte und dachte: Viele Leute hassen ihren Job. Vielleicht muss ich nur alte Aufgaben neu deuten.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Meine Schule hat mir dabei geholfen. Plötzlich gab es etwas, was viel weiter reicht als ich. Es war, als sei ich auf einmal Mitglied eines Teams. Du hast also schlecht geschlafen, hattest einen blöden Tag und bist mies drauf? Na Pech, denn man braucht dich. Es geht um die Leute hier, die kannst du nicht enttäuschen.

Sie haben in der neunten Klasse die Schule abgebrochen.

Ich bin ohne jede Wertschätzung für schulische Bildung aufgewachsen. Wenn ich nicht zum Unterricht gehen wollte, fühlte sich das wie Loyalität meinem Vater gegenüber an, der uns den ganzen Tag auf dem Tennisplatz sehen wollte. Ich wurde also in meiner Abneigung gegen die Schule auch noch bestärkt. Das Verrückte ist: Ich habe eigentlich gern gelernt! Ich hatte nur keine Chance dazu. Vielleicht lag es an meinen Lehrern, vielleicht am vielen Druck, dem ich zu Hause gerecht werden musste. Vielleicht waren es auch physische Gründe. Ich verausgabte mich ja fürs Tennis derart, dass ich immer todmüde und völlig alle war.

Also bauten Sie 2001 die Schule, die Sie gern gehabt hätten - ohne Tennisplatz?

Ja. Ich stellte mir einen Ort voller Menschen vor, die nicht bloß ihren Job herunterleiern. Was wäre, wenn man diesen Kindern, an die unsere Gesellschaft nicht glaubt, eine Wahl gäbe? Ich habe mich schließlich oft genug selbst gefragt, was ich mit meinem Leben getan hätte, wenn ich eine Wahl gehabt hätte.

Ihren Vater beschreiben Sie als gefühlskalten Schinder. Er ließ Sie als Kind einmal gegen einen Football-Star antreten und setzte das Familienvermögen auf Sie. Wie hat er jetzt reagiert?

Mein Vater hat mir sofort gesagt: Ich werde das Buch nicht lesen, ich weiß, was ich getan habe, um einen Champion aus dir zu machen. So viel dazu. Aber er war die erste formative Kraft in meinem Leben, er brachte mir bei, hart zu mir selbst zu sein.

Hat sich Ihre Beziehung verändert, seit Sie mit dem Tennis aufgehört haben?

Unser Verhältnis hat sich verändert, er nicht. Er hatte selbst nie eine Wahl in seinem Leben. Wir haben inzwischen ein ganz gutes Verhältnis. Wir umarmen und zeigen uns, dass wir uns lieben, was erstaunlich ist. Wir sehen uns jedes Wochenende mit den Kindern.

Als Sie noch mit Brooke Shields verheiratet waren, schmückte bereits ein Bild von Steffi Graf Ihren Kühlschrank.

Nein, Brookes Kühlschrank. Sie bewunderte Steffis Beine so sehr und nutzte sie als Inspiration für ihr Fitnesstraining. Ich fand die auch nicht schlecht, ehrlich gesagt.

Was zog Sie sonst an Steffi Graf an?

Ich habe sie hin und wieder auf Turnieren getroffen, aber nie viel mit ihr zu tun gehabt. Aber dann sah ich sie in einem Interview im französischen Fernsehen, und sie wirkte so unglaublich bescheiden. Ihre ganze Art beeindruckte mich ungeheuer. Sie wirkte so anders, als ich mich fühlte. Sie lebte ihren Wert, sie wirkte, als fühlte sie sich wohl in ihrer Haut. Und sie sah aus, als würde sie gut duften.

Aber sie ließ Sie grausam abblitzen - Rosen, die Sie ihr schickten, verwelkten auf dem Balkon, sie erwiderte Ihre Anrufe nicht.

Ich wusste ja, dass sie dachte, ich sei noch verheiratet. Ich vermutete, dass sie mich für einen Perversen hielt. Ich musste also warten, bis sie herausfand, dass ich geschieden bin, und ich hoffte, dass sie eins und eins zusammenzählen würde.

Dann haben Sie ein gemeinsames Training arrangiert und sich Ihr Hemd vom Leib gerissen.

Na ja, ich bin mir nicht ganz sicher, ob mich das vorangebracht hat. Später hat sie erzählt, dass ich sie schon damit beeindruckt habe. Aber ich wollte ja nur eine Chance, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen.

Sie haben Ihre Schmerzkapazitäten angesprochen - Sie wurden mit einer Rückenschwäche geboren und haben auf dem Tennisplatz Höllenqualen gelitten. Täuscht der Eindruck, dass Ihnen der Schmerz zum Freund wurde?

Schmerz war ziemlich oft dabei. Ich hatte dauernd das Gefühl, irgendwas nicht verdient zu haben. Dann habe ich mir selbst Schmerzen zugefügt, am liebsten auf dem Tennisplatz, vor den Augen der Welt. Als ich 1996 zur Australian Open fuhr, wusste ich, dass ich nicht vorbereitet bin. Also ging ich ohne Hut auf den Platz und hielt meinen nackten Schädel die brütende Sonne, damit ich zumindest richtig leiden würde. Es war echte Selbstquälerei.

Sechs Jahre zuvor hatten Sie noch eine ansehmliche Matte: ein Toupet, wie Sie jetzt zugeben.

Ich war Zeuge, wie mein Bruder sein Haar verlor, ein schwerer Schlag für sein Selbstbewusstein. Als meine Haare ausfielen, war es, als würde ich meine Persönlichkeit verlieren, und dass das in aller Öffentlichkeit passieren solle, erschien mir wie das vielfach verstärkte Trauma meines Bruders. Ich stand 1990 bei den French Open in meinem ersten Grand-Slam-Finale und schickte Stoßgebete zum Himmel: Bitte, lass das Toupet bloß nicht runterfallen! Ich sah es schon von meinem Kopf rutschen und auf den Platz fliegen und wie dies zum absurdesten Moment der Sportgeschichte werden würde. Es war der reine Horror.

Sie haben das Match verloren. Und wurden zum Modeidol.

Das habe ich aber nicht kapiert: Warum um Himmels willen wollten die Leute wie ich sein? Ich wollte ja nicht mal selbst ich sein! Und während ich mich unter meinem Vokuhila vor mir selbst versteckte, wurde von mir verlangt, mit dieser unverstandenen Persönlichkeit auch noch eine Rolle zu spielen.

In Ihrem Buch schreiben Sie von Ihrer Entschlossenheit, Ihre Kinder niemals Tennis spielen zu lassen. Ist das immer noch so?

Es war uns sehr wichtig, ihnen die Wahl zu überlassen. Jaz spielt jetzt zwei- oder dreimal die Woche. Sie nimmt Unterricht, aber sie hat einfach nur Spaß daran. Für die Zeit, die sie investiert, ist sie ziemlich gut. Sie hat definitiv Talent. Jaden spielt Baseball, er schwingt also auch etwas und schlägt hart zu.

Sie schreiben viel darüber, wie schwer Ihnen das Aufhören fiel. Wie war es dann?

Nach meinem letzten Match fühlte ich mich wie damals, als ich mir meinen Schädel zum ersten Mal rasiert hatte. Das Gewicht der Welt war von meinen Schultern genommen. Ich war an dem Ende, nach dem ich die ganzen Jahre über vergeblich gesucht hatte. Ich konnte Schluss machen, ohne aufzugeben, ohne die vielen Menschen im Stich zu lassen, die mich nie im Stich gelassen haben. Und ich war heilfroh, dass das körperliche und emotionale Drama vorüber war. Schwierig war, sich an einen neuen Rhythmus zu gewöhnen. Im Sport bekommt man für jede Entscheidung ein direktes Feedback. Im Leben herrscht ein anderer Rhythmus. Wenn man in der Erziehung seiner Kinder etwas verändert, gehen Jahre ins Land, in denen man aufmerksam beobachten muss, wie sich das auswirkt. Tennis und Leben sind in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich, und das hat mich anfangs ziemlich ungeduldig gemacht.

Vermissen Sie den Wettbewerb?

Nein, das war es ja, was mich wahnsinnig machte, was mir so schwer auf der Seele lag. Gewinnen fühlte sich nie so gut an, wie Verlieren sich schrecklich anfühlte. Es war, als wenn das Spiel so angelegt wäre: dass es immer gleich endet, dass es einem mehr nimmt als gibt. Ich dachte immer, ich bin ein launischer Mensch. Aber inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Tennis launisch ist.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa