DIE RABENSCHWARZE SEITE

Mittwoch, 19. August 2009

Als die Christopher Street Parade auf die Islamische Weltliga traf

Als die Christopher Street Parade auf die Islamische Weltliga traf

VON PETER SCHÜTT14. August 2009, 04:00 Uhr



Und dann kamen noch die türkischen Fußballfans: Erinnerung an einen ungewöhnlichen Sommer

Es war im sonnigen Sommer 2002. Im fernen Südkorea und in Japan kämpften die besten Nationalmannschaften um die Fußball-Weltmeisterschaft. In der deutschen Hauptstadt wurde zur selben Zeit um Höheres gestritten. Die Islamische Weltliga mit dem Sitz in Mekka hatte zum ersten Mal zu einer Konferenz in Deutschland eingeladen. Im Palasthotel am Breitscheidplatz berieten an die hundert Gläubige aus ganz Europa über die Frage, wie dem modernen Unglauben am besten zu begegnen sei. In Seoul und Tokio war ich nicht dabei, wohl aber als Gast in Berlin.


Doch ehe sie vollkommen wie Lots Frau zu Salzsäulen erstarren konnten, wurden sie von den vorbeiparadierenden Schwulen, die die Vermummung der Frauen offenkundig für einen Beitrag zu ihrem Mummenschanz hielten, in die Arme genommen, mit Küssen bedeckt und mit sanfter Gewalt in das schwullesbische Love-in hineingedrängt. Sie schrien laut, auf Arabisch oder Türkisch, um Hilfe. Mehrere Bodyguards der saudischen Botschaften stürzten herbei und wagten sich unerschrocken in das Getümmel, um die frommen Frauen aus den Händen der homoerotischen Menschheitsverbrüderer zu befreien. Auch Abdullah Al-Turki, der Generalsekretär der Islamischen Weltliga, trat für einen Augenblick vor das Höllentor, um sich das gotteslästerliche Schauspiel anzusehen. Er schien seinen Augen nicht zu trauen, doch dann hörte ich ihn auf Hocharabisch seufzen: Gott wird sie strafen!Das zentrale Forum war gerade mit dem gemeinsamen Mittagsgebet, mit Händeschütteln, Bruderküssen und Umarmungen zu Ende gegangen. Als ich aus dem Sitzungssaal herausdrängte und anstelle von Rosenwasser, Weihrauch und dem Qualm hehrer Worte wieder die prickelnde Berliner Luft spürte, hatte ich einige Mühe, aus den höheren Sphären der Spiritualität zurückzufinden in die Niederungen der postmodernen Alltagswelt. Doch die schrille Realität großstädtischen Lebens war weder zu überhören noch zu übersehen. Just im selben Moment zog aus Anlass des Christopher-Street-Days vor dem Hotel die Berliner Schwulenparade vorüber, gröhlend, tanzend und sich nahezu vollständig entblößend. Mehrere tief verschleierte Musliminnen, die an der Konferenz teilnahmen, sammelten sich starr vor Entsetzen vor dem Hoteleingang.

Kaum war sein Verdammungsurteil gesprochen, da brach auf dem seitwärts gelegenen Breitscheidplatz ein Ohren betäubendes Gebrüll aus. Ich hatte einige Mühe, um zu begreifen, was da passiert war. Vor einer Großleinwand gegenüber dem Palasthotel verfolgten tausend türkischstämmige Jugendliche gebannt die Übertragung von der Fußballweltmeisterschaft im fernen Japan. Für sie ging es um das Spiel der Spiele. Im Viertelfinale spielte die Türkei gegen den Senegal. Sieben Minuten nach Beginn der Verlängerung stand es immer noch unentschieden. Doch dann kam der entscheidende Moment. Es fiel, gleichsam aus heiterem Himmel - wie ein Gottesgeschenk - das goldene Tor, und die fußballbegeisterten Türken kannten keinen Halt mehr.

Senegal hat verloren? fragte irritiert ein in ein goldenes Gewand gehüllter Scheich, der zur Begleitung des hohen Gastes aus Mekka gehörte. Die Senegalesen sind doch dem Propheten viel treuer ergeben als die Türken. Beim Fußball, korrigierte ihn sanft ein saudischer Diplomat, geht es nicht nach Frömmigkeit, sondern nach sportlicher Tüchtigkeit. Mohammed ist unser Prophet, aber er war kein Fußballspieler. Willst du damit sagen, erwiderte missbilligend der Scheich, Mohammed war ein Prophet, der von Fußball nichts versteht? Unter den 360 Götzenbildern, die Mohammed in Mekka zerstört hat, war bestimmt auch ein Fußballgott. Ich dachte immer, entgegnete der Diplomat, die Azteken hätten den Fußball erfunden, ausnahmsweise nicht die Araber. Aber vielleicht haben Eure Gelehrsamkeit Recht. Ich weiß jetzt jedenfalls, warum unsere Araber so schlecht Fußball spielen. Aber es ist wohl besser, dass wir den Ball flach halten.

Auf dem Platz vor uns entrollten die Jugendlichen zu Hunderten ihre roten Türkeifahnen mit der weißen Mondsichel und stürzten sich siegestrunken mitten hinein in das Sündenbabel der Schwulenparade. Vor unseren Augen wurde ein rosafarbener Tanzwagen mit lauter blanken Hinterteilen von knallrot beflaggten Jungtürken im Handstreich geentert und in einen türkischen Triumphwaggon verwandelt. Die Mädchen unter ihnen trugen allesamt Kopftücher, aber als Tuch hatten sie ausgerechnet die Türkenfahne genommen, das säkulare Symbol gegen das religiöse Kopftuchgebot. Die Freunde und Parteigänger der Türkei sangen aus voller Brust ihre Nationalhymne, und danach tönten sie: We shall overcome. Und plötzlich riefen alle: Allah o'akhbar! Gott ist groß!

Ist das keine Gotteslästerung? fragte Bruder Turki in diesem Augenblick die kleine Schar der Glaubensfesten, die ihn umringten. Warum? fragte der gut gelaunte Mufti von Bosnien, ein Mitglied der allerhöchsten Delegation aus Mekka. Gott spielt mit! Als was? wollte der Generalsekretär in seinem Weihnachtsmännerbart wissen. Als Torwart? Als Schiedsrichter? Als zwölfter unsichtbarer Spieler, meinte ein anderer geistlicher Würden-, Bart- und Turbanträger. Unfug! meinte der Mufti. Gott ist bei diesem Spiel nur Zuschauer. Er sieht alles. Sicher hat er seinen Spaß daran. Er ist bestimmt kein Spielverderber. Er sieht, mahnte zu guter Letzt der oberste Weltligist, alles mit seinen Augen.

Der Autor ist seit 1991 Muslim. In diesen Tagen erscheint im MUT-Verlag seine Autobiografie "Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka. Stationen einer Lebensreise".