DIE RABENSCHWARZE SEITE

Dienstag, 7. Juli 2009

Madoff und Balzac - Von Wolf Lepenies

Hat Bernie Madoff Balzac gelesen?
Wenn nicht, wird er jetzt Zeit finden, sich mit den fast einhundert
Romanen der „Comédie Humaine“ zu beschäftigen. Indizien sprechen
aber dafür, dass der New Yorker Börsenmakler zumindest ein Werk
Balzacs gekannt hat: „Das Bankhaus Nucingen“ (1837). Balzac schildert
darin die Unterhaltung von vier Pariser Lebemännern, die sich im
Chambre séparée die Erfolgsgeschichte des Barons Nucingen erzählen,
eines Bankiers, der von Freunden wie Feinden nur der „Elefant
der Finanz“ genannt wird. Vor der Schlacht von Waterloo
kauft Nucingen 300 000 Flaschen Champagner und Bordeaux für je
30 Sous. Nach der Niederlage Napoleons trinken sie die Alliierten –
und zahlen sechs Franken pro Bouteille. Das große Geld aber macht
Nucingen mit Finanztricks, die Balzac als „puff“ bezeichnet und die in
der Wirkung dem Ponzi-Schema ähneln, mit dem Madoff Milliarden
verspekulierte. Nucingen fühlt sich von den „Gesetzen der Rechtschaffenheit“
eingeengt, er trägt den Krieg in die Welt des Geldes: „Der
Bankier ist ein Eroberer, der die Massen opfert, um zu geheimen Resultaten
zu gelangen, seine Soldaten sind die Zinsen der Privatpersonen.“
Auch weiß der „Elefant“, dass
„Geld erst dann eine Macht ist,
wenn es in unverhältnismäßigen
Mengen vorhanden ist“. Und so redet
er Hunderten von Anlegern ein,
dass sie hohe Gewinne machen
können, wenn sie ihm ihr Geld anvertrauen:
15 Prozent Rendite sind
normal. Wie Madoff ruiniert Nucingen
viele seiner Kunden – aber
anders als Madoff ruiniert er nicht
alle. Strafverfolgung hat er nicht zu
fürchten: „Was geht es den Staat an,
wie sich der Umlauf des Geldes
vollzieht, wenn es nur in ständiger
Bewegung ist?“ Für den Notfall hat
Nucingen dennoch vorgesorgt: Mit
seiner Ehefrau ist Gütertrennung
vereinbart. Dass der Fall Madoff
nicht abgeschlossen ist, steht bei
Balzac: „Die Inszenierung einer so
großen Unternehmung erfordert
viele Handlanger.“
Vor vielen Jahren, als die Derivate
und die Hedgefonds noch nicht
erfunden waren, diskutierten französische
Literaturwissenschaftler
über „La Maison Nucingen“. Ein
unvergleichliches Sittenbild der Finanzwelt,
gewiss – aber, so der Einwand,
ein wenig übertrieben und
von unserer eigenen Realität doch
weit entfernt: So mancher „puff Nucingen“
sei heute nicht möglich,
schließlich unterliege das Finanzwesen
starker Kontrolle. Womit
sich wieder der Lehrsatz des großen
Literatursoziologen Oscar Wilde
als richtig erweist: Das Leben
ahmt die Kunst mehr nach als die
Kunst das Leben.