DIE RABENSCHWARZE SEITE

Montag, 6. April 2009

Strom aus dem Wasserhahn

.....Doch auch der Kapitalismus konnte Russland nicht ganz erobern. Draußen auf dem Land, zwei Kilometer von der nächsten Eisenbahnlinie entfernt, im dunklen Reich der russischen Anarchie, zahlt man nach wie vor nichts für Strom. Entweder laufen dort die Stromzähler in die falsche Richtung, oder die Stromzählerableser werden korrumpiert.

Ein Beispiel für diesen Erfindungsreichtum ist das nordkaukasische Dorf meiner Schwiegermutter, in der Nähe von Mineralnie Vodi gelegen. Die Bewohner dieses Dorfes beziehen ihren Strom direkt von der Eisenbahn: Sie haben die Eisenbahnstromleitung angezapft und mit einem dicken Transformator den Starkstrom in einen für zivile Zwecke tauglichen Strom umgewandelt. Die Eisenbahn weiß natürlich Bescheid, will aber aus Prinzip nichts unternehmen. Immerhin fahren die Züge ständig an dem Dorf vorbei, und alle Schwellen und Gleise sind noch da. Auch die Eisenbahn fährt nicht immer gerade.

Die Dorfbewohner halten ihre Stromfreiheit für selbstverständlich, sie beziehen ihren Strom noch sozialistisch – alle haben elektrische Heizkessel, elektrische Wasserpumpen, Orangerien, Schnapsbrennereien und Saunen. Sie heizen im Winter wie blöd, pumpen ein besonders weiches Wasser aus der Tiefe der Erde in die Wasserleitung, züchten Salzgurken das ganze Jahr über und überwintern gut mit eigenem Schnaps in der Sauna, die nach kaukasischer Sitte drei Tage vorgeheizt werden muss.

Am letzten Silvester haben sie ihre Straßen mit einer solch gigantischen Illumination aus selbst gebastelten Girlanden geschmückt, dass mehrere Flugzeuge sie für die Landebahn des Flughafens Mineralnie Wodi hielten und versuchten, auf der Steppenpiste zu landen, was für zusätzliche Nebeneffekte und ein kleines Feuerwerk sorgte. So nützlich kann die Eisenbahn sein.

In den amtlichen Büchern wird das Dorf als „selbstelektrifiziert“ geführt. Für mich ist dieses sich selbst elektrifizierende Dorf ein Musterbeispiel an Kreativität – und der sich von allem Spuk befreienden russischen Anarchie. Ich glaube nur, dass sie dabei irgendwo gepfuscht haben, vielleicht haben sie irgendein Kabel nicht ganz richtig angeschlossen. Jedes Mal, wenn ich dort Hände waschen ging und gerade ein Zug in der Ferne vorbeifuhr, bekam ich vom Wasserstrahl einen mächtigen Stromstoß. Ich weiß auch von anderen Dorfbewohnern, dass sie ab und zu an unterschiedlichen Orten und völlig unerwartet Stromschläge bekommen. Bei einem Nachbarn brannte durch einen Stromstoß gar das Hemd bis auf den Kragen durch, als er einmal die Türklinke seines Hauses in einem ungünstigen Moment anfasste. Und bei fast allen qualmen die Fernseher, wenn ein ICE das Dorf passiert. Die öffentliche Meinung der Dorfbewohner geht dahin zu sagen: Die vereinzelten Stromschläge sind gut für den Kreislauf und halten das Immunsystem auf Trab. ...

Wladimir Kaminer in "Cicero"

Quelle: http://www.cicero.de/