DIE RABENSCHWARZE SEITE

Mittwoch, 25. Februar 2009

Nietzsches Kuh

Nietzsche als Historiker

Könnten wir sein wie das Rindvieh, dann hätten wir’s gut: Wir wären „kurz angebunden an den Pflock des Augenblickes“ und infolgedessen „weder schwermüthig noch überdrüssig“. Das Tier, mit dem Nietzsche seine „Zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ beginnt, gehört zu den Wiederkäuern – wie wir Menschen auch, könnte man mit Nietzsche sagen: „Es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zu Grunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur.“

Obwohl das Wiederkäuen zu ihren vorzüglichen Eigenschaften gehört, steht die Kuh bei Nietzsche glänzend da, sofern sie nämlich auch sehr vergesslich und, in diesem Sinne, ganz Gegenwart ist. „Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst mich nur an? Das Tier will auch antworten und sagen, das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte – da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg.“ Man könnte hier von einer Aporie, einer logisch bedingten Ausweglosigkeit, sprechen; die Frage ist nur, wer drinsteckt – die Kuh oder der Mensch?