DIE RABENSCHWARZE SEITE

Samstag, 24. Januar 2009

Uraltfaust, neu geboren

(Die Hervorhebungen stammen von mir. Alles ist reiner Ernst- kein Scherz! Die kursiven Anmerkungen sollen dem verehrten Leser helfen, den Artikel, bzw. die grandiose Inszenierung besser zu verstehen.)

Aus: Die WELT

Stefan Grund 19. Januar 2009, 03:02 Uhr

Regisseur Andreas Kriegenburg zeigt die Tragödie am Thalia in Hamburg als Drama der jungen Alten


Bericht aus der Gruft: Schwül und dumpfig hie. Pechschwarze Nacht. Ein hoher, gotischer Lichtstrahl fällt von oben ein ins Thalia-Theater. Zwei alte Hände waschen sich in ihm in Unschuld. Dann sagt Faust: "Ach". Das muss reichen.



Auftritt Wagner (Markwart Müller-Elmau) als akrobatischer Hausbesorger, als "junger Alter", mit sehr langer Leiter auf dem Weg zur elektrisierenden Fassung. Auftrag: Glühbirne wechseln, zehn Meter über dem Boden. Das schwierige Unterfangen gelingt. Wagner: "Habe nun, ach, die Birne gewechselt."

(Wahrscheinlich handelt es sich symbolisch um die Birne des Regisseurs, der wohl vorher eins auf dieselbige bekommen hat, nun war sie ihm ausgegangen...)



Anschließend beginnt der "Urfaust" von Johann Wolfgang von Goethe in der aktuellen Fassung von Regisseur Andreas Kriegenburg zum dritten Mal: Die altgediente Mimin Katharina Matz im erdfarbenen Anzug steht da als alter Faust und lässt wie ein müder Baum im Herbst die Blätter fallen. Handbeschriebene Textblätter mit dem berühmten Anfangsmonolog. .... Stapel für Stapel bringt Wagner neue, bis der Monolog komplett ist. Der alte Faust spricht nun Textfragmente und sinkt ermattet zu Boden, Wagner bedeckt ihn mit dem Goethelaub.



Der ganze erste Teil ist der Mühsal, der Bürde des Alters gewidmet, der Verzweiflung des Gelehrten, gewidmet dem Gedanken an unser aller Sterblichkeit. Das ist schmerzhaftes Theater, (das kann man wohl sagen, selbst beim Lesen dieses Artikels kann man Schmerz verspüren) weil es uns die quälenden Gedanken, die der innere, geistige Scheibenwischer sonst in Nullkommanichts zur Seite fegt, vor Augen zwingt. Da beschlägt uns die Seele. Diese Quälerei hält doch keiner aus. (Ganz richtig!)

Doch schließlich werden wir nebst Faust erlöst aus der zähen, unendlichen Langsamkeit des Altwerdens und Altseins.



Erlöst werden wir mit Elementen aus Faust I und Faust II, die Kriegenburg in modifizierter Gestalt einsetzt. Aus einem Homunkulus, einem sich windenden, weißen Wurm ersteht Mephisto (Natali Seelig). Kaum auf der Welt, haut er mit gebieterischer Geste Wagner die Seele aus dem Leib, der tot umfällt. Kaum lebendig, entnimmt Mephisto dem alten Faust dessen Seele, lässt die körperliche Hülle liegen und haucht einem blutigen Embryo das neue Leben ein, aus dem der nackte (Darauf hatten wir nun schon gewartet...) junge Faust schlüpft (Hans Löw) wie ein Terminator nach seiner Zeitreise. Dem drückt der mörderische Mephisto dann auch gleich den braunen Anzug seines Ex-Egos in die Hand. Das ist schlüssiger Wahnsinn. Und der alte Text aus dem Urfaust, ach, wird flapsig aufgefrischt und mitverjüngt.

...... Kriegenburg nämlich zeigt uns eindrücklich: wahre Liebe.

Faust schlakst in ihr (Gretchens) Leben und beider Ruh ist hin. Und dann ist auf dem torfbedeckten Boden kein Halten mehr. Liebend fallen sie einander in die Arme, übereinander her, auf dem Torf wie im weißen, bald torfbeschmutzten Baldachinbette ( und jedesmal muss die Bettwäsche neu gereinigt werden!).

Mephisto schreit zwischendrin sehr oft hintereinander "Fuck" und "Shit"(..ganz wichtig in einer modernen Inszenierung!) .

Doch bevor wir uns darob wundern oder gar aufregen können, haben wir das "ach" vom Beginn schon wiedererkannt, es war nur Ablenkung, im Anschluss sprechen sie schön im Chor Goethe "Meine Ruh ist hin...", bis Mephisto auch Marthe (Sandra Flubacher) die Seele nimmt, weil sie ihn nervt, (Da kommt einem doch der leise Verdacht, Mephisto könnte heimlich schon vor der Inszenierung dem dafür Varantwortlichen auch so etwas weggenommen haben...) bis Gretchen sich im Kerker wieder findet, Mutter tot, Kind tot, Bruder tot (Faust tot, Goethe tot, der Geist tot, die Kunst tot...). Willkommen zurück in der Gruft. Faust kehrt als Weltreisender zurück, den Trickster-Mephisto nebst der Schande im Nacken, reuig, zerknirscht, machtlos und unendlich endlich. Er allein bleibt übrig, die Gräber zu pflegen.

(Ach, ach!)