DIE RABENSCHWARZE SEITE

Freitag, 23. Januar 2009

„Ermordung einer Butterblume“

Selbst ist der Mord oder Sieh doch, wie klein du bist, Mensch

Der österreichische Büchnerpreisträger Josef Winkler lässt in seinem Buch „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ wieder einmal Köpfe rollen.
Schön sieht es aus, und einen beknackten Titel trägt es, das neue, mit dem „Schutzengel“ von Peter Pongratz verzierte Büchlein des österreichischen Thanatos-Extremisten Josef Winkler: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“. Eine frühe Drohung gegen die Mutter war das; die Schrift hätte also auch heißen können: „du schlägst deinen Schädel an einem Grabstein ein“: das ging damals an den Vater. Das Buch enthält kleine Reportagen und Essays, die im Umfeld der größeren Werke der vergangenen Jahre – „Natura morta“ (2001), „Leichnam, seine Familie belauernd“ (2003), der Totenkultbericht aus Varanasi (2006) und „Roppongi. Requiem für einen Vater“ (2007) – entstanden sind. Seit je aber sind alle Texte des jüngst unter dem Büchnerpreis bestatteten Autors eng miteinander verschlungen. Winkler ist Wiederkäuer.
Die Miniaturen gehen meist von Lektüren aus, die mit eigenen Erinnerungen kurzgeschlossen werden, in der Regel mit Todesbegegnungen, die dem Erzähler unbegrenzt zur Verfügung zu stehen scheinen. Als Verbündete führt er Schriftsteller wie Curzio Malaparte, Annemarie Schwarzenbach, Alfred Döblin, Peter Handke, Terézia Mora, Gerald Zschorsch oder Paul Nizon an. Doch fahndet er bei ihnen lediglich nach makabren Höhepunkten: überfahrenen Igeln, ermordeten Butterblumen, dem zu einem Teppich aus Menschenhaut ausgewalzten Mann, der jubelnd auf die Panzer der Befreier zugelaufen, aber ausgerutscht war. Wie Intarsien sind die Zitate in die Essays eingearbeitet. So kommt es, dass die stärksten Sätze fremden Federn entstammen. Winkler übernimmt die Anreicherung mit persönlichen Nebensächlichkeiten wie beiläufigen Äußerungen von Tochter Siri. Oder dass er statt „Osterbasteln“ doch tatsächlich „Sterbebasteln“ gelesen habe: „Am Sterben basteln“. Ausgerechnet Ostern. An eine Brille denkt er nicht.
Ein kafkaesker, sich selbst zum Inhalt gewordener Prozess ist es, den der Ackermann aus Kärnten gegen den Tod führt. Winklers sprachlich zerfetztes, unerbittlich um den Doppelselbstmord zweier Siebzehnjähriger kreisendes Debüt „Menschenkind“ aus dem Jahr 1979 war unerhört, eine wuchtige Richtigstellung, die ihre Kraft aus der suizidalen Perspektive zog. Es begann mit einer Ansage: „Die Wortmaschine ... , die beschreibt und in der Beschreibung durch sprachliche Konsequenz die angehäuften menschlichen Bewegungen in ihrer Ekstase auflöst, wird jetzt in Betrieb genommen.“ Und sie läuft bis heute, diese Maschine. Eine gewisse Poetizität kann man dem nicht absprechen. Winklers sofort erkennbaren, litaneihaften Schriften eignet etwas absolut Finales, endzeitlich Teleologisches.
Es gibt dazu – auch in diesem Büchlein – eine beständig mitverhandelte Nebenklage. Dabei ist die Öffentlichkeit zum Schöffen bestellt, hat das Urteil zu sprechen über den archetypischen, allmächtig-göttlichen Vater: Mit einem „nach Tierkot stinkenden Kalbsstrick“ habe der dem Kläger (ob Autor oder Erzähler) gedroht, als er, damals noch ein Kind, „in Villach im Kino gewesen und später als sonst nach der Handelsschule nach Hause gekommen war“. Nach dem patriarchalischen Gesetz stand darauf offenbar Erhängen: „Schau ihn dir an! Schau ihn dir genau an!“ Damit war natürlich das Leben verleidet, allenfalls der erlösende Tod noch eine Hoffnung: negative Religion. Wieder und wieder hat Winkler wortgewandt diese Initialkränkung nachkonstruiert.
Man wird es, Büchnerpreis hin oder her, doch sagen dürfen: wie gewaltig diese österreichische Attitüde, die verquält psychoanalytische Obsession mit dem Morbiden inzwischen nervt. Seit dreißig Jahren breitet Winkler Tode, Suizide, Morde und tödliche Unfälle in kaum erträglicher Aufdringlichkeit aus, als wäre etwas zu beweisen und als wäre damit etwas bewiesen. Ja, Meister aus Kärnten, wir sind sterblich. Das ist schlimm. aber was soll man machen? Verdrängen ist da keine ganz kleine Kulturleistung.
Das Faszinosum Tod zum Schwerkraftzentrum eines künstlerischen Werkes zu machen, ihm die Verbundenheit mit dem Leben nachzuweisen, ist fraglos ein bedeutendes und tröstliches Unterfangen – und wurde in der Literatur oft praktiziert. Wenn aber jeder einzelne Bandwurmsatz (in parataktischer Bernhardmanier) auf das Verenden hinausläuft, wenn jedes Verb zwanghaft das Zeitliche segnet, jedes Adjektiv nur ein weiteres Epitheton ist, das sich ans Aushauchen der Lebensgeister hängt, dann ist da jemand – wie schon so mancher Hippie in Varanasi – auf dem Memento-mori-Trip hängengeblieben: stilistisch ambitionierter Styx-Tourismus.
Nach und nach ist aus der Verzweiflungsprosa sensationalistisches Vernichtungspathos geworden, kein plötzlicher Umschlag, sondern eine allmähliche Überschreibung. In den Momenten größter Intensität wandelt sich auch die vorliegende Textsammlung in so etwas wie literarisches Gaffertum, wenn etwa die „zerquetschten und zerfetzten, immer noch uniformierten Leichen“ von zwei Polizisten nach einem Autounfall begutachtet werden, wenn auf der Autobahn zahlreiche mit rosa Zeitungen abgedeckte Tote herumliegen, sich dann ein Schwerverletzter gespenstisch aufsetzt, Blut vom Gesicht wischt, um dann mit dem blutverschmierten Kopf hintenüber auf den Asphalt zu knallen. Nie folgt etwas aus den Todesszenen, stets nur die unausgesprochene Mahnung: Sieh doch, wie klein du bist, Mensch. Alle tieferen Dimensionen der „Ermordung einer Butterblume“ interessieren Winkler nicht. Er denkt vielmehr gleich daran, wie einmal in den österreichischen Bergen zwei Polizisten, die einen Schwerverletzten trugen, „von den im Kreis sausenden Schwertern der Propellerflügel des Rettungshubschraubers geköpft wurden“. O Hirn voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn!
Bei aller intellektuellen Absicherung: Vom Boulevardvoyeurismus ist das nicht mehr weit entfernt. Der Ich-Erzähler etwa ist fasziniert vom Selbstmord einer ob ihrer Menstruation gedemütigten Fünfzehnjährigen bei Landskron, vom Erstickungstod einer Frau und ihrer Enkel, „die sich gegenseitig retten wollten“, von der in der „Hindustan Times“ gelesenen Nachricht der Schändung und Ermordung und nochmaligen Schändung einer fünfzehnjährigen Engländerin im indischen Goa, vom Tod eines Neunjährigen in Klagenfurt, der unter einen Lastwagen geriet: „Vom Omnibus aus, der im Verkehr ins Stocken geraten war, sahen Schulkinder den sterbenden, zappelnden Jungen auf dem Asphalt liegen mit dem vom Speichel verklebten Ovomaltinepulver in den Mundwinkeln, wie ich es mir jetzt beim Schreiben vorstelle.“ So stellt er sich das immer wieder vor, zappelnde, sterbende Unschuld, poetisch versüßt durch Ovomaltine.
„Der Tod entriß allem die Banalität“ heißt es in „Menschenkind“. Nein, das reicht nicht. Todessehnsucht macht noch keinen Baudelaire. Gibt es überhaupt Banaleres als den Tod? „Der Tod ist ein Schiff, und ich bin sein Wrack“ heißt es im neuen Buch. Das trifft wohl schon eher zu. Der Tod selbst ist hier havariert. Wenn der Suizid Suizid begeht, dann bleibt Josef Winkler übrig.      OLIVER JUNGEN



Josef Winkler: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008. 128 S., br., 9,- €.


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.01.2009
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