DIE RABENSCHWARZE SEITE

Freitag, 23. Januar 2009

Enten statt Renditen

FAZ, Do. 22. Jan. 2009, Seite 29


Aus einem Bericht über die Grüne Woche:

Beackern statt Beleihen

... für vierhunderttausend Besucher ist es ein internationales Fressfest, auf dem sie Gerichte probieren können, ohne in die Länder fahren zu müssen, aus denen diese stammen, und für die ausgestellten Tiere ist es die Gelegenheit, mal rauszukommen aus dem Stall. An all dem hat sich auch in diesem Jahr nichts geändert; geändert hat sich nur der Blick darauf. Der Blick der Stadt, die im Land ringsum zuletzt vor allem eine Immobilie gesehen hatte und diese Vorstellung nun abschreiben muss.

Auf einmal sieht es so aus, als sei das Beackern und nicht das Beleihen der einzig richtige Umgang mit dem Land. Dort ist der in einer Halle ausgebreitete Schwarzerdeboden, da ist der in einem abgezirkelten Beet eingebrachte Weizen, hier ist der vom Besitzer liebevoll gekraulte Bulle mit Nasenring, und daneben dreht sich schon der Grillspieß der Ochsenbraterei. Die Agrarwirtschaft scheint ein Vergnügen daran zu haben, ihre Erzeugnisse in den Zusammenhang zu stellen, aus dem sie entstanden sind, während es der Finanzwirtschaft bei ihren Erzeugnissen immer darum geht, diesen Zusammenhang zu verschleiern.

Das glucksende Alpaka, das breithufige Rentier

„Im Grunde reicht die Herkunft als Kennzeichnung aus“, sagt der Bauernpräsident Gerd Sonnleitner in einer Diskussion mit Bärbel Höhn, der ehemaligen Umweltministerin von Nordrhein-Westfalen, die für die Grünen weitere Kennzeichnungen will. Aber, sagt der Bauernpräsident, „die Leute wissen doch, wie die Bauern in dieser Region wirtschaften, wie die Qualität des Wassers und des Bodens ist“. Das klingt, als habe der Kunde bei den Bauern ein umfassenderes Wissen davon, mit welchem Stück Land ihn deren Produkte in Verbindung bringen, als bei den Bankern, wo ihm eine Ahnung genügen musste und genügte. Er wusste genauer, was in seinem Kühlschrank lag als in seinem Portfolio. Aber einen faulen Apfel erkennt man leichter als einen faulen Kredit.

"Im Grunde reicht die Herkunft als Kennzeichnung aus“, sagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner

Auf einmal mischt sich in das alljährliche Staunen über die vielfältigen Formen des Lebens, die das Land hervorbringen kann, in diesem Jahr das Staunen darüber, wie übersichtlich gleichzeitig alles bleibt. Da ist das Alpine Steinschaf, die aufgeregte Pommernente, das glucksende Alpaka, das breithufige Rentier und der kleinwagenschwere Welsh Black Bulle in seinem gekräuselten Winterfell, und daneben stehen ihre Besitzer und können erklären, was die Tiere fressen und wofür man sie nutzen kann.


„Esst Land“,

hat die Delegation aus Estland über ihren Stand geschrieben, an dem sie Erlenrauchkäse und Fichtenspross-Sirup anbietet. Nie braucht jemand auf der Messe mehr als ein paar Arbeitsschritte, um zu beschreiben, wie etwas wurde, was es ist.

Sieben Gemüse der Amish

In der Halle vom „LebensTraum Dorf“ werden Krabben gepuhlt und Plastikeuter gemolken. In einer Ecke sitzen Frauen und bereiten Wolle vor. Sie striegeln, kämmen und spinnen sie, aber dann ist sie immer noch kein Pullover. Es ist die Halle, in der die Leute sehen sollen, wie sich der Traum zusammensetzt und in der sich jeder richtig fühlen müsste, der bei der Firma Manufactum für achtzehn Euro die Samen der sieben Gemüse der Amish gekauft hat. Es ist aber nur die Halle, in der jeder versteht, dass der Ertrag, der sich dem Land mit Landwirtschaft abringen lässt, mühsamer erwirtschaftet wird als beim Online-Banking. Er wächst langsamer und ist nicht sicherer, solange hinter ihm eine Industrie steht, die ihn erzeugt. Es braucht nur einen Vogelgrippevirus, um alles zum Einsturz zu bringen.

„Wenn die übrige Welt in die Luft gehen sollte, könnten wir hier glücklich weiterleben und würden kaum einen Unterschied merken“, hat John Seymour einst über die Farm in Wales gesagt, auf der er mit seiner Frau und den Kinder lange Zeit lebte. Das war schon damals eher eine Sehnsucht als eine Vorhersage, aber gerade deshalb hält sie länger an als eine grüne Woche.



Text: F.A.Z.