Mohamed El Nashie hat es tatsächlich geschafft, viele einflussreiche Persönlichkeiten für sich einzunehmen

Mohamed El Naschie ist ein produktiver Kopf, ein erstaunlich produktiver: Mehr als 300 Artikel hat er in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht, vor allem über theoretische Physik. Und das, obwohl er kein Physiker ist, sondern nur einen Ingenieursgrad besitzt. Fast alle diese Artikel erschienen in der Zeitschrift Chaos, Solitons and Fractals im renommierten Elsevier-Verlag. Herausgeber: Mohamed El Naschie. Allein in der aktuellen Ausgabe des Journals druckt er fünf Artikel aus eigener Feder.

Der amerikanische Physiker John Baez, der es sich zum Hobby gemacht hat, wissenschaftliche Scharlatane zu entlarven, hat sich einige dieser Arbeiten angesehen und kommt zu dem vernichtenden Urteil: »Undisziplinierte Numerologie, gespickt mit eindrucksvollen Modewörtern«. Zu Deutsch: völliger Schwachsinn. Genüsslich nimmt Baez in seinem Internetblog einen Artikel auseinander, in dem El Naschie durch allerlei Zahlenakrobatik einen Zusammenhang herstellt zwischen den 17 Symmetrien, die sich in den Mosaiken der spanischen Alhambra finden, und einem Näherungswert der physikalischen Feinstrukturkonstante.

Diese Art spekulativer Physik und El Naschies eigenwillige Art, seine Zeitschrift zu führen, sind nun offenbar auch dem Elsevier-Verlag aufgestoßen. Man habe »einige Diskrepanzen in den herausgeberischen Praktiken« entdeckt; El Naschie lege mit der ersten Ausgabe des Jahres 2009 sein Amt nieder. Damit könnte man die Geschichte um den fleißigen Selbst-Publizierer zu den Akten legen – würde sie nicht ein bezeichnendes Licht auf den Wissenschaftsbetrieb werfen. Denn offenbar blieb El Naschies merkwürdiges Gebaren sowohl den zuständigen Fachgutachtern als auch dem Elsevier-Verlag jahrelang verborgen. Wie konnte das geschehen? Und was sagt das über jene Institutionen, die sich selbst gern als die Hüter wissenschaftlicher Qualität darstellen?

Fragt man Physiker und Mathematiker, die auf dem Gebiet der Chaostheorie arbeiten, dann reagieren sie nur mit fassungslosem Kopfschütteln. Heinz-Otto Peitgen etwa, der in den achtziger Jahren die fraktale Mathematik populär gemacht hat und selbst im redaktionellen Beirat von Chaos, Solitons and Fractals sitzt, entschuldigt sich zunächst, er habe die Zeitschrift in den letzten Jahren nicht mehr verfolgt. Wenn er aber die aktuellen Arbeiten lese, stünden ihm »die Haare zu Berge«. Ein weiterer Mathematiker, der namentlich nicht genannt werden will, bezeichnet El Naschies Theorien vom unendlich-dimensionalen Universum als »Witz«. Und Bruno Eckhardt, Chaosphysiker der Universität Marburg, ein ehemaliger Berater von Chaos, Solitons and Fractals, staunt nur noch über El Naschies Talent zur Selbstdarstellung: »Wie der sich in der Wissenschaft umtreibt, ist faszinierend!«

Tatsächlich hat es Mohamed El Naschie geschafft, eine ganze Reihe einflussreicher Persönlichkeiten für sich einzunehmen. So sagt zum Beispiel Peter Weibel, Leiter des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM): »El Naschie ist in der Community sehr angesehen.« Außerdem glaubt Weibel, dass El Naschie »immer wieder im Gespräch als möglicher Nobelpreiskandidat« sei. Zu El Naschies 60. Geburtstag richtete Weibel gar 2005 in Karlsruhe ein Symposium aus, die Festschrift dazu erschien im angesehenen akademischen Springer-Verlag.

Auch auf vielen arabischsprachigen Webseiten ist die Rede davon, der Gelehrte sei schon mehrmals für den Nobelpreis nominiert worden (dabei gibt es, anders als beim Oscar, überhaupt keine solchen Nominierungen). Selbst in China beging man den 60. Geburtstag El Naschies gebührend mit einem Symposium: »Auf den Fußspuren von El Naschie kommen wir in Shanghai zusammen, um einen der größten Wissenschaftler seit Newton und Einstein zu feiern«, schrieb Ji-Juan He von der Donghua University in Shanghai. He ist ein Mitherausgeber von Chaos, Solitons and Fractals.

Wer verbirgt sich hinter dieser schillernden Figur? Wer ist dieser El Naschie? Der gebürtige Ägypter wuchs in Deutschland auf und ging hier zur Universität, sein Ingenieursdiplom bekam er am Londoner University College. Das ist der letzte universitäre Grad, den man nachvollziehen kann. Später schmückte er sich mit einem Titel der Universität Cambridge und zog sich deren Zorn zu. Auf seiner Website bezeichnet er sich als distinguished fellow des physikalischen Instituts der Universität Frankfurt am Main – tatsächlich hat er die blumige Auszeichnung vom privaten Frankfurter Förderverein für physikalische Grundlagenforschung bekommen. Bekannt ist von dem Privatgelehrten nur eine Postfachadresse in England, seine Website wird von einer Dame in Deutschland betreut, die sich als »Büro El Naschie« vorstellt und bedauert, »der Herr Professor« sei derzeit leider nicht erreichbar. Im Übrigen seien die ganzen Anschuldigungen falsch. Herr El Naschie denke nicht daran, sich von seinem Herausgeberposten zurückzuziehen; er habe eine »internationale Kanzlei« gebeten, gegen den Elsevier-Verlag eine Verleumdungsklage anzustrengen.

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Alle, die Mohamed El Naschie persönlich getroffen haben, beschreiben ihn als charmant, gönnerhaft und gebildet. Eine Einladung von ihm, vorzugsweise in ein edles Restaurant oder auf eines seiner Anwesen, muss ein Erlebnis sein – man kann mit ihm über die Musik von Wagner diskutieren oder sich über seine Anekdoten aus dem saudischen Königshaus amüsieren. So ließ sich eine ganze Reihe der von ihm umschmeichelten Forscher überreden, Mitglied im Herausgeber-Board der Zeitschrift zu werden. Und in den ersten Jahren veröffentlichte Chaos, Solitons and Fractals durchaus seriöse Arbeiten. Ende der achtziger Jahre waren Chaosphysik und fraktale Mathematik sehr in Mode. El Naschie wollte diese Konzepte auf die Ingenieurwissenschaften übertragen – das erschien vielen damals Beteiligten durchaus plausibel. Erst nach etwa einem Jahrzehnt nahmen die Artikel des Herausgebers überhand, die sich vor allem um die »E-infinity«-Theorie drehten, nach der das Universum unendlich viele Dimensionen hat und auf dem Cantorschen Kontinuum basiert.

»Irgendwann sind alle Dämme gebrochen«, sagt Bruno Eckhardt. Im Jahr 2005 etwa veröffentlichte El Naschie als »Artikel« eine 17-seitige Fotogalerie privater Schnappschüsse: Er mit dem Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine, er mit dem Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfus, er beim Skifahren in den Alpen. Außerdem wurde das Blatt zum Sammelbecken für allerlei Abseitiges: Der schillernde deutsche Chaosforscher Otto Rössler veröffentlichte dort eine Interpretation der Relativitätstheorie, die ihn zu dem Schluss brachte, der neue LHC-Beschleuniger am Genfer Cern könnte ein Schwarzes Loch erzeugen, das die ganze Welt auffrisst. Auch ein Artikel aus dem Kreationistenlager, der die Existenz eines intelligenten Schöpfers postulierte, erschien in El Naschies Heft – das »Chaos« im Zeitschriftentitel bezog sich irgendwann nur noch auf das chaotische Sammelsurium von Themen und Autoren.

Dass dies der herausgebende Verlag nicht sah oder nicht sehen wollte, ist die eine Hälfte des Skandals. Dass Elsevier das dubiose Heft weiter für gutes Geld verkaufte – ein Abonnement von Chaos, Solitons and Fractals kostet pro Jahr 4042 Euro –, ist die andere Hälfte.

Denn die Wissenschaftsverlage, von denen Elsevier der größte ist, halten sich stets zugute, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Qualitätssicherung der Forschung ist ihre Dienstleistung, damit begründen sie die teils horrenden Preise ihrer Periodika. Dabei müssen die Fachverlage nichts für den Inhalt zahlen, auch der Begutachtungsprozess, die sogenannte peer review, wird von Wissenschaftlern ehrenhalber geleistet. Trotzdem können die Verlage die Preise fast nach Belieben festsetzen. Denn Forscher müssen publizieren, um wissenschaftlich zu überleben, publish or perish lautet die Devise. Und keine Bibliothek kann es sich leisten, die Flaggschiffe unter den Zeitschriften nicht zu führen. Seit den neunziger Jahren drehten die Verlage die Preisspirale drastisch nach oben. Im Jahr 2005 fuhr Elsevier eine Umsatzrendite von 31 Prozent ein.

El Naschies Artikel werden oft zitiert – meistens von ihm selbst

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Nach den Kriterien der Wissenschaftswelt macht die Zeitschrift übrigens einen glänzenden Eindruck: Ihr sogenannter Impact Factor liegt mit 3,025 höher als der aller mathematischen Fachorgane. Der Impact Factor gibt an, wie oft ein Artikel aus den vergangenen zwei Jahren durchschnittlich zitiert worden ist. Und El Naschies Arbeiten wurden viel zitiert – vorzugsweise von El Naschie selbst. 3049 Zitate seiner Artikel finden sich in der Web of Science-Datenbank, 80 Prozent davon stammen vom Autor selbst. Dass durch solche hemmungslosen Selbstzitate der Impact Factor künstlich hochgepusht werden kann, ist einer der Gründe, warum diese akademische Währung von vielen Wissenschaftlern kritisiert wird.

Für die Computer der Elsevier-Buchhalter sah die Zeitschrift also hervorragend aus. Allerdings haben mehrere Wissenschaftler schon frühzeitig das Elsevier-Management auf die zweifelhaften Praktiken bei Chaos, Solitons and Fractals aufmerksam gemacht. Der letzte Brandbrief einer internationalen Gruppe von Physikern stammt aus dem Frühjahr 2008. Die Autoren schreiben darin, Elsevier spiele »eine unbeabsichtigte Rolle dabei, Müll-Wissenschaft über den Globus zu verbreiten«.

Aber der Verlag reagierte erst im November, nachdem er durch John Baez’ Blog-Veröffentlichung zum Gespött der wissenschaftlichen Welt geworden war. Da half es auch nicht, dass sich in den Internetforen unter wechselnden Namen El-Naschie-Fürsprecher zu Wort meldeten, die in immer demselben fehlerhaften Englisch das Hohelied des Ägypters sangen. Elsevier zog die Notbremse und legte El Naschie nahe, sein Amt niederzulegen. Vom Verlag heißt es, man habe sich einvernehmlich getrennt – im deutschen »Büro El Naschie« dagegen spricht man von »verleumderischen Gerüchten«. Der Fortgang der Affäre dürfte also noch interessant werden.

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