DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 27. Dezember 2009

Gletscher - Beerdigungsfeier


Nachwuchsautor und Zeitschriftengründer Benjamin Kunkel berichtet von einer Reise nach Patagonien. Auch einen der berühmten Gletscher der Gegend hat er besucht: "Jeder spricht mit Flüsterstimme, wie in einem Museum. Gletscher besuchen, das hat heutzutage etwas von Beerdigungsfeier. Nachdem wieder ein Riesenvorhang aus Eis in die Bucht geplumpst ist und eine Fontäne mit eiskaltem Wass ausgelöst hat, sagt in einer Gruppe von zwanzig Personen kein Mensch ein Wort. Der kalbende Gletscher macht einen Lärm wie eine Artiellerieattacke..."

Sonntag, 20. Dezember 2009

Mozart und der Papst - aus einem Interview

Liminski: Das Jahr 2009 markiert eine Wende im Verhältnis der Deutschen zum Papst. Hat sich dieses Verhältnis nachhaltig verändert?

Meisner: Ich kann das nicht ganz beurteilen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich vom Konklave zurückkam - es war ein großer Gottesdienst im Kölner Dom, ich glaube, mit 800 Sängerinnen und Sängern. Die haben die Krönungsmesse von Mozart gesungen, weil ich ja den Papst immer definiert habe: Er ist der theologische Mozart, seine Theologie ist so klar und so schön, weil sie so überzeugend ist. Und dann habe ich gesagt: Ich kann mich noch gut erinnern, als Johannes Paul II. zum Papst gewählt worden ist. Bei der Abschiedsaudienz in der Audienzhalle in Rom: Vor den polnischen Pilgern hat der polnische Primas gesagt: "Heiliger Vater, wenn wir jetzt nach Hause kommen, dann werden wir niederknien und Löcher in die Steine beten für Dich, dass Du Dein schweres Amt mit der Gnade Gottes hier zum Heile der Menschen vollziehen kannst."

Und dann habe ich gesagt bei dieser Predigt: Wird sich der Papst, der aus Deutschland kommt, auf uns deutsche Christen in der gleichen Weise verlassen können? Da sind alle Besucher des Domes - es waren ein paar tausend Menschen - aufgesprungen und haben Beifall gespendet. Da dachte ich: Gott sei Dank. Und ich muss sagen, wenn ich in Rom bin - das geschieht oft, da fragen mich die Kardinäle aus aller Welt: Was ist denn mit Euch Deutschen los? Ich muss die Erfahrung machen: Der Papst wird hoch geachtet und geliebt in aller Welt. Und in Deutschland? Ich schäme mich oft. Ich kann oft gar nichts entgegnen, aber ich habe den Verdacht - ich habe den berechtigten Verdacht -: Die Kreise, die ihm widersprochen haben als Theologieprofessor und später als Präfekt, die sind nach einigen Jahren, in denen sie sich nicht getraut haben, hervorgekommen, und seit diesem Jahr schlagen die auf den Papst ein, dass man sich als Deutscher wirklich schämen muss.

Mein Auto - mein Freund

PSYCHOLOGIE

Einsame Menschen geben ihren Autos Namen

(12)
VON DORIS MARSZK22. Januar 2008, 11:03 Uhr

Je einsamer ein Mensch, desto eher vermenschlicht er Gegenstände – wie beispielsweise sein Auto. Doch das ist nicht der einzige Gegenstand, der als Ersatz für menschliche Kontakte und Zuneigung infrage kommt. Psychologen finden das unbedenklich, denn Einsamkeit schadet mehr als Rauchen.

Foto: pa

Tazro Nascino putzt einen Pkw, der im Wohnzimmer des zweiten Stockwerks eines Wohnhauses geparkt ist. Mit der Kunstaktion will er ein Thema aufgreifen, das uns besonders am Herzen liegt, nämlich das Auto. Psychologen haben belegt, dass besonders einsame Menschen ihr Auto vermenschnlichen

KOMMENTARE

22.01.2008,
12:49 Uhr
Euer Merkwürden sagt:
Also, mein erstes Auto hieß "französische Dreckskarre", obwohl ich nicht einsam war.
Mein zweiter Wagen (Audi 100) hieß Säufer, weil er immer so viel geschluckt hat. Aber auch zu dem Zeitpunkt war ich nicht einsam.

irgendwas stimmt an dem Artikel nicht...
jörg sagt:
Mein Auto heisst "Klaus-Uwe", mein Fahrrad "Heinz-Theo", mein Kontrabass "Bärbel" , meine Kaffeemaschine "Ann-Kathrin" und meine Freundin "Susi".

Samstag, 19. Dezember 2009

"Achtung: Bügeleisen sind heiß!"

Bob Jones rauft sich dennoch die Haare. In seiner Kiste liegt ein Feuermelder. "Auf der Gebrauchsanweisung heißt es wörtlich", sagt er, "dass das Drücken des Batterie-Test-Knopfs kein Feuer löscht.“ Dann zückt er einen Schienbeinschützer. "Und hier, dass dieses Ding nur Körperteile schützt, die es tatsächlich abdeckt. Als würde ein Schienbeinschützer zudem auch noch Deinen Kopf behüten!" Ein Scherzartikel noch, dann ist der Korb geleert: Eine Cornflakes-Packung mit integriertem Bügel-Bildchen. "Achtung: Bügeleisen sind heiß", steht darunter. "Nicht auf Ihr T-Shirt bügeln, während sie dieses tragen!"

Sonntag, 13. Dezember 2009

“Letzte Lieder”, eine Biographie von Georg Kreisler

Letzte Lieder, Arche, 156 Seiten, ISBN 978-3-7160-2613-7


Georg Kreisler hat nun, 87jährig, seine Biographie mit dem Titel „Letzte Lieder“ vorgelegt. Mit ihr ist er auch derzeit noch einmal mit einer Lese-Tournee unterwegs. Vor vier Jahren gab es schon einmal eine, doch diese stammt aus der eigenen Feder. Man könnte sie auch als „Essayistische Lebenserinnerungen“ bezeichnen. Eine längere Beschreibung seines Lebens kann ich mir an dieser Stelle ersparen, denn im obigen Link ist ja alles gesagt.

Doch hier ein paar Zitate aus dem aktuellen Buch:

Hätte ich einen Manager, müsste ich ihn bekämpfen.


Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty träfe.


Die Alibis, die die Gerichte ausspucken, böse Kindheit, falsche Erziehung, Gene, Leidenschaften, sind Unsinn. Der Mensch ist frei.


Ein Künstler wird auch unter widrigsten Umständen künstlerisch bleiben, wenn man ihn lässt. Aber man lässt ihn eben nicht. Möglicherweise macht mich so ein Standpunkt in den Augen der anderen schwierig, aber für mich sind die Leute, die sich fügen, schwierig.


Die einsamen Kommunistinnen, die ich traf, litten unter Schuppenflechte und dergleichen…Henry Kissinger, den ich als Soldat kurz kennengelernt hatte und seinesgleichen, waren anders, professionelle Alleswisser, die durch Andersdenken aus der Ruhe gebracht wurden. Sie erkannten ihre Feinde und schlugen sie freundlich tot. Politiker diskutieren ungern, so wie Marx kein Vielleicht duldet.


Religion ist Zeitvertreib, der Glaube an Gott ist es nicht. Zu leugnen, dass es einen Gott gibt, ist vor allem unglaublich arrogant, denn es bedeutet, dass alles, was über unseren Horizont geht, nicht existiert.


In Wien habe ich oft an Selbstmord gedacht, und eine Zeit war ich dem Psychiater Erwin Ringel befreundet, der sich auf Selbstmörder spezialisiert hatte. Er konzentrierte sich auf Menschen, die eventuell Selbstmord begehen wollten, während ich mich für solche interessierte, die bereits Selbstmord begangen hatten.


Künstler bleiben melancholisch, alle anderen heiter…Die Kunst fordert den ganzen Menschen, und ihr Lohn ist Erkenntnis und Einsamkeit…Auch Nietzsche war damals einsam und ist einsam geblieben…Ich gestehe, dass ich immer wieder Goethe, Heine, Nietzsche lese, weil ich nichts anderes finde, ich vertrage nicht mehr soviel Unsinn wie früher.


Ich glaube, wir leben in einer Kunstpause….es ist generell eine trostlose Zeit für lebende Künstler. Vor allem sucht man sie nicht, solange die Verkaufszahlen der Dilettanten stimmen.


In Amerika gibt es weniger Intrigen und Neid, da dort die Künstler nicht verbeamten…Es ist ja nicht schwer, ein Theater zu führen, solange es in den Händen der Regierung bleibt. Wotan mit Aktentasche, Romeo ist schwul, Othello findet im Boxring statt, Zauberflöte im Zirkus, Hamlet im Schwimmbad, da ist die Kunst frei, wenn auch tot, und alles sind glücklich - bis auf das Publikum….


Als ich einem Journalisten erzählte, dass ich im 2. Weltkrieg einige Spitzennazis wie Göring, Streicher und Kaltenbrunner kennengelernt hatte, fragte er mich, ob ich diese Verbrecher gehasst hätte. Nein, antwortete ich, ich habe sie nicht gehasst, es hat mich ihnen geekelt. Seltsamerweise und ohne Vergleiche ziehen zu wollen, befällt mich ein ähnlicher Ekel, wenn ich an diese heutigen Theatermacher denke.


Wenn man Pop-, Rock-, Hip-Hop- und andere billige Musik verbieten würde, gleichzeitig alle Kitschliteratur und Kitschbilder, würden die Menschen genauso gern echte Kunst genießen und es wäre eine ungeheure Bereicherung…Fantasie ist vorhanden, aber das handwerkliche Können fehlt.

Um zu wirken, braucht diese Musik Showeffekte wie Tanz, Lichtwechsel, Möbelzertrümmerung, Publikumsgeschrei, und erst dann kann man ihr gelegentlich zuhören. Wenn man sie nur auf einer CD erlebt, empfiehlt sich gleichzeitiges Autofahren, Joggen oder Geschirrspülen.


Gewiss gibt es hervorragende Künstler, die hat es zu allen Zeiten gegeben, aber sie kommen kaum zu Wort. Zu Wort kommen diejenigen, die nicht Kunst produzieren, sondern ihre persönlichen Karrieren…Diese „Künstler „ bekommen dann auch gute Kritiken, denn vom Dilettantismus verstehen die Kritiker viel…Schließlich verwahrlost das Publikum, und die Gesellschaft verroht, Anzeichen gibt es heute genug…Die Welt wird ärmer, die Künstler ziehen sich zurück, werden immer fremder, und auf allen Seiten entsteht Hass.


Der Stolz auf die eigene Arbeit geht leider in Europa allmählich verloren…

gkbio.jpg

Der liebe Herr Bernhard


VON ULRICH WEINZIERL






12. Dezember 2009, 04:00 Uhr

... und sein Briefwechsel mit seinem Verleger Siegfried Unseld

Es glich, nach jahrzehntelangem Ringen, einer schriftlichen Kapitulation. Am 24. November 1988 schickte Siegfried Unseld dem "lieben Herrn Bernhard" ein Telegramm: "Für mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten." Statt herzlicher Grüßen das Eingeständnis totaler Erschöpfung: "Ich kann nicht mehr." Der "liebe Herr Bernhard" erwiderte trocken: "Dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die sie jemals gehabt haben." Stammte solche Behauptung nicht von einem Todgeweihten, müsste darob das gute alte "homerische", ein nicht enden wollendes Gelächter erschallen. Doch noch war das Schlusswort in dieser Beziehung nicht gesprochen.

...

Selbstverständlich ist Unseld kein reiner Mäzen und Säulenheiliger des L'art pour l'art gewesen, sondern vor allem ein glänzender, ein gerissener Geschäftsmann, ein visionärer Stratege der Branche.

Verglichen mit dem vermeintlich in anderen Sphären schwebenden Sprachkünstler Bernhard war er jedoch nichts als ein begabter Anfänger. Denn der Schriftsteller verfügte, auch und gerade in Gelddingen, über eine wahrlich grandiose Unverschämtheit: Seine urösterreichische Chuzpe entbehrte nicht der Grandezza, er taktierte unermüdlich, bis er seine Wünsche - oft durch sanfte Erpressung - durchgesetzt hatte. Schon bei der ersten Begegnung, Ende Januar 1965, in Unselds Frankfurter Haus, hatte er ihm, der krank war und fieberte, einen Vorschuss von nicht weniger als 40 000 Mark entlockt - ...

Und gleich zu Beginn wurde der Verleger belehrt: "In die Poesie gehört die Ökonomie, in die Fantasie die Realität, in das Schöne das Grausame, Hässliche, Fürchterliche hineingemischt." Eine in der Tat bekömmliche Mixtur.

...

"Ich mag Sie halt sehr!", bekannte Siegfried Unseld im Februar 1972. Und: "Dieser Satz wird für die Verlagskopien gestrichen, er geht außer uns schließlich niemand etwas an."

...

Bernhards Schimpfkanonaden sind außerordentlich unterhaltsam. In München etwa wäre er 1973 am liebsten auf die Bühne gesprungen und "hätte diese niederträchtigen Lemuren von größenwahnsinnigen Schauspielern eigenhändig umgebracht, nicht ohne vorher dem so genannten Regisseur tödliche Ohrfeigen versetzt zu haben. Dieses deutsche Theater, lieber Doktor Unseld, nimmt doch das Maul bis zur Ungeheuerlichkeit voll, während es doch nicht das geringste Hirn hat."


Vom Unternehmen Suhrkamp fühlte er sich grundsätzlich im Stich gelassen. Mit beträchtlicher Hingabe intrigierte er beim Chef gegen leitende Angestellte. Die Ausnahme bildete Unselds engste Mitarbeiterin, dessen Sekretärin Burgel Zeeh, der er blind vertraute. Offenkundig beschwerte er sich auch um der Beschwerde willen. Eben das machte und macht ihn, für ungefährdete Außenstehende, amüsant.

...

Es ist nun mal so Sitte: Jeder bedeutende Literat hält seine Kollegen für unbedeutend und überschätzt. Diesem Brauch huldigte Thomas Bernhard hemmungslos. Dass Unseld gegen Thomas Bernhards Erstes Gebot ("Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!") verstieß, versteht sich von selbst. Als Großverleger hatte er nicht bloß eine Primadonna zu betreuen. Insbesondere, polterte Bernhard in einem vorsichtshalber dann doch nicht abgeschickten Eifersuchtsbrief, habe Suhrkamp den "absoluten Kleinbürgerschmarren von Martin Walser" in der Werbung weit über Gebühr bevorzugt: "Sie haben in meinen Rolls-Royce nur einen Liter Normalbenzin gegossen und ihn stehen lassen, während Sie in den Opel-Kadett Ihres Freundes vier bis fünf Zusatztanks haben einbauen und mit Superbenzin haben anfüllen lassen." Bei Autos kannte sich der Herrenfahrer des Lebens Thomas Bernhard aus: Dieser Tage wurde auf Ebay sein zuletzt erworbenes Fahrzeug, ein Geländewagen ausgerechnet des Typs "Samurai", als Reliquie für 30 000 Euro verkauft: das Sechsfache des realen Werts. Bernhard hätte seine Freude gehabt.

...

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Briefwechsel. Hrsg. von Raimund Fellinger ed. al. Suhrkamp, Frankfurt/M. 869 S., 39,80 Euro.

Georg Kreislers Autobiographie „Letzte Lieder“

Aus Georg Kreislers Autobiographie „Letzte Lieder“

Ob ich selbst Kinder habe, ist eigentlich auch eine Frage. Mein erster Sohn wurde mir im Alter von acht Jahren mit Gewalt von der Mutter weggenommen und dann mit richterlicher Erlaubnis von mir ferngehalten. Acht Jahre lang waren wir sehr fröhlich miteinander gewesen, aber das scheint er vergessen zu haben, was ich ihm nicht übel nehmen kann. Er blieb verschollen.
Auch mein zweiter Sohn war ein fröhliches Kind; erst als Erwachsener entschloss er sich zur Flucht vor mir. Die Gründe dafür sind mir unbekannt, und wenn er meint, sie zu kennen, irrt er sich. Dasselbe gilt für meine Tochter. Ich glaube, ich sollte dankbar sein, denn sie waren reizende Kinder. Aber Kinder sind zerbrechliche Geduldspiele, die meisten Eltern spielen sie gern, und manche Kinder helfen ihnen dabei, andere nicht.
Natürlich braucht man Lehrer, wenn man sie haben will. Auch mein Vater war mein Lehrer, aber ich entschied selbst, was ich von ihm lernen wollte. Eine Zeit lang glaubte ich bedingungslos jedes Wort, das von seinen Lippen kam, und er glaubte mir nichts. Aber ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, denn sie mühten sich redlich. Arnold Schönberg schrieb an Karl Kraus: „Ich habe von Ihnen vielleicht mehr gelernt, als man lernen darf, wenn man noch selbstständig bleiben will.“

Freitag, 11. Dezember 2009

Heute wird man auch schon übers Fernsehen PROFESSOR

Fernsehkoch Johann Lafer wird Hochschulprofessor

Johann Lafer

Johann Lafer

Fernsehkoch Johann Lafer wird Professor. An der Hochschule im hessischen Fulda werde er vom Sommer nächsten Jahres an als Lehrender im Hörsaal stehen, sagte der 52-Jährige am Donnerstag bei der Gesprächsreihe „Starvisit“ des Burda-Verlags in Offenburg. Er habe einen Lehrauftrag in Kulinaristik, Esskultur und Kochkunst angenommen. Es gehe darum, Haushalts- und Ernährungswissenschaftler fit zu machen für den Einsatz als Geschmackstrainer in Schulen und Kindergärten sowie in der Großgastronomie. Dieses Vorhaben sei einmalig in Deutschland, sagte Lafer.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Aus einem Blog:

Jetzt versucht der Mensch auch noch, das Klima seinen Bedürfnissen anzupassen, statt sich auf den Klimawandel einzurichten...

das nenne ich Hybris.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Nicht einmal der Hund fraß es...

Peter Haffner erzählt die Geschichte des Lebensmittelwissenschaftlers Robert Baker, der Hühnerfleisch so profitabel machen wollte wie Rindfleisch und der unter anderem die Chicken Nuggets erfand: "Jacoba 'Jackie' Baker, der munteren, nun 89-jährigen Witwe, oblag es zu kochen, was ihr Gatte zusammengebraut hatte. 'Wenn unsere Kinder es nicht gern hatten, zuckte er mit den Schultern. Mochten die Nachbarkinder es nicht, hielt er sie für verwöhnt', sagt sie.
'Nur wenn der Hund es nicht fraß, meinte er, er müsse noch mals ins Labor und dran arbeiten.'"

Reto U. Schneider verleidet einem erfolgreich Frühstücksflocken, die bis zu 55 Prozent aus Zucker bestehen. 'Manchmal ist es gesünder, den Karton zu essen', sagt die Ernährungswissenschafterin Marion Nestle von der Universität von New York."

Die eigene Gemeinheit in der Kunst wiedergespiegelt

James Panero findet eine wenig menschenfreundliche Antwort auf die Frage, warum die spekulative Blase bei Pop Art auf Teufel komm raus nicht platzen will - ein Gemälde von Andy Warhol mit der Abbildung von zweihundert Ein-Dollar-Noten brachte bei Sotheby's am 11. November 43 Millionen Dollar.


Paneros Theorie: Gerade Pop-Art-Künstler wie Warhol schafften es, Kenner und Kritiker als Instanzen des Kunsturteils auszuschalten und neureiche Sammler an ihre Stelle zu setzen: "Gerade eine Kunst mit ungewissem inneren Wert erwies sich als geeignetste für die Manipulation des Marktes. Eine Kunst mit kräftigen Zoten über Billigkeit oder Tod schoss preislich nach oben, während traditionellere Arbeiten, die Jahre visueller Kontemplation brauchten, um die Komplexität ihrer formalen Qualitäten zu erschließen, keineswegs die gleiche Entwicklung nach oben vollzogen."


Und die Museen spielen mit: "Kuratoren verteidigen solch teure Gegenwartskunst, weil sie den Kommerzialismus des Zeitalter widerspiegele: Der Markt gibt der Kunst Bedeutung. Durch die Käufe der Museen können sich internationale Sammler als Mitglieder im Club des Marktexzesses fühlen. Das Publikum fühlt sich dann von dieser Kunst angezogen, weil es seine eigene Gemeinheit darin bestätigt sieht - eine Haltung, deren Gültigkeit ihm wiederum durch die Kunst beteuert wird."


Sonntag, 15. November 2009

Im Gespräch: Andre Agassi - Der Tennis-Spieler, der Tennis hasst


Hat Ihnen Tennis einen Schlag versetzt?

Von Nina Rehfeld

Vom schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein: Andre Agassi

Vom schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein: Andre Agassi

15. November 2009 Vor der Andre Agassi College Preparatory Academy in Las Vegas wird Basketball gespielt. Zwei Mädchen winken dem Paten ihrer Schule zu. Er winkt zurück: „Das habe ich mir immer gewünscht - nach dem Unterricht mit Kumpels abzuhängen!“ Jetzt will er aber über seine Autobiographie reden.

Warum haben Sie „Open“ geschrieben?

Die letzten drei Monate meiner Karriere waren psychisch und physisch ungeheuer belastend. Meine Zuflucht war ein Buch namens „The Tender Bar“ von J. R. Moehringer.

Die Geschichte von einem Mann, der als Kind in einer Kneipe seine Ersatzfamilie findet.

Ja. Ich habe mich sehr mit dem Erzähler identifiziert und begann, mein Leben literarisch zu sehen. Ich wusste, dass es viele Perlen enthält, aber nicht, was meine Geschichte eigentlich war. Also machte ich mich daran, das zu entdecken. Und ich bat J. R. Moehringer, mir dabei zu helfen.

„Der Hass zwingt mich in die Knie, die Liebe bringt mich wieder auf die Füße“, heißt es zu Beginn Ihres Buches. Was bedeutet das?

Ich habe zeitlebens einen heimlichen, dunklen Hass auf das Tennis gepflegt. Am Morgen vor meinem letzten Turniermatch wachte ich auf dem Fußboden eines Hotels auf. Ich musste mich erinnern, wo ich war, wer ich bin. Ich war physisch und psychisch völlig erschöpft davon, so lange etwas gemacht zu haben, das ich nicht leiden konnte. Ich rappelte mich auf die Knie, mit einer enormen Anstrengung aus Hass, Angst und Schmerz. Doch als ich da so kniete, hörte ich meine Kinder und Stef im Nebenzimmer, und mich erfüllte eine Liebe, die mir auf die Füße half.

Hassen Sie Tennis immer noch?

Nein. Tennis hat mir zwei unschätzbare Geschenke gemacht, meine Schule und Stef. Ich habe meinen Preis gezahlt, und der ist wahrlich nicht gering gewesen. Aber zugleich habe ich ein riesiges Geschenk bekommen.

Ihr Bekenntnis, 1997 Metamphetamin genommen zu haben, hat prompt für einen Skandal gesorgt. Warum sind Sie so offen im Buch?

Es gibt tausend Mutmaßungen darüber: Er will in die Politik! Er hat Angst, dass es sowieso rauskommt! Er will sein Buch besser verkaufen! Aber was ist denn mit dem schlichten Bedürfnis, ehrlich zu sein? Soll ich vielleicht noch zehn Jahre warten, bevor ich ehrlich bin? Oder sollte ich es einfach niemals sein?

Sie schildern auch, wie Sie der drohenden ATP-Sperre mit einer Lüge entgangen sind, nachdem man Metamphetamin in Ihrem Urin nachgewiesen hatte.

Ich habe mich wahnsinnig dafür geschämt, und ich habe jeden Tag meines Lebens gesühnt. Ich habe damals eine zweite Chance erhalten. Die meisten Menschen würden für so etwas keine zweite Chance erhalten, und das ist mir schmerzlich bewusst. Dieses Buch ist ein Teil der Buße für die Drogengeschichte. Es hat es mich großen Mut gekostet. Aber meine Geschichte könnte vielleicht auch andere inspirieren. Und wenn das um den Preis geschieht, dass manche künftig weniger von mir halten, dann ist der ziemlich gering.

Das Problem an einer Lüge ist ja oft, dass man sie mit weiteren Lügen aufrechterhalten muss.

Ich habe viel gelogen. Mir war die Chance nicht vergönnt, mein eigenes Leben zu leben, und erst als ich mit dem Tennis aufhörte, konnte ich zurückblicken und mich dafür schämen, dass ich Drogen genommen habe, dass ich Journalisten nicht ins Gesicht sagen konnte, wie sehr ich Tennis hasse. Ich konnte das damals nicht einordnen, erst, nachdem ich das Spielen aufgegeben hatte. Ich hoffe, dass die gesamte Geschichte die einzelnen Ereignisse transzendiert.

Was war das schlimmste Spiel Ihres Lebens?

Ich glaube, das war das Match gegen Todd Martin in Stuttgart 1997. Ich war damals auf Platz 141 der Weltrangliste abgestürzt und hatte die Veranstalter quasi gebeten, mich mitmachen zu lassen. Ich habe innerhalb von fünfzig Minuten verloren. Mein Trainer Brad Gilbert schleppte mich in unser Hotel und sagte: Wir gehen hier nicht wieder raus, bevor wir entschieden haben, wie wir weitermachen. Mir wurde klar, wie tief ich gesunken war - und vor allem, wie sehr ich Brad hatte altern lassen. Er sah müde aus, fertig. Und trotzdem glaubte er immer noch an mich. Ich war fürchterlich beschämt, aber zugleich seltsam inspiriert. Und das brachte mich dazu, die Dinge umzukrempeln. Ich weiß noch, wie ich auf den Stuttgarter Berufsverkehr hinausstarrte und dachte: Viele Leute hassen ihren Job. Vielleicht muss ich nur alte Aufgaben neu deuten.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Meine Schule hat mir dabei geholfen. Plötzlich gab es etwas, was viel weiter reicht als ich. Es war, als sei ich auf einmal Mitglied eines Teams. Du hast also schlecht geschlafen, hattest einen blöden Tag und bist mies drauf? Na Pech, denn man braucht dich. Es geht um die Leute hier, die kannst du nicht enttäuschen.

Sie haben in der neunten Klasse die Schule abgebrochen.

Ich bin ohne jede Wertschätzung für schulische Bildung aufgewachsen. Wenn ich nicht zum Unterricht gehen wollte, fühlte sich das wie Loyalität meinem Vater gegenüber an, der uns den ganzen Tag auf dem Tennisplatz sehen wollte. Ich wurde also in meiner Abneigung gegen die Schule auch noch bestärkt. Das Verrückte ist: Ich habe eigentlich gern gelernt! Ich hatte nur keine Chance dazu. Vielleicht lag es an meinen Lehrern, vielleicht am vielen Druck, dem ich zu Hause gerecht werden musste. Vielleicht waren es auch physische Gründe. Ich verausgabte mich ja fürs Tennis derart, dass ich immer todmüde und völlig alle war.

Also bauten Sie 2001 die Schule, die Sie gern gehabt hätten - ohne Tennisplatz?

Ja. Ich stellte mir einen Ort voller Menschen vor, die nicht bloß ihren Job herunterleiern. Was wäre, wenn man diesen Kindern, an die unsere Gesellschaft nicht glaubt, eine Wahl gäbe? Ich habe mich schließlich oft genug selbst gefragt, was ich mit meinem Leben getan hätte, wenn ich eine Wahl gehabt hätte.

Ihren Vater beschreiben Sie als gefühlskalten Schinder. Er ließ Sie als Kind einmal gegen einen Football-Star antreten und setzte das Familienvermögen auf Sie. Wie hat er jetzt reagiert?

Mein Vater hat mir sofort gesagt: Ich werde das Buch nicht lesen, ich weiß, was ich getan habe, um einen Champion aus dir zu machen. So viel dazu. Aber er war die erste formative Kraft in meinem Leben, er brachte mir bei, hart zu mir selbst zu sein.

Hat sich Ihre Beziehung verändert, seit Sie mit dem Tennis aufgehört haben?

Unser Verhältnis hat sich verändert, er nicht. Er hatte selbst nie eine Wahl in seinem Leben. Wir haben inzwischen ein ganz gutes Verhältnis. Wir umarmen und zeigen uns, dass wir uns lieben, was erstaunlich ist. Wir sehen uns jedes Wochenende mit den Kindern.

Als Sie noch mit Brooke Shields verheiratet waren, schmückte bereits ein Bild von Steffi Graf Ihren Kühlschrank.

Nein, Brookes Kühlschrank. Sie bewunderte Steffis Beine so sehr und nutzte sie als Inspiration für ihr Fitnesstraining. Ich fand die auch nicht schlecht, ehrlich gesagt.

Was zog Sie sonst an Steffi Graf an?

Ich habe sie hin und wieder auf Turnieren getroffen, aber nie viel mit ihr zu tun gehabt. Aber dann sah ich sie in einem Interview im französischen Fernsehen, und sie wirkte so unglaublich bescheiden. Ihre ganze Art beeindruckte mich ungeheuer. Sie wirkte so anders, als ich mich fühlte. Sie lebte ihren Wert, sie wirkte, als fühlte sie sich wohl in ihrer Haut. Und sie sah aus, als würde sie gut duften.

Aber sie ließ Sie grausam abblitzen - Rosen, die Sie ihr schickten, verwelkten auf dem Balkon, sie erwiderte Ihre Anrufe nicht.

Ich wusste ja, dass sie dachte, ich sei noch verheiratet. Ich vermutete, dass sie mich für einen Perversen hielt. Ich musste also warten, bis sie herausfand, dass ich geschieden bin, und ich hoffte, dass sie eins und eins zusammenzählen würde.

Dann haben Sie ein gemeinsames Training arrangiert und sich Ihr Hemd vom Leib gerissen.

Na ja, ich bin mir nicht ganz sicher, ob mich das vorangebracht hat. Später hat sie erzählt, dass ich sie schon damit beeindruckt habe. Aber ich wollte ja nur eine Chance, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen.

Sie haben Ihre Schmerzkapazitäten angesprochen - Sie wurden mit einer Rückenschwäche geboren und haben auf dem Tennisplatz Höllenqualen gelitten. Täuscht der Eindruck, dass Ihnen der Schmerz zum Freund wurde?

Schmerz war ziemlich oft dabei. Ich hatte dauernd das Gefühl, irgendwas nicht verdient zu haben. Dann habe ich mir selbst Schmerzen zugefügt, am liebsten auf dem Tennisplatz, vor den Augen der Welt. Als ich 1996 zur Australian Open fuhr, wusste ich, dass ich nicht vorbereitet bin. Also ging ich ohne Hut auf den Platz und hielt meinen nackten Schädel die brütende Sonne, damit ich zumindest richtig leiden würde. Es war echte Selbstquälerei.

Sechs Jahre zuvor hatten Sie noch eine ansehmliche Matte: ein Toupet, wie Sie jetzt zugeben.

Ich war Zeuge, wie mein Bruder sein Haar verlor, ein schwerer Schlag für sein Selbstbewusstein. Als meine Haare ausfielen, war es, als würde ich meine Persönlichkeit verlieren, und dass das in aller Öffentlichkeit passieren solle, erschien mir wie das vielfach verstärkte Trauma meines Bruders. Ich stand 1990 bei den French Open in meinem ersten Grand-Slam-Finale und schickte Stoßgebete zum Himmel: Bitte, lass das Toupet bloß nicht runterfallen! Ich sah es schon von meinem Kopf rutschen und auf den Platz fliegen und wie dies zum absurdesten Moment der Sportgeschichte werden würde. Es war der reine Horror.

Sie haben das Match verloren. Und wurden zum Modeidol.

Das habe ich aber nicht kapiert: Warum um Himmels willen wollten die Leute wie ich sein? Ich wollte ja nicht mal selbst ich sein! Und während ich mich unter meinem Vokuhila vor mir selbst versteckte, wurde von mir verlangt, mit dieser unverstandenen Persönlichkeit auch noch eine Rolle zu spielen.

In Ihrem Buch schreiben Sie von Ihrer Entschlossenheit, Ihre Kinder niemals Tennis spielen zu lassen. Ist das immer noch so?

Es war uns sehr wichtig, ihnen die Wahl zu überlassen. Jaz spielt jetzt zwei- oder dreimal die Woche. Sie nimmt Unterricht, aber sie hat einfach nur Spaß daran. Für die Zeit, die sie investiert, ist sie ziemlich gut. Sie hat definitiv Talent. Jaden spielt Baseball, er schwingt also auch etwas und schlägt hart zu.

Sie schreiben viel darüber, wie schwer Ihnen das Aufhören fiel. Wie war es dann?

Nach meinem letzten Match fühlte ich mich wie damals, als ich mir meinen Schädel zum ersten Mal rasiert hatte. Das Gewicht der Welt war von meinen Schultern genommen. Ich war an dem Ende, nach dem ich die ganzen Jahre über vergeblich gesucht hatte. Ich konnte Schluss machen, ohne aufzugeben, ohne die vielen Menschen im Stich zu lassen, die mich nie im Stich gelassen haben. Und ich war heilfroh, dass das körperliche und emotionale Drama vorüber war. Schwierig war, sich an einen neuen Rhythmus zu gewöhnen. Im Sport bekommt man für jede Entscheidung ein direktes Feedback. Im Leben herrscht ein anderer Rhythmus. Wenn man in der Erziehung seiner Kinder etwas verändert, gehen Jahre ins Land, in denen man aufmerksam beobachten muss, wie sich das auswirkt. Tennis und Leben sind in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich, und das hat mich anfangs ziemlich ungeduldig gemacht.

Vermissen Sie den Wettbewerb?

Nein, das war es ja, was mich wahnsinnig machte, was mir so schwer auf der Seele lag. Gewinnen fühlte sich nie so gut an, wie Verlieren sich schrecklich anfühlte. Es war, als wenn das Spiel so angelegt wäre: dass es immer gleich endet, dass es einem mehr nimmt als gibt. Ich dachte immer, ich bin ein launischer Mensch. Aber inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Tennis launisch ist.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa