DIE RABENSCHWARZE SEITE

Sonntag, 7. Dezember 2008

Milan Kundera soll reden


Von Anja Seeliger

23.10.2008. Ein Dementi reicht nicht aus. Milan Kundera soll seine Version der Geschichte erzählen, denn Iva Militka und Miroslav Dvoracek verdienen die Wahrheit

Der heute achtzigjährige, durch einen Schlaganfall geschwächte Miroslav Dvoracek wird sterben, ohne zu wissen, wer ihn 1950 bei der tschechischen Polizei verraten und damit für 14 Jahre in die Uranmine geschickt hat. Die heute 79-jährige Iva Militka, die 1950 ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann Miroslav Dlask von Dvoraceks Besuch in ihrem Studentenwohnheim erzählt hatte, wird nie erfahren, ob es ihr Ehemann war, der daraufhin zur Polizei ging, oder dessen Freund Milan Kundera oder auch beide. Sie wird nur wissen, dass ihr Jugendfreund Miroslav Dvoracek sein Leben lang geglaubt hat, sie hätte ihn verraten. Es geht hier nicht nur um Kundera, es geht vor allem um Iva Militka und Miroslav Dvoracek.

Das scheint außer den beiden niemanden zu interessieren. Die deutschen "Qualitätsfeuilletons", die gerade kilometerlange Erwägungen zu einer deutschen Fernsehposse produziert haben, interessiert es ganz sicher nicht. Die FAZ hatte einen Bericht in ihrem Kulturteil, ansonsten wurde die Sache im politischen Teil behandelt. Im Feuilleton der SZ und der Zeit: kein Wort. (Mehr zu den Reaktionen auf die Geschichte in unserem ersten Link des Tages.)

Nach der Veröffentlichung eines Polizeiberichts vom 14. März 1950, aus dem hervorgeht, dass ein Mann namens Milan Kundera, geboren am 1. April 1929 in Brünn, Meldung über einen Miroslav Dvoracek gemacht hat, haben Schriftsteller und Intellektuelle die Veröffentlichung eben dieses Dokuments scharf kritisiert: Yasmina Reza fand in Le Monde, man hätte es "mit Vorsicht" behandeln und eigentlich gar nicht veröffentlichen sollen. Vaclav Havel sprach in Respekt von einer Diffamierung Kunderas, György Dalos fürchtet im Freitag, dass "dieses Ereignis in den Medien nach dem Strickmuster der Stasi-Enthüllung ausgewertet" würde. Rolf Schneider erklärte in der Welt, Stasi-Akten sei eh nicht zu trauen (dass es hier nicht um eine Stasiakte, sondern um einen ganz gewöhnlichen Polizeibericht ging, hatte er nicht bemerkt). Und die Tschechische Akademie der Wissenschaften wirft dem Historiker Adam Hradilek, der die ganze Sache in Respekt bekanntgemacht hat, jetzt vor, die Veröffentlichung des Polizeiberichts im Magazin Respekt "bezeuge einen Mangel an wissenschaftlichem Denken".

Man fragt sich, was Hradilek eigentlich hätte tun sollen? Den Bericht wieder in den Aktenhaufen zurückschieben und schweigen? Ihn gleich in den Schredder befördern?

Nach allen Informationen gibt es niemanden mehr, den man in dieser Angelegenheit befragen kann. Der Polizeibeamte, der den Bericht geschrieben hat, ist tot. Iva Militkas Ehemann Miroslav Dlask ist in den neunziger Jahren gestorben, ohne seiner Frau je erzählt zu haben, was genau an diesem 14. März 1950 tatsächlich passiert ist. Er hat ihr gegenüber nur zugegeben, dass er Kundera von dem Besuch Dvoraceks erzählt hat. Miroslav Dvoracek hat einen Schlaganfall erlitten. Der greise Literaturhistoriker Zdenek Pesat, der vor wenigen Tagen in einem schriftlichen Statement erklärt hat, Miroslav Dlask hätte ihm gestanden, Dvoracek verraten zu haben, ist schwer krank und kann nicht sprechen. Weitere Akten, die vielleicht mehr Auskunft geben könnten über die Ereignisse damals, wurden bisher offenbar nicht gefunden.

Der einzige, der erzählen könnte, was damals geschah, ist Milan Kundera. Und das soll er nun endlich tun. Er hat den Artikel von Adam Hradilek zwar zurückgewiesen und als "reine Lüge" bezeichnet, ein bloßes Dementi. Über die damaligen Ereignisse, über Miroslav Dlask, spricht er nicht. Havel, Dalos, Schneider und Reza haben ihn auch nicht dazu aufgefordert. Wer Dvoracek verraten hat, interessiert sie nicht. In ihren Verteidigungsreden für Kundera sind Dvoracek und Militka Randfiguren.

Statt dessen fordern sie die Historiker auf, die ganze Angelegenheit mit mehr Delikatesse und im Licht der damaligen Zeit zu bewerten. Aber wie Kunderas Verhalten 1950 zu bewerten ist, ob man ihm Vorwürfe machen kann oder sein Werk neu lesen muss, ist vollkommen zweitrangig. Zuerst muss man wissen: Hat Kundera am 14. März 1950 den Besuch Dvoraceks bei Militka der Polizei gemeldet oder nicht?

Im Augenblick gibt es nur ein Dokument, das dies belegt: den Polizeibericht vom 14. März 1950. Dass das Papier eine nachträgliche Fälschung ist, hat bisher noch niemand behauptet. Es kann dennoch nicht schaden, das Papier nun noch einmal nach allen Regeln der Forensik zu untersuchen. Falls das Papier ein Original ist, und alles spricht bisher dafür: Was könnte man sonst noch dagegen sagen?

- Man könnte annehmen, dass irgendjemand zur Polizei gegangen ist und sich als Milan Kundera ausgegeben hat. Miroslav Dlask zum Beispiel. Ist das wahrscheinlich? Musste man sich damals nicht ausweisen, wenn man der Polizei eine solche Meldung machte? Kunderas Name, Geburtsdatum, Geburtsort und damalige Wohnadresse in dem Bericht sind korrekt. Und warum hätte Dlask sich als Kundera ausgeben sollen? Warum hätte er ihn in diese Angelegenheit verwickeln sollen? Wenn es so einfach war, vor der Polizei seine Identität zu verbergen, hätte er dann nicht eher einen erfundenen Namen angegeben?

- Kundera hat den Bericht nicht unterschrieben. Warum auch? Das Dokument ist kein Verhörprotokoll, sondern ein interner Vermerk über die Ereignisse dieses Tages. Der Polizeibeamte berichtet nicht nur über die Meldung um 16 Uhr, sondern auch über die Maßnahmen, die er daraufhin ergriffen hat: Durchsuchung und Überwachung der Wohnung Militkas und die Festnahme Dvoraceks um 20 Uhr. Warum hätte die Person, die um 16 Uhr die Meldung gemacht hat, diesen Bericht unterschreiben sollen? Ich weiß nicht, was 1950 auf einem Prager Polizeirevier üblich war. Aber Vaclav Havel weiß es. Ivan Klima weiß es. Und die Wissenschaftler der Tschechischen Akademie sollten es eigentlich auch wissen. Warum sagen sie nichts dazu?

- Auch die Aussage Zdenek Pesats, dass Miroslav Dlask ihm gegenüber den Verrat des unerwünschten Besuchers gestanden habe, entlastet Kundera noch nicht. Wie genau sah dieses Geständnis aus? Hat Dlask ihm denn gesagt, dass er sich gegenüber der Polizei als Kundera ausgegeben hat? Denn sonst schließt ein Verrat durch Dlask einen Verrat durch Kundera nicht aus. Beide können unabhängig voneinander zur Polizei oder auch zur Stasi gegangen sein.

Wenn Kundera fälschlich beschuldigt wurde, dann hat er das Recht sich zu wehren. Er hätte es auch vor der Veröffentlichung des Artikels schon tun können, denn Respekt hat ihn in einem Fax rechtzeitig über die Recherchen informiert. Bevor er aber von einem "Attentat auf einen Autor" spricht und eine Entschuldigung von Respekt verlangt, sollten er und die Öffentlichkeit auch mal einen Gedanken an Iva Militka und Miroslav Dvoracek verschwenden. Sie verdienen die Wahrheit.

Anja Seeliger